Formel 1 / Hintergrund

Der Mercedes AMG GT S ist kein Biest - Vorgestellt: Das neue Safety-Car

Bernd Mayländer pilotiert das Formel-1-Safety-Car. Beim Australien GP 2015 löste der neue Mercedes AMG GT S den SLS ab. Wir trafen Neuwagenbesitzer Mayländer.
von Christian Menath
MSM TV: Bernd Mayländer erklärt das F1 Safety Car: (03:06 Min.)

Malaysia, Rennsonntag: 37 Grad werden im Schatten gemessen. Der Asphalt brennt förmlich. Als die Sonne auf dem Zenit steht, trifft sich Motorsport-Magazin.com mit Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer in der FIA-Garage in der Boxengasse. Die gute Nachricht: Er hat seinen neuen Dienstwagen dabei. Die schlechte Nachricht: In der Garage ist es auch nicht kälter als draußen. Stolz präsentiert Mayländer sein neues Spielzeug, den Mercedes AMG GT S. Die heißen Kurven des silbernen Boliden machen die extreme Hitze auch nicht erträglicher. Doch vor der Erklärung ruft die Pflicht: Das Safety Car muss umgeparkt werden. In seiner aktuellen Position versperrt es den F1-Stars den Weg zur Fahrerparade.

Mit einem infernalischen Grollen ertönt der doppelt zwangsbeatmete V8. Ein paar Gasstöße und Lenkbewegungen später steht der GT S perfekt eingeparkt rückwärts in der Garage nebenan. Während nebenan Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Co. Richtung Fahrerparade marschieren, darf Motorsport-Magazin.com im Cockpit des AMG GT S Platz nehmen. Erneut gibt es eine schlechte Nachricht: Das Safety Car ist zwar nahezu identisch mit der Serienversion und verfügt deshalb auch über eine Klimaanlage, allerdings läuft die in der Garage nicht. Schon im kurzärmligen Hemd treibt es einem die Schweißperlen auf die Stirn. Mayländer ist um seinen Overall also keineswegs zu beneiden - um seinen Dienstwagen jedoch sehr.

Neuer Silberpfeil für Mayländer 2015

Neues Safety Car: Mercedes-AMG GT S: (01:00 Min.)

Der Safety-Car-Fahrer der Formel 1 ist bereits seit dem Jahr 2000 im Amt. Lediglich vier Rennen hat Mayländer seither verpasst - krankheitsbedingt. Somit kommt er inzwischen auf knapp 270 Grand-Prix-Wochenenden. Während die meisten Piloten kaum 100 Rennen mit einem Team bestreiten, setzt Mayländer auf Konstanz. Seit der Jahrtausendwende ist der AMG-Markenbotschafter lediglich mit Modellen aus Affalterbach unterwegs. Nach zuletzt fünf Jahren mit dem Mercedes-Benz SLS AMG war es 2015 Zeit für ein neues Modell. Seit dem Großen Preis von Australien führt Mayländer das Feld mit dem neuen Mercedes AMG GT S an.

"Ich bin absolut happy, dass ich ein neues Auto bekommen habe", freut sich Neuwagenbesitzer Mayländer. "Der SLS war fünf Saisons im Einsatz. Jetzt gibt es eine neue Herausforderung. Der GT S ist ein fantastisches Auto mit einer tollen Vorgeschichte. Erkenntnisse vom SLS wurden übernommen und neue Dinge verbaut: Der GT S hat einen komplett neuen Motor und einen neuen Getriebestrang. So gesehen ist es schön, nach fünf Jahren etwas Neues zu haben."

Dabei ist der GT S beim reinen Blick auf das Datenblatt eine Art Rückschritt. 2,2 Liter Hubraum weniger, dafür zwei Turbolader mehr. Das ergibt in Summe 510 statt 571 Pferdestärken. "Klar ist es ein bisschen ungewöhnlich, weniger PS zu haben als beim Vorgänger", gibt Mayländer zu, schränkt aber ein: "Das Auto fährt sich ganz anders. Vom Drehmoment sind wir nicht schlechter, sondern sogar besser aufgestellt. Es ist ein anderes Konzept. Die Beschleunigungswerte sind vielleicht ein kleines Bisschen schlechter und auch der Topspeed ist auf dem Papier nicht so hoch. Aber wir fahren ja auch keine 317 km/h Topspeed wie es mit dem SLS möglich gewesen wäre, und auch keine 310 km/h wie es mit dem GT S möglich wäre."

Durch das höhere Gewicht war der SLS nicht so agil wie der GT S - Foto: Sutton

GT S fährt sich deutlich besser als der SLS

Jene Geschwindigkeiten erreichen die Straßen-Boliden im Hochgeschwindigkeitsoval oder auf der Autobahn, nicht aber auf modernen Formel-1-Rennstrecken mit verhältnismäßig kurzen Geraden. "Wir sind dafür auch wieder etwas leichter geworden", wirft der 43-Jährige ein. "Das Gewicht spielt eine ganz große Rolle." Rund 1.600 Kilogramm bringt der GT S auf die Waage. Im Schnitt ist er damit rund zwei Sekunden schneller als der SLS. "Das kommt in erster Linie vom neuen Fahrwerk und einer anderen Fahrzeugbalance", erklärt Mayländer.

"Es war allerdings nicht unser Hauptaugenmerk, beim Safety Car schneller zu sein", erklärt Mayländer. "Das Auto fährt sich extrem komfortabel. Es sagt einem auf einem ganz angenehmen Weg, was es als nächsten Schritt tun wird. Es kündigt alles ganz elegant an. Ein tolles Fahrverhalten. Sehr einfach und doch extrem schnell zu fahren." Kurzum: "Das Fahrzeug ist kein Biest." Langweilig wird Mayländer deshalb aber nicht.

"Ich habe jetzt wieder andere Herausforderungen. Man merkt, dass das Auto durch das neue Fahrwerk mehr Bodenhaftung aufbaut. Man fährt deshalb im Kurvenbereich automatisch schneller. Es hat weniger Leistung auf den Geraden, kann stärker verzögern und fährt schneller um die Kurven. Da wird das Limit etwas kleiner. Das ist jetzt die Herausforderung." Und mit der neuen Herausforderung kann Mayländer gut leben. "Das macht vor allem auch wahnsinnig Spaß", sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Bernd Mayländer wirft ein Auge auf diesen Artikel in der Printausgabe - Foto: Motorsport-Magazin.com

Safety First im Safety Car

Mayländer ist zwar Rennfahrer durch und durch, bis an den äußersten Rand des Limits treibt er den 510-PS-Boliden aber nicht. "Im Safety Car fahre ich zwischen 95 und 98 Prozent. Ich fahre keine Qualifyingrunde. Man sollte die Kerbs nicht komplett überfahren und das Fahrzeug sollte sich nicht aufschaukeln." Der Stilist fügt hinzu: "Man sollte nicht auf der allerletzten Rille fahren, das sieht auch im Fernsehen nicht gut aus." An die allerletzte Rille ist bei den tropischen Temperaturen in Sepang ohnehin nicht zu denken.

Das Safety Car ist mit speziellen Reifen ausgestattet. Die Pirelli-Pneus basieren auf der handelsüblichen Konstruktion, die Gummimischung ist allerding etwas weicher. Zu weich für 63 Grad Asphalttemperatur. Nach nur wenigen Kurven beginnen die Reifen schon zu schmieren. An 100 Prozent Limit ist nicht zu denken. "Da heißt es auch Safety First", wirft Mayländer ein. Es gilt: Safety First im Safety Car.

Auch im Innenraum hat sich der GT S im Vergleich mit seinem Vorgänger deutlich verändert. "Es war schon eine Umstellung. Es sind viele Bedienelemente an anderen Stellen untergebracht. Das Interieur des GT S sieht doch etwas moderner aus als beim Vorgänger. Daran muss man sich ein bisschen gewöhnen", sagt der Schwabe mit prüfendem Blick über seinen Arbeitsplatz. Großartige Eingewöhnungsschwierigkeiten gab es nicht. Bevor die Saison in Australien startete, durfte Mayländer sein neues Safety Car in Süditalien auf Herz und Nieren testen. "Da muss man keine Suchaktionen mehr starten. Die Basics sind nahezu identisch wie beim Vorgänger. Man spielt vielleicht ein bisschen mehr mit den Möglichkeiten der Elektronik an den Fahrzeugeinstellungen herum."

Dann zeigt Mayländers Finger auf zwei kleine Bildschirme: "Wir haben jetzt zwei Tablets verbaut. Somit können wir über die Signale noch mehr Bilder, noch genauer abrufen. Auch bei dieser Technik haben wir einen sehr großen Fortschritt gemacht." Das Lächeln in seinem Gesicht ist nicht zu übersehen. "Ich bin ein technisch sehr versierter Mensch. Das macht schon Spaß." Weil sich das Lächeln bei 37 Grad mit immer mehr Schweißperlen vermischt, ist die klimatisierte FIA-Hospitality der bessere Ort, um das Gespräch fortzuführen. Mayländer gibt den Schlüssel mit der Aufschrift 'Safety Car 1' - ein zweiter AMG GT S steht an jedem Wochenende als Ersatz bereit - einem AMG-Mitarbeiter und macht sich auf den Weg in die Hospitality.

2010 galt der SLS noch als perfektes Safety Car - Foto: Mercedes GP

Ein perfektes Safety Car noch weiter verbessert

Vorgaben hätte es von ihm oder von der FIA beim neuen Safety Car nicht gegeben. "Vom Typ her war es relativ schnell klar, über welches Fahrzeug man sprechen würde, das in Zukunft das Safety Car sein würde." Es ging eher um Details: "Wie bringen wir die Bildschirme am besten an, wie sind sie am flexibelsten, wie kann man am besten Informationen daraus generieren. In all diese Sachen sind wir von Seiten der FIA eingebunden." Probleme zwischen der FIA und AMG habe es in der Vergangenheit nie gegeben. Die Erfahrung von 20 Jahren Zusammenarbeit und Bernd Mayländer als perfektem Mittelsmann helfen dabei. Trotzdem gibt es immer etwas zu verbessern.

"Am Anfang hat man auch gesagt, der SLS ist perfekt. Über die Jahre hinweg kommen dann aber schon Dinge, die man in Zukunft vielleicht anders machen könnte. Da fallen einem Dinge auf, die am Anfang noch nicht aufgefallen sind, weil sie erst mit der Weiterentwicklung besser werden." All diese Punkte wurden im GT S besser gemacht. Vollendet ist die Arbeit damit aber noch nicht: "Derzeit gibt es nichts auszusetzen. Aber auch da lernt man wieder Aspekte, die man beim nächsten Fahrzeug aus der Erfahrung heraus anders machen muss."

Der AMG GT S ist bereits Mayländers neunter Dienstwagen als Safety-Car-Fahrer in der Formel 1. An ein paar davon denkt er besonders gerne zurück. "Heraussticht immer wieder mein allererstes Fahrzeug, der CLK 55 von 1999, wobei ich damals nur das Formel 3000 Safety Car gefahren bin. Aber der CLK 55 war ein geniales Auto. Dann der CLK 63 von 2007, der erste CLK mit 156 Motor mit 6,3 Liter-Motor. Der war auch noch ein bisschen breiter. Das war ein unglaubliches Powerpaket. Ein schwierig zu fahrendes Auto mit richtig Dampf auf der Hinterachse. Das Auto strahlt für mich etwas Spezielles aus, weil es das erste Fahrzeug mit weit über 500 PS war. Später muss man auch den SLS zu meinen Lieblingsautos zählen. Er ist für mich nach wie vor ein phänomenales Fahrzeug mit den Flügeltüren. Allein der Motor mit 6,3 Litern, V8-Maschine und nahezu 600 PS ist genial."

Bernd Mayländer wird wohl noch lange als Safety-Car-Pilot fungieren - Foto: Sutton

Alter spielt als Safety Car Pilot keine große Rolle

Kleiner oder doch etwas größerer Wermutstropfen: "Ich habe mit all meinen Safety Cars mal ein Bild machen dürfen, aber daheim hab ich keines davon." Privat muss sich der ehemalige DTM-Pilot mit einer E-Klasse begnügen - natürlich auch mit Extra-Power aus Affalterbach. "Zuhause bin ich eher der Cruiser. Ein sportliches Auto darf ich ja auf der Rennstrecke fahren. Ich habe aber sicherlich Möglichkeiten, um alle Fahrzeuge mal auszuprobieren", sagt Mayländer mit einem Schmunzeln.

Geht es nach dem 43-Jährigen, ist der GT S noch lange nicht sein letztes Safety Car. "Man wird älter und verliert Reaktionszeit, im Hochleistungssport wie der Formel 1 spielt das Alter irgendwann schon eine Rolle", gibt er zu. "In einem Straßenauto mit Straßenreifen und wenig aerodynamischen Abtriebshilfen hat man aber ganz einfach mehr Zeit, weil das Fahrzeug viel langsamere Bewegungen macht. Mit 43 hat man doch noch so viel Reaktionsvermögen, dass man es für einige Jahre machen kann. Das Rentenalter ist ja wieder angehoben worden, also habe ich noch eine Weile Zeit." Außerdem geht er 2015 schon ein wenig in Altersteilzeit.

Mit der Einführung des virtuellen Safety Cars hat Mayländer Konkurrenz bekommen. "Ich glaube aber nicht, dass man mich deshalb weniger sieht", wiegelt er ab. "Und selbst wenn, dann kann das etwas sehr Positives sein, weil weniger passiert ist", sagt Mayländer, der sich auch privat für mehr Sicherheit im Straßenverkehr einsetzt. Aktuell führt Rubens Barrichello mit 323 Starts die Rekordliste der Grand-Prix-Teilnehmer unangefochten an. 2017 könnte Mayländer den Brasilianer überholen. Auch bei den Führungsrunden dürfte der Schwabe mit dem Brasilianer dann auf Augenhöhe liegen. Nur mit Siegen hat es bislang noch nicht geklappt.

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