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Formel 1 / Analyse

Frust-Comeback mit Honda - Saisonziel erreicht? Team-Analyse: McLaren

Die Formel-1-Saison 2016 wirft ihre Schatten voraus. Wir analysieren die Leistungen aller Teams 2015 - im Guten wie im Schlechten. Heute: McLaren.
von Chris Lugert

Motorsport-Magazin.com - Die Erwartungen waren groß, doch die Comeback-Saison von Honda und die Reinkarnation der Traumehe mit McLaren aus den 80er Jahren verliefen (vorerst?) katastrophal. Mit Beginn der Testfahrten erwies sich die Power Unit aus Japan als fehleranfällig und viel zu schwach. Verbesserungen wurden in schöner Regelmäßigkeit propagiert, doch bald schon war klar, dass die technische Herausforderung zu groß ist, um noch 2015 einen großen Schritt zu machen. Zwar konnte der Rückstand von vier Sekunden in Australien auf etwa 1,5 Sekunden reduziert werden, doch von der ausgegebenen Dominanz der Formel 1 war man weit entfernt. Stattdessen fiel man durch absurde Bestrafungen auf, am Saisonende sammelten Fernando Alonso und Jenson Button über 300 Strafplätze. Mit Platz neun in der Konstrukteurs-WM stand das schlechteste Ergebnis seit 1980 zu Buche.

McLaren: Tops & Flops 2015

Die Tops

  • Monaco GP: Jenson Button sichert McLaren mit Platz acht die ersten Punkte der Saison
  • Beim Ungarn GP fährt Fernando Alonso in die Top fünf, auch Button schafft es in die Punkte (Rang neun)
  • USA GP: Button wird Sechster, bei Alonso verhindert ein Defekt ein starkes Ergebnis
  • Humor: Trotz der Probleme sorgten Jenson Button und Fernando Alonso für beste Unterhaltung

Die Flops

  • Motorendesaster: Die Power Unit von Honda erwies sich über die gesamte Saison als unzuverlässig und konnte auch leistungsmäßig nicht mit der Konkurrenz mithalten
  • Japan GP: Beim Honda-Heimrennen blamiert Fernando Alonso die Japaner mit der Bezeichnung "GP2-Motor"
  • Strafen: Aufgrund der vielen Motorenwechsel sammelte McLaren-Honda über 300 Strafplätze
  • Ankündigungen: Trotz blamabler Leistungen redete man weiter über kommende Dominanz

Das Auto: MP4-30

McLaren ging beim MP4-30 einen radikalen Weg - Foto: Sutton

In der Formel 1 ist ein Fahrer immer nur so gut wie es sein Auto ermöglicht. Für McLaren galt in diesem Jahr: Das Gesamtpaket ist nicht konkurrenzfähig. In Woking schob man den schwarzen Peter aber direkt nach Japan, der Honda-Motor sei das Problem, das Chassis selbst sei bei den Spitzenautos dabei. McLaren ging beim MP4-30 einen radikalen Weg und setzte auf "size zero". Der Bolide wurde gerade am Heck extrem schmal designt, ebenso die Seitenkästen. "Das Layout des MP4-30 ist extrem kompakt. Mit den Konsequenzen dieser Wahl müssen wir jetzt leben", sagte Ron Dennis vor der Saison.

Dass das Auto selbst kein Reinfall war, zeigten die Resultate in Monaco und Ungarn, in Mexiko kam Jenson Button aus dem Staunen nicht heraus, als er feststellte, dass er im engen letzten Sektor gar auf die Konkurrenz aufholen konnte. Doch dabei sprach er von Mittelfeldteams. Mit dem Mercedes oder dem Red Bull konnte der Bolide anno 2015 nicht mithalten. Und auf schnellen Strecken gab es ohnehin nichts zu lachen, denn die radikale Bauweise des Fahrzeugs brachte Honda in noch größere Schwierigkeiten, da kaum Platz für die Kühlung der Power Unit zur Verfügung stand. Es wäre reine Mutmaßung, durchzuspielen, was McLaren mit einem Mercedes-Aggregat erreicht hätte. Mit Sicherheit mehr als es schlussendlich wurde. Aber auch Woking muss für 2016 zulegen.

Die Fahrer: Fernando Alonso

Mit großen Erwartungen blickte man auf die Rückkehr Fernando Alonsos, der Ende 2007 nach nur einem Jahr im Unfrieden ging. Er sollte das Aushängeschild des neuen McLaren-Honda-Projekts werden, doch materialbedingt durchlebte er seine schlechteste Saison seit 2001. Nur Rang 17 wurde es am Ende. Dabei musste sich Alonso sogar seinem Teamkollegen Jenson Button geschlagen geben, der Platz 16 belegte. Doch konnte er selbst wenig dafür. Der Spanier zeigte eine fahrerisch gute Saison.

Die Saison beendete Fernando Alonso mit einem Abschuss gegen Pastor Maldonado - Foto: Sutton

Aufgrund seiner bei den Testfahrten erlittenen Gehirnerschütterung konnte Alonso erst in Malaysia ins Renngeschehen eingreifen. Von seinen 18 Rennen schied er achtmal aus. Siebenmal war es ein technischer Defekt, hinzu kommt der Unfall mit Kimi Räikkönen in Österreich, der allerdings auf die Kappe des Finnen ging. Alonso schied also nie aus Selbstverschulden aus, räumte in Abu Dhabi jedoch Pastor Maldonado ab, auch wenn es zuvor eine Berührung mit Felipe Nasr gab Seinen Teamkollegen hatte Alonso bis einschließlich des Japan GP immer hinter sich gelassen, wenn beide Autos das Ziel erreichten - auch wenn das nicht oft der Fall war.

Im Qualifying-Duell setzte sich Alonso am Ende mit 10:8 gegen Button durch, in Ungarn sorgte der zweimalige Weltmeister mit Platz fünf zudem für das beste Saisonergebnis des Teams. Den entscheidenden Boden auf Button verlor Alonso in Austin, als beide McLaren auf gutem Kurs lagen, den Spanier aber erneut ein technisches Problem ereilte. Er fiel auf Rang elf zurück, während Button Sechster wurde und acht wertvolle Punkte mitnahm. Ein Highlight setzte Alonso in Brasilien, als er mit einem Sonnenbad nach einem erneuten technischen Defekt einen Hype in den sozialen Medien auslöste.

Die Fahrer: Jenson Button

Jenson Button ließ in der Endabrechnung Fernando Alonso hinter sich - Foto: Sutton

Bereits Ende 2014 war Jenson Button ein Wackelkandidat bei McLaren, seine Weiterbeschäftigung in dieser Saison war lange unklar. Am Ende entschied sich das Team für die Erfahrung des Briten. Doch auch er war Opfer seines unterlegenen Boliden. Immerhin konnte er das erste Rennen gleich beenden, was ihn selbst überraschte. "Wir haben es bis ans Ende des Rennens geschafft - das ist ein großer Fortschritt für uns", bilanzierte er nach dem Saisonauftakt. Danach konnte er nichts weiter tun, als seine Erfahrung weitergeben. In Monaco sicherte er dem Team die ersten Punkte der Saison. Danach folgten jedoch drei Ausfälle hintereinander, darunter jener nach der teaminternen Kollision in Silverstone.

Ab dem Ungarn GP blieb Button jedoch fast komplett von Defekten verschont, nur in Singapur streikte sein Getriebe. Er fuhr saubere Rennen und nutzte die Gelegenheit zu Punkten, wenn sie sich ergab. So sammelte er in Budapest und Sochi jeweils zwei Zähler ein, in Austin fuhr er sein persönlich bestes Saisonresultat ein und wurde Sechster. Ab dem Rennen in Russland ließ er bis zum Saisonende fünfmal in Folge seinen Teamkollegen hinter sich, wenngleich Alonso in Mexiko nach einer Runde aufgab. Schlussendlich platzierte sich Button in der Gesamtwertung vor Alonso. Er ist damit erst der zweite Teamkollege nach Lewis Hamilton, der den Spanier in der Endabrechnung hinter sich halten konnte.

Fernando Alonso Jenson Button
Punkte 11 16
WM-Position 17 16
Quali-Duell 10 8
Durchschnittliche Startposition 16,3 (ohne Strafen)
15,7 (mit Strafen)
16,2 (ohne Strafen)
15,9 (mit Strafen)

Statistik: McLaren in Zahlen 2015

  • Platz neun bedeutet das schlechteste WM-Ergebnis seit 1980
  • Insgesamt schieden die beiden Fahrer 13 Mal aus - so viele Ausfälle erlebte das Team zuletzt 2006
  • Durch Motor- und Getriebewechsel kassierten Alonso (165) und Button (150) insgesamt 315 Plätze Strafe
  • Mit 20.035 Kilometern legte McLaren die geringste Distanz aller Teams zurück - zum Vergleich: Mercedes kommt auf 27.038
  • Abgesehen von seinem Minardi-Jahr 2001 blieb Fernando Alonso zum ersten Mal in seiner Karriere ohne Podium

Der Ausblick: McLaren in der F1-Saison 2016

Aufgeschoben, nicht aufgehoben sind die Ziele bei McLaren-Honda. 2016 soll ein großer Schritt folgen, unisono spricht man von einem Top-Auto, das Fans und Experten zu Gesicht bekommen werden. Honda-Motorsportchef Yasuhisa Arai kündigte an, dass die Probleme identifiziert wurden und notfalls auch ohne Urlaub bis Melbourne gearbeitet wird, um konkurrenzfähig zu sein. Das Beispiel Renault-Power-Unit zeigte, dass es im zweiten Jahr nicht unbedingt besser laufen muss. Die Kompetenz bei Honda ist da, eher wird man das Budget aufstocken, als nochmals eine ähnliche Saison zu erleben.

Yasuhisa Arai ist einer schwierigen Situation - Foto: Sutton

Und bei McLaren? In Woking ist man natürlich abhängig vom Fortschritt, den Honda bringt. Doch auch das Team selbst hat zu kämpfen. Nach dem Abgang von TAG-Heuer und dem schwachen Abschneiden in der WM fehlen Millionen-Einnahmen in den Teamkassen. Auch deshalb wird es enorm wichtig, 2016 wieder um Spitzenresultate zu kämpfen. Aktuell scheint es aber nur schwer vorstellbar, wie ein derartiger Sprung gelingen soll. Mercedes und Ferrari sind weit weg, Red Bull könnte von der Arbeit Renaults profitieren, die wieder mit einem eigenen Team antreten. Toro Rosso erhält Ferrari-Motoren, wenn auch Jahrgang 2015, und selbst Manor könnte mit den Mercedes-Aggregaten eine Gefahr sein. Man täte bei McLaren-Honda vielleicht gut daran, erst die Taten, dann die Worte folgen zu lassen.


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