Formel 1

Blumen, Erinnerungen und Drainagen - Ein Jahr nach Bianchi-Tragödie: Suzuka steht still

Beim Japan GP 2014 verunglückte Jules Bianchi. Ein Jahr später kehrt der Formel-1-Zirkus an den Ort zurück, an dem das Drama seinen Lauf nahm.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Am 05. Oktober 2014 passierte beim 15. Saisonlauf zur Formel-1-Weltmeisterschaft genau das, wovor die Formel-1-Gemeinde 20 Jahre lang gefeit war. Bei immer stärker werdendem Regen und schlechter Sicht kam zunächst Adrian Sutil in Kurve 7 vom Kurs ab und stellte seinen Sauber im Reifenstapel ab.

Kurz darauf verlor an gleicher Stelle auch Jules Bianchi trotz doppelt geschwenkter gelben Fahnen seinen Marussia und konnte dem Bergungskran, der gerade Sutils Sauber am Haken hatte, nicht mehr ausweichen. Der Franzose prallte mit hoher Geschwindigkeit in das Heck des Krans und rutschte mit dem gesamten Auto unter das tonnenschwere Gefährt.

Bianchi rutscht unter Bergungskran

Jules Bianchi hob den tonnenschweren Bergungskran in die Luft - Foto: Youtube

Jules Bianchi hatte eigentlich keine Chance. Er traf zuerst mit dem Helm in das Heck des Krans, erst danach bremste der Überrollbügel das Fahrzeug ab. Der junge Franzose fiel sofort ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Nach langer Leidenszeit für seine Angehörigen verstarb Jules Bianchi am 17. Juli 2015 im Krankenhaus von Nizza.

Ein Jahr nach dieser Tragödie kehrt der Formel-1-Zirkus wieder nach Suzuka zurück. Die Anteilnahme am Schicksal des viel zu früh verstorbenen Formel-1-Piloten ist nach wie vor groß. Nachdem ihm fast alle Fahrer bei seinem Begräbnis die letzte Ehre erwiesen, machen sie nun den Suzuka International Racing Course zu einer Art Gedenkstätte.

An der Unfallstelle und hinter der Manor-Garage haben sich schon am Donnerstag vor dem Japan GP zahlreiche Blumen und Erinnerungsgrüße gesammelt. Die Formel-1-Welt steht auch ein Jahr nach dem dramatischen Unfall still.

Die Unfallstelle ein Jahr danach - Foto: Sutton

Manors Sportdirektor Graeme Lowdon erlebte die Geschehnisse damals aus nächster Nähe. Schon beim Monaco Grand Prix zeigte sich der Brite sichtlich gerührt. "Dort war es schwierig", erinnert sich Lowdon im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Und das war ein Ort, den wir eigentlich mit schönen Erinnerungen verbinden. Wir hatten ein großartiges Rennen. Ich kann mich noch an so viele Einzelheiten des Rennwochenendes von damals erinnern und auch die Momente danach mit Jules. Ich dachte, es würde schwierig werden, hätte aber nicht damit gerechnet, dass es so hart werden würde."

Lowdon: Team braucht seelische Unterstützung

"Was ich daraus gelernt habe: Du weißt nicht, wie du als Mensch reagierst, wenn du an solche Orte zurückkehrst", so Lowdon. "Jeder geht mit unterschiedlichen Dingen unterschiedlich um. Unser Job ist es, das Team zu managen, uns um die Leute zu kümmern. Wir müssen zusehen, denjenigen unter die Arme zu greifen, die Schwierigkeiten mit der Situation haben. Jeder im Team wird dir über Jules sagen, dass er sich neben seinem ansteckenden Lächeln daran erinnert, dass er ein Racer gewesen ist. Er war auch ein sehr fürsorglicher Mensch. Es wäre ihm wichtig, dass wir uns um jeden im Team kümmern. Wir müssen sicherstellen, dass jeder den Support bekommt, den er braucht."

Blumen hinter der Manor-Garage - Foto: Sutton

Auch für Vater Philippe Bianchi wird der Japan Grand Prix ein emotionales Wochenende, auch wenn er derzeit mit der Formel 1 abgeschlossen hat. "Vielleicht kann ich in ein paar Monaten wieder einen Grand Prix sehen, aber im Moment ist es noch zu schwierig", so Bianchi zur BBC. "Es ist ein schwieriger Moment, weil es nun ein Jahr seit dem Unfall ist."

"Wenn die Monate vergehen und du Jules jeden Tag im gleichen Zustand siehst, verstehst du in diesem Moment, dass es wegen der zu starken Verletzungen an seinem Gehirn für ihn nicht möglich sein wird, zurückzukommen", erinnert sich Vater Philippe an die lange Leidenszeit. "Ich glaube, dass Jules jetzt bei mir ist, aber es ist schwierig, weil er mich und seine Mutter jeden Tag angerufen hat. Jetzt können ich und seine Mutter seit einem Jahr nicht mehr mit Jules sprechen. Neun Monate lang konnte ich ihn nicht berühren, konnte ihm keinen Kuss geben. Jules war ein guter Junge, er war sehr familiennah und es ist schrecklich."

Bianchi-Unfall verbessert die Sicherheit

Nach dem Unfall vor einem Jahr entfachte in der Formel 1 eine neue Sicherheitsdebatte. Als unmittelbare Folge wurde das virtuelle Safety-Car eingeführt. Damit liegt es nicht mehr im Ermessen des Fahrers, wie stark er das Tempo bei doppelt gelb geschwenkter Fahnen reduzieren muss. Eine Delta-Zeit gibt das genaue Tempo im entsprechenden Bereich vor.

Jules Bianchi wurde genau dieser Graubereich im Reglement zum Verhängnis. Zuvor gab es keine genauen Richtlinien, wie stark die Fahrer das Tempo in solchen Fällen reduzieren müssen. Es lag im Ermessen der Piloten. Bianchi riskierte am 05. Oktober 2014 zu viel. "Es ist unmöglich für mich, etwas über den Unfall zu sagen, weil es für mich zu schwierig ist, das Video anzuschauen. Ich kann keine Bilder von Jules sehen", so der emotionale Philippe Bianchi. "Für mich ist es aber komisch, wenn manche Leute sagen, dass er zu schnell war, weil er ein Formel-1-Fahrer war."

Auch an der Rennstrecke wurden für dieses Jahr Änderungen vorgenommen. Stehendes Wasser auf der Strecke führte 2014 dazu, dass Adrian Sutil und Jules Bianchi die Kontrolle über ihre Boliden verloren haben. Infolge dessen wurden in den Kurven 1, 3, 6, 7, 13 und 18 sogenannte U-Drainagen installiert, um das Wasser besser abzuführen.

Übersee-Rennen werden früher gestartet

Auch an den Startzeiten nahm die FIA Änderungen vor. Im vergangenen Jahr startete der Japan GP noch um 15:00 Uhr Ortszeit. Wegen der schlechten Sicht konnten Bianchi und Sutil das Wasser auf der Strecke nicht sehen. Deshalb startet der Grand Prix am kommenden Sonntag schon um 14:00 Uhr Ortszeit, also 07:00 Uhr deutscher Zeit.

Nachdem die aktive Sicherheit schon verbessert wurde, soll nun auch die passive Sicherheit in der Formel 1 besser werden. Immer wieder im Zentrum der Diskussion: Geschlossene Cockpits. Beim fatalen Unfall von Justin Wilson vor einigen Wochen hätte eine Cockpit-Haube den Briten wohl das Leben gerettet.

Cockpit-Haube weiter umstritten

Bei Jules Bianchi hätte auch ein zusätzlicher Schutz über dem Cockpit nichts mehr genützt. Der Aufprall war so stark, dass sogar die Airbox komplett abgerissen wurde, das weiß auch Philippe Bianchi. "Die Ärzte haben mir erklärt, dass es nicht ein Gegenstand war, den er auf den Kopf bekommen hat, sondern die Verzögerung einfach zu stark war. Ein geschlossenes Cockpit hätte daran nichts geändert."

Philippe Bianchi bedankt sich bei Jules Fahrer-Kollegen - Foto: Sutton

Trotzdem spricht sich der Franzose für die Überdachung aus. "In meinen Augen wäre es eine gute Sache, die Cockpits zu schließen." Bei den aktuellen Piloten ist die Meinung darüber zweigeteilt. Nico Rosberg befürwortet alles, was die Sicherheit weiter erhöht. Namensvetter Hülkenberg sieht es anders: "Ich bin froh, wo wir aktuell mit der Sicherheit stehen. Man kann den Sport nicht zu 100 Prozent sicher machen, komplett sterilisieren und alle Eventualitäten ausschließen. Das würde dem Sport auch nicht gut tun."

Sebastian Vettel steht mit seiner Meinung irgendwo in der Mitte. "Wenn sowas passiert, wird man natürlich im ersten Moment wachgerüttelt. Die Umstände des Unfalls waren natürlich sehr speziell und daraus musste gelernt werden. Ich glaube auch, es wurde daraus gelernt, aber leider kann man die Zeit nicht zurückdrehen. Man kann immer an dem Thema arbeiten. Es gibt immer ein gewisses Risiko, welches man aber auch in Kauf nimmt. Das ist aber auch gut so, das gehört zum Sport, aber die Dinge die man in der Hand haben kann, die sollte man auch in Zukunft versuchen, zu beeinflussen und zu verbessern."

Erinnerungen an Bianchi: (04:17 Min.)


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