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Formel 1

So viel Reserven hatte Hamilton noch - Rennanalyse: So lief Räikkönens Aufholjagd

Der Italien GP war kein Kracher, aber er hatte interessante Passagen. Wie etwa Räikkönens Aufholjagd oder Rosbergs aggressiver Undercut.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Zugegeben, mit den Leckerbissen von Silverstone und Budapest konnte der Italien GP in Monza nicht mithalten. Trotzdem sorgten einige Zwischenfälle für Spannung. Gegen Rennende gab es außerdem noch spannende Zweikämpfe. Motorsport-Magazin.com analysiert den zwölften Saisonlauf im Herzen der Formel 1.

Räikkönen: Einmal zurück und wieder nach vorne

Besonders oft kommt es nicht vor, dass Kimi Räikkönen vor seinem Teamkollegen startet. In Monza konnte der Iceman Sebastian Vettel erst zum dritten Mal in dieser Saison in der Qualifikation schlagen - das zweite Mal bei gleichen Voraussetzungen, denn in Kanada erlitt Vettel einen technischen Defekt. Doch schon früh brachte sich der Finne um den Lohn dafür.

Wie schon in Spa hatte Räikkönen Probleme, am Start wegzukommen. Die Elektronik sprang in den Anti-Stall-Modus und legte den Leerlauf ein. Teamchef Maurizio Arrivabene ließ anklingen, dass wohl ein Bedienungsfehler seines Piloten vorlag. Mit dem neuen Startprozedere ist das wohl nicht auszuschließen. Bei Ferrari soll der Startvorgang besonders kompliziert sein.

So ging es von Platz zwei ersteinmal nach hinten. Nach dem ersten Umlauf liegt Räikkönen auf Platz 14. Von dort geht es fast so schnell nach vorne, wie es zuvor nach hinten ging. Nach zwei Runden ist der Ferrari-Pilot schon Zwölfter. Weil Romain Grosjean aufgeben muss und Fernando Alonso sich im unterlegenen McLaren nicht verteidigen kann.

Räikkönens Rennen im Überblick

RundePositionAktion
0 2 Startaufstellung
1 14 Schlechter Start
2 12 Alonso überholt, Grosjean ausgeschieden
3 11 Ricciardo überholt
6 9 Button und Sainz überholt
18 8 Hülkenberg an der Box
19 7 Rosberg an der Box
20 5 Ericsson und Massa an der Box
23 4 Bottas an der Box
24 3 Perez an der Box
28 4 Von Rosberg überholt
29 10 Boxenstopp
31 8 Ericsson überholt, Ricciardo an der Box
33 7 Hülkenberg überholt
50 6 Perez überholt
51 5 Rosberg ausgeschieden
53 5 Rennende

In Runde sechs geht es auf Rang neun nach vorne. Räikkönen überholt Jenson Button und Carlos Sainz in einem Umlauf. Dann stockt die Aufholjagd ein wenig. Die Lücke zu Ericsson kann er nur langsam schließen. Glück für Räikkönen: Als er auf den Schweden aufläuft, geht der in Runde 20 an die Box. Weil zuvor schon Hülkenberg, Rosberg und Massa stoppten, liegt Räikkönen in Runde 21 schon auf Platz fünf.

Räikkönen durfte einige Zweikämpfe führen - Foto: Sutton

Nachdem auch Bottas und Perez ihre Stopps einlegten, liegt Räikkönen sogar zwischenzeitlich auf Rang drei. Seine Rundenzeiten gehen nach 25 Runden nach oben, doch Ferrari lässt ihn weiterfahren, damit er Nico Rosberg noch ein wenig aufhalten kann. Deshalb kommt der Iceman erst in Runde 28 zum Stopp, kurz nachdem er von Rosberg überholt wurde.

Räikkönen beginnt den zweiten Rennabschnitt auf Rang zehn und trifft wieder auf Marcus Ericsson. Den Schweden packt er aber schnell und durch Ricciardos Stopp ist er in Runde 31 schon Achter. Zwei Runden später muss auch Nico Hülkenberg im angeschlagenen Force India dran glauben.

Die Topspeeds beim Großen Preis von Italien

Fahrer Team Motor Topspeed
Kimi Räikkönen Ferrari Ferrari 358,3 km/h
Nico Rosberg Mercedes Mercedes 355,8 km/h
Valtteri Bottas Williams Mercedes 354,4 km/h
Lewis Hamilton Mercedes Mercedes 351,9 km/h
Sergio Perez Force India Mercedes 349,8 km/h
Max Verstappen Toro Rosso Renault 347,9 km/h
Marcus Ericsson Sauber Ferrari 347,0 km/h
Felipe Massa Williams Mercedes 346,9 km/h
Carlos Sainz Toro Rosso Renault 346,8 km/h
Daniel Ricciardo Red Bull Renault 345,1 km/h

Von da an wird Räikkönens Rennen ruhiger. Erst gegen Rennende trifft er auf Sergio Perez. In Runde 45 befindet er sich erstmals im DRS-Fenster. Vier Runden benötigt er, um den Mexikaner zu knacken. Platz sechs. Eine Runde später fällt auch noch Rosberg aus, weshalb Räikkönen auf seinen endgültigen fünften Platz vorrutscht.

Bei Räikkönens Aufholjagd zeigte sich, wie stark der Ferrari in Monza war. Einen Force India überholt man nicht einfach so auf einer Highspeed-Strecke. Räikkönens Topspeed war wegen der vielen Windschattenduelle mit DRS auch am höchsten. Der Weltmeister von 2007 kratzte an der 360er Marke. Doch insgesamt muss man die Aufholjagd etwas relativieren: Von den sieben Fahrzeugen, die Räikkönen auf er Stecke überholte, waren vier mit Honda- oder Renault-Aggregaten unterwegs. Also mehr Opfer als Gegner.

Interessant ist auch der direkte Vergleich mit Teamkollege Sebastian Vettel. Klar, Räikkönen hatte die meiste Zeit des Rennens Verkehr, während Vettel frei fahren konnte. Doch im zweiten Stint hatte Räikkönen größtenteils freie Fahrt und zudem die etwas frischeren Reifen. Trotzdem konnte er nicht mit den Zeiten seines Teamkollegen mithalten.

Rosbergs Super-Undercut

Auch Nico Rosberg musste eine Aufholjagd hinlegen, wenn auch nur im kleinen Stil. Durch Räikkönens verpatzten Start musste Rosberg dem stehenden Ferrari ausweichen und wurde bis auf Rang sechs durchgereicht. Platz fünf konnte er sich aber sofort wieder von Sergio Perez zurückholen. An Valtteri Bottas im Williams biss sich Rosberg allerdings die Zähne aus.

Rosberg konnte auf der Strecke nichts gegen Bottas ausrichten - Foto: Sutton

Der Deutsche konnte nicht aggressiv genug angreifen, weil seine Bremsen im Windschatten früh im Rennen zu heiß wurden. Schon in Runde 15 bekam er erste Ansagen von der Box, dass seine Vorderbremsen überhitzten. Auf der Strecke konnte er nichts ausrichten, also blieb nur die Strategie.

Schon in Runde 19 holt Mercedes Rosberg deshalb an die Box. Auf seiner Outlap hat er freie Fahrt und kann die perfekt nutzen. Weil Williams merkt, dass Bottas seine Position ohnehin verloren hat, kommt in Runde 20 gleich Massa zum Stopp, damit immerhin ein Williams vor dem Mercedes bleibt. Doch auch für Massa reicht der Vorsprung nicht, der Brasilianer fällt hinter Rosberg zurück. Damit überholte Rosberg mit seinem Undercut beide Williams auf einmal.

Die Reaktion von Williams, gleich Massa reinzuholen und nicht Bottas, wäre dem Brasilianer später noch fast teuer zu stehen gekommen. Weil Bottas die Position gegen Rosberg ohnehin schon verloren hat, fährt er bis Runde 23 weiter und kommt dann erst zum Reifenwechsel. Weil Massa gegen Rennende die Reifen einbrachen, hätte er noch beinahe das Podium gegen seinen Teamkollegen verloren.

Zurück zu Rosberg: Nach dem Stopp hat der WM-Zweite freie Fahrt und kann die Pace seiner frischen Reifen nutzen. Weil Sebastian Vettel auf Platz zwei ein einsames Rennen fährt, kann Ferrari den Deutschen einfach so lange fahren lassen, bis seine Reifen nachlassen. Allerdings kommt Vettel etwas zu spät zum Stopp. Erst in Runde 26 holt er sich einen neuen Satz Pirellis ab.

Vor Rosbergs Boxenstopp lag Vettel noch mehr als zwölf Sekunden vor dem Mercedes. Nach dem Boxenstopp sind die beiden Kontrahenten nicht einmal mehr vier Sekunden voneinander getrennt. Doch wieder darf Rosberg nicht voll angreifen, wieder heißt es Bremsen und Motor schonen. Erst gegen Rennende bekommt der Mercedes-Pilot mehr Leistung und darf auch seine Bremsen wieder voll belasten.

"Es gab die Chance, weil er zu kämpfen und ich viele Reserven hatte", erklärte Rosberg später. "Bis zu dem Zeitpunkt als der Motor hochging, habe ich meine Bremsen geschont und erst in der Runde freie Fahrt bekommen. Ich hatte noch einige Reserven." Der Abstand zu Vettel zeigt es: Als Rosberg Gas geben durfte, verkleinerte er den Rückstand auf nur etwas mehr als eine Sekunde. Dann ging sein Motor in Rauch auf.

Wie viel Reserven hatte Hamilton?

Auch das Rennen von Lewis Hamilton war nicht ganz langweilig. Am Ende kam sogar richtig Pfeffer rein, als Mercedes wegen der Reifendrücke eine Strafe fürchtete. Etwa zehn Minuten vor Rennende bekam Hamilton deshalb die Anweisung, nochmal Gas zu geben. "Wir müssen den Abstand vergrößern. Stell keine Fragen, vergrößere einfach den Abstand", lautete die Anweisung vom Kommandostand.

Hamiltons Antwort ließ aber nicht lange auf sich warten: "Ich habe nicht viel Pace übrig. Was soll ich machen?" Das Team war aber mit der Performance-Antwort zufrieden. Und die Rundenzeiten belegen das auch. In Runde 48 fährt der Brite seine schnellste Rennrunde. 1:26.672 Minuten. Zuvor fuhr er noch konstant eine Sekunde langsamer. Reserven waren also bei Hamilton und Mercedes noch da. Sehr zur Beunruhigung der Konkurrenz.


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