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Formel 1 / Interview

Dem Ring geht es gut - Nürburgring-Chef: Formel 1 ist schuld, nicht wir

Motorsport-Magazin.com unterhielt sich mit Nürburgring Geschäftsführer Carsten Schumacher über den geplatzen Deutschland GP 2015 und die Situation am Ring.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Eigentlich sollte an diesem Wochenende der Deutschland GP stattfinden. Nachdem der Nürburgring, der eigentlich mit der Austragung an der Reihe wäre, keine Einigung mit Bernie Ecclestone erzielen konnte, sollte der Hockenheimring einspringen. Doch auch hier kam es zu keiner Einigung. Motorsport-Magazin.com lässt den Deutschland GP aber nicht komplett ausfallen. Aus diesem Grund sprachen wir mit Nürburgring Geschäftsführer Carsten Schumacher.

Wer hat denn aktuell das Sagen am Nürburgring. Ich frage, weil Bernie Ecclestone meinte, es gäbe am Nürburgring niemanden, mit dem man reden könne...
Carsten Schumacher: Es hat mehrere Gespräche [mit Bernie Ecclestone] gegeben...

Warum ist es dann nicht zu einem Vertrag gekommen?
Carsten Schumacher: Wir konnten uns leider nicht einigen. Bekanntermaßen verlangt Bernie Ecclestone eine Antrittsgebühr. Diese war so hoch, dass es für uns einen Verlust bedeutet hätte, den wir aber nicht tragen wollten.

Wir haben gar kein Problem, einen Betrag zu zahlen.
Carsten Schumacher

Der Hockenheimring hat einen Vertag für 2014, 2016 und 2018 für dieses alternierende Konzept. Wie ist es denn am Nürburgring? Gab es da gar keinen Vertag für diese Variante?
Carsten Schumacher: Nein. Es gab einen Vertag für 2013, für 2015 hätten wir einen neuen abschließen können. Richtig ist, dass es eine Verabredung gab, dass die Veranstaltung alternierend stattfindet - einmal in Hockenheim, einmal bei uns. Aber die Konditionen für 2015 mussten wir für dieses Jahr neu verhandeln. Dabei sind wir aber nicht zusammengekommen.

Wir haben gar kein Problem, einen Betrag zu zahlen. Wir hatten 2006 90.000 Zuschauer. Da konnten wir natürlich eine Antrittsgebühr wie in der Vergangenheit bezahlen. Leider hat die Attraktivität der Formel 1 abgenommen. Das ist auch am Hockheimring offensichtlich, auch bei den Einschaltquoten. Und bei nur noch 40.000 Zuschauern - also weniger als die Hälfte aus dem Jahr 2006 - sind diese Konditionen nicht mehr bezahlbar.

Das heißt: Entweder die Formel 1 wird attraktiver, oder die Antrittsgebühren gehen runter?
Carsten Schumacher: Genau.

Schumacher: Formel 1 noch immer die Krone des Motorsports

Ist der Nürburgring aufgrund seiner Historie und wegen der Nordschleife nicht so stark auf die Formel 1 angewiesen, wie andere Strecken? Braucht der Nürburgring die Formel 1 nicht (mehr) als Imagegewinn?
Carsten Schumacher: Nein, das sehe ich anders. Auch wenn die Formel 1 in einer kleinen Krise ist, ist sie die Krone des Motorsports. Wir hätten diese Veranstaltung sehr gerne durchgeführt. Es ist richtig, dass wir einen sehr vollen Kalender haben. Am Ende des Tages wird sich auf Dauer niemand eine defizitäre Veranstaltung leisten können, auch wir am Nürburgring nicht. Wir werden erleben, dass immer weniger Rennstreckenbetreiber bereit sein werden, ein nicht selbsttragendes Geschäftsmodell zu subventionieren. Wir müssen zusehen, dass die Streckenbetreiber eine Chance haben, zumindest keinen Verlust zu machen - von Gewinn spreche ich da noch gar nicht.

Es gibt andere Großveranstaltungen, die auch nicht unbedingt rentabel sind, bei denen dann aber Land oder Bund einspringt. Bei einer Fußballweltmeisterschaft ist beispielsweise viel Geld für Stadien da. Gäbe es da nicht die Möglichkeit, Gelder für Formel-1-Rennen zu erhalten? Wobei es am Nürburgring mit dem Land natürlich kompliziert ist...
Carsten Schumacher: Da haben Sie Recht. Der Steuerzahler hat die Formel-1-Rennen in der Vergangenheit mit zweistelligen Millionenbeträgen subventioniert. Wir haben jetzt aber eine andere Situation mit privaten Investoren.

Wir laufen sonst Gefahr, dass die Formel 1 nur noch in Ländern wie Kuwait, Aserbaidschan, Singapur, Indien oder China fährt.
Carsten Schumacher

Wie stehen denn die Chancen, in Zukunft wieder ein Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring zu sehen? Konkret 2017.
Carsten Schumacher: Ich denke, dass sich alle Beteiligten Gedanken machen müssen, unter welchen Bedingungen Formel-1-Sport in Deutschland möglich ist. Das will ich nicht nur auf den Nürburgring beschränken. Das haben die Verantwortlichen in der Formel 1 wohl auch erkannt. Wir laufen sonst Gefahr, dass die Formel 1 nur noch in Ländern wie Kuwait, Aserbaidschan, Singapur, Indien oder China fährt. Fest steht auf jeden Fall, dass es eigentlich jammerschade ist, dass in dem Land, das die Formel 1 dominiert und die weltbesten Hersteller hat, die Formel 1 nicht stattfindet.

Aber es ist schon richtig, dass Bernie Ecclestone dem Nürburgring - oder historischen Rennstrecken generell - enorm entgegenkommt was die Antrittsgebühr angeht? Im Vergleich zu anderen Destinationen wie Bahrain...
Carsten Schumacher: Wir können die Verhältnisse in den genannten Destinationen nicht miteinander vergleichen. Es gibt derzeit Länder, die enorm viel Geld ausgeben, um prestigeträchtige Sportveranstaltungen zu bekommen. Schauen wir nach Katar: Handball, Fußball und, und, und... Ähnlich geht es der Formel 1 auch. Dass Ecclestone diese Möglichkeiten ausnutzt, ist sicher legitim.

In Silverstone waren die Tribünen gut gefüllt. Wieso ist das in Deutschland nicht möglich?
Carsten Schumacher: Wir haben in England eine Sondersituation. Dort gibt es eine hundertjährige Motorsport-Historie, und die Engländer sind einfach anders, sympathisch anders. Ich finde das fantastisch. Wenn wir aber weiter zurückschauen nach Spielberg, wo sich die Zuschauerzahl in einem Jahr halbiert hat, sehen wir die tatsächliche Entwicklung.

Aber eine Historie haben wir am Nürburgring doch auch?
Carsten Schumacher: Der Nürburgring hat sogar eine große Historie. Ich habe ganz bewusst das Jahr 2006 genannt. Es war das letzte Jahr, in dem Michael Schumacher [vor seinem Comeback] gefahren ist. Wir haben auch in anderen Sportarten einen Boom abhängig von Personen erlebt, zum Beispiel den Becker-Boom. Es ist natürlich nicht verständlich, dass wir mit Vettel einen Weltmeister gestellt und jetzt mit Mercedes sowohl die Konstrukteurs- als auch die Fahrerweltmeisterschaft gewonnen haben - und die Attraktivität trotzdem stetig zurückgeht. Das unterstützt meine These, dass wir ein strukturelles Problem haben, das mit dem Nürburgring nichts zu tun hat. Der Hockenheimring ist in der gleichen Situation.

Schumacher und Vettel gewannen in 20 Jahren 11 Titel - Foto: Sutton

Ich las von einer Sportüberdrüssigkeit in Deutschland. Fußball-WM und, und, und... Wir haben mit Michael Schumacher und Sebastian Vettel nicht nur gewonnen, sondern auch über einen Zeitraum dominiert. Da ist offenbar eine gewisse Sättigung eingetreten, das kommt vielleicht noch dazu.

Um es plakativ zu sagen: Natürlich haben alle Veranstalter - übrigens nicht nur im Sport - das Problem, dass es heute ein viel größeres Freizeit-Angebot gibt als früher. Dabei muss man bedenken: Der Durchschnittspreis für ein Formel-1-Ticket in Deutschland liegt bei 150 Euro. Ein VIP-Ticket liegt bei ungefähr 1000 Euro. Für diesen Betrag fliegt eine Kleinfamilie für ein verlängertes Wochenende nach Mallorca.

Letzte Frage zur Formel 1: Der Kollege Seiler vom Hockenheimring sagte, dass sich die Fans beim Nürburgring darüber beschweren sollen, dass es in diesem Jahr keinen GP in Deutschland gibt. Nehmen Sie das so an?
Carsten Schumacher: Die Fans sind verständlicherweise traurig, dass die Formel 1 in diesem Jahr nicht in Deutschland fährt. Das ist durchaus nachzuvollziehen. In erster Linie muss die Formel 1 aber ihre Attraktivität wieder deutlich erhöhen.

Keine riesigen Entwicklungssprünge zu erwarten

Das war es mit der Formel 1, nun zum Nürburgring selbst. Wie geht es denn dem Nürburgring aktuell?
Carsten Schumacher: Gut.

Ich frage, weil man ja immer wieder Schreckensmeldungen hört. Jetzt gab es die Geschichte mit einem Amerikaner, der sich über den Verkaufsprozess beschwert, Capricorn konnte die zweite Rate nicht bezahlen. Aber Sie sagen, man muss sich keine Sorgen machen?
Carsten Schumacher: Um den Nürburgring muss man sich keine Sorgen machen. Wir haben einen neuen Großinvestor, die NR Holding. Sicherlich, das Jahr wurde medial von der Formel-1-Absage und vom Rockfestival 'Grüne Hölle Rock' geprägt, das anders verlaufen ist, als wir uns das vorgestellt hatten. Zudem hat einer der unterlegenen Bieter Einspruch eingelegt. Das nehmen wir zur Kenntnis.

Auf der anderen Seite müssen und können wir deutlich sagen, dass wir seit dem Einstieg der NR Holding das operative Geschäft Schritt für Schritt weiterentwickeln. Wir haben sämtliche Verträge mit den großen Publikumsveranstaltungen des Jahres 2014 verlängert. Das heißt: All diese Veranstaltungen finden auch 2015 statt. Wir haben eine unverändert hohe Nachfrage für unsere Streckenvarianten. Zudem haben wir neue Veranstaltungen wie die WEC, die Ende August erstmals auf dem Nürburgring startet. Wir haben nun die Ruhe, die wir brauchen, damit wir unser Geschäftsmodell weiterentwickeln können. Klar ist natürlich auch, dass man nach den schwierigen Jahren keine riesigen Entwicklungssprünge erwarten kann. Doch aufbauend auf der Rennstrecke und insbesondere der Nordschleife haben wir ein stabiles Geschäft, das wir in den Bereichen Messen und Kongressgeschäft, also Events im weitesten Sinne ausbauen wollen.

Wir sehen keine Chance, am Nürburgring einen Freizeitpark zu führen.
Carsten Schumacher

Sie sagten Messen, Kongresse. Wie sieht es denn mit den Anlagen des Projektes Nürburgring 2009 aus? Man hat gehört, da solle einiges zurückgebaut oder zurückgerüstet werden. Gibt es dazu Neues?
Carsten Schumacher: Wie bereits vor einem Jahr mitgeteilt, wollen wir die Achterbahn verkaufen. Wir sehen keine Chance, am Nürburgring einen Freizeitpark zu führen. Wir wollen das Geschäft rund um den Motorsport entwickeln und ausbauen sowie unsere attraktiven Eventflächen vermarkten. Was das Eifeldorf angeht, so hat der Altgesellschafter im vergangenen Jahr verkündet, dass es abgerissen wird und einem Industriepark weichen soll. Diese Entscheidung haben wir revidiert. Bestimmte Teile des Eifeldorfes werden für Großveranstaltungen geöffnet, ansonsten ist es geschlossen. Die Besucherzahl wollen wir steigern und sehen, wie sich das Eifeldorf entwickelt. Abgerissen wird nicht.

Man muss jetzt als Motorsport-Fan aber keine Angst haben, dass lieber irgendeine Messe abgehalten wird, als eine Motorsport-Veranstaltung?
Carsten Schumacher: Natürlich nicht. Im Idealfall kann man sogar beides miteinander verbinden. Zum Beispiel findet seit Jahren eine der größten Fuhrpark-Messen Europas auf dem Nürburgring statt - mit einer perfekten Verbindung zwischen unseren Messeflächen und der Rennstrecke. Bei solchen großen Veranstaltungen sind mehrere Tausend Leute vor Ort, und das unter der Woche. Auch die Region - und das ist wichtig für uns - partizipiert mit.

Das Eifeldorf bleibt stehen - Foto: adrivo Sportpresse GmbH

Also sind diese Flächen kein Klotz am Bein, sondern eine zusätzliche Chance für Sie?
Carsten Schumacher: Sie sind eine Chance, die wir nutzen wollen. Man muss aber auch realistisch sein. Messeveranstalter und Kongressveranstalter haben mindestens für die Jahre 2016 und 2017 geplant. Das heißt, wenn wir hierher neue Veranstaltungen bekommen wollen, müssen wir mittel- und langfristig planen. Ich schließe nicht aus, dass wir auch vorher den einen oder anderen Erfolg haben werden, aber die Entwicklung dieser Flächen ist ein langfristiges Geschäft. Wir hatten über mehrere Jahre eine Krisensituation, in denen das Geschäft nur unter erschwerten Bedingungen entwickelt werden konnte. Nun arbeiten wir intensiv daran, dass sich die Erfolge einstellen, die wir uns wünschen.

Wie sehen denn die Anwohner das Ganze, was aktuell am Nürburgring vor sich geht? Es scheint jetzt etwas ruhiger geworden zu sein. Wie sieht es aus Ihrer Sicht aus?
Carsten Schumacher: Es ist ja ganz klar, dass sich die Leute in der Region Sorgen machen. Plakativ ausgedrückt: Wenn es dem Ring gut geht, geht es auch der Region gut. Die Menschen wünschen sich hier eigentlich nichts dringender, als dass wir einen guten Job machen und wir viele Veranstaltungen austragen, damit viele Besucher zum Nürburgring kommen und möglichst viel Geld ausgeben. So gesehen haben wir das gleiche Interesse. Wir werden alles dafür tun, um ein stabiles Geschäft zu entwickeln, das so attraktiv ist, dass viele Veranstaltungen stattfinden und demzufolge viele Menschen zum Nürburgring kommen. Dann werden die Menschen in der Region aufatmen und es wird weniger Kritiker geben. Sie haben zu Recht gesagt, dass es ruhig geworden ist, weil sich die Leute unsere Arbeit und unsere Ergebnisse betrachten. Sie werden dies auch weiterhin kritisch begleiten. Wir sprechen mit den Menschen in der Region, wir informieren sie über die aktuelle Entwicklung und ich denke, da muss auch neues Vertrauen entstehen.

Das ist eigentlich sehr einfach: Der Nürburgring war in einer Insolvenzsituation.
Carsten Schumacher

Abschließend die schwierigste Frage: Können Sie unseren Lesern einfach erklären, wem der Nürburgring aktuell gehört und wer das Sagen hat?
Carsten Schumacher: Das ist eigentlich sehr einfach: Der Nürburgring war in einer Insolvenzsituation. Das heißt, der Verkauf wurde europaweit ausgeschrieben. Es hat dann einen Verkauf gegeben. Aktuelle Gesellschafter des Erwerbers sind als Mehrheitsgesellschafter die NR Holding und als Minderheitsgesellschafter der Mittelständler Getspeed. Der Kaufvertrag konnte allerdings noch nicht umgesetzt werden, weil einer der unterlegenen Kaufinteressenten Einspruch gegen den Verkauf eingelegt hat. Das heißt, momentan hat der Erwerber den Betrieb gepachtet und diese Pachtsituation wird erst dann beendet, wenn der Kaufvertrag vollzogen werden kann, also wenn der Kaufpreis gezahlt ist. Wann das der Fall sein wird, ist im Moment Spekulation.

Mit dieser ominösen zweiten Rate, die von Capricorn nicht bezahlt werden konnte, hat das nichts zu tun?
Carsten Schumacher: Nein. Die zweite Rate konnte der Altgesellschafter nicht aufbringen. Wir haben hier kein Bonitätsproblem. Sie können davon ausgehen, dass, sobald der Kaufpreis fällig ist, dieser Kaufpreis mit Freuden gezahlt wird.


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