Formel 1 / Kolumne

Pro und Contra: Montezemolo-Rücktritt gut? - Montezemolo-Abschied gut?

Luca di Montezemolo verlässt Ferrari. Der Präsident war insgesamt 23 Jahre bei der Scuderia. War sein Abschied lange überfällig oder fällt Ferrari in ein Loch?
von Annika Kläsener & Christian Menath

Pro: Montezemolo ist zur reinen Galionsfigur verkommen

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich in den vergangenen Monaten jedes Mal, wenn ich eine Aussage von Luca di Montezemolo las, die Augen verdreht habe. Denn der Graf wurde nimmermüde zu betonen, was ihm an der neuen Formel 1 alles nicht gefällt. Auch wenn ich Kritik gut und richtig finde, überwog bei ihm doch der Eindruck, dass er damit ein bestimmtes Ziel verfolgte. Es wirkte so, als müsse sich seiner Ansicht nach die Formel 1 ändern und nicht Ferrari, damit es für den Rennstall wieder besser läuft.

Luca di Montezemolo wurde von Enzo Ferrari persönlich nach Maranello geholt - Foto: Ferrari

Montezemolo schien verzweifelt zu versuchen, einen Geist vergangener Zeiten heraufzubeschwören, was ihm aber einfach nicht gelingen wollte. Er klammerte sich schier an die alten, glorreichen Zeiten. Seine berühmt-berüchtigten Reden bei der Weihnachtsfeier in Maranello trieften nur so vor Pathos. Ein Politiker hätte nicht schlimmer klingen können.

Natürlich kann ich das alles nur von außen beurteilen und weiß nicht, wie Montezemolo hinter den Kulissen handelte. Von außen betrachtet schien er jedenfalls zu einer Galionsfigur verkommen zu sein, die man für Ansprachen und ähnliches hervorholt. Was Ferrari in der Krise aber braucht, ist jemand mit einer 'pack-an'-Mentalität. Montezemolos Leidenschaft für Ferrari ist unbestreitbar, aber sie wäre in einer anderen Funktion - etwa im Bereich Unternehmensgeschichte - sicherlich besser aufgehoben. Aber dazu wird es wohl nach derzeitigem Stand nicht kommen. Schade.

Contra: Ferrari ist Montezemolo

Montezemolos Weihnachtsansprachen werden fehlen. Doch das ist nicht der einzige Grund, wieso der Abschied des Landgrafen ein schwerer Verlust für die Scuderia ist. 1974 übernahm Montezemolo die Rennsportabteilung Ferraris, die Gestione Sportiva. 1977 verließ er Ferrari wieder, kehrte erst 1991 wieder nach Maranello zurück. In der Zwischenzeit holte Ferrari genau einen Fahrertitel, lag bei seiner Rückkehr quasi am Boden der Formel 1.

Mit Umstrukturierungsmaßnahmen und neuem Personal führte er Ferrari wieder an die Spitze: Jean Todt, Michael Schumacher, Ross Brawn, Rory Byrne und Co. kamen alle auf Initiative Montezemolos zu Ferrari. Es hat gedauert, aber der Erfolg stellte sich schließlich ein. Aus Ferrari wurde über Jahre hinweg das dominanteste Team in der Geschichte der Formel 1. Eine Durststrecke durchlebt Ferrari auch jetzt. Erkannt hat das jeder, wieder wurden Umstrukturierungsmaßnahmen eingeleitet, die Zeit brauchen. Wieso wartet er nicht ab, bis die Maßnahmen dieses Mal greifen?

Die neue Fabrik wird noch 2014 fertig - Foto: Ferrari

Dass Montezemolo die neue Formel 1 nicht mehr verstehe, ist auch Quatsch. Er konstruiert kein Auto, er ist dafür zuständig, die richtigen Leute an die CAD-Rechner zu setzten. Er ist für die Rahmenbedingungen zuständig und die sehen besser denn je aus: Ferrari wirft Rekordgewinne ab, finanziell steht die Mythosmarke besser denn je da. Mit diesem Geld wird auch ordentlich in die Formel 1 investiert, der Windkanal wurde generalüberholt und ein neuer Formel-1-Tempel wird noch dieses Jahr fertiggestellt.

Gleichzeitig verliert Ferrari einen begnadeten Formel-1-Politiker. Egal, was man von Montezemolos Aussage hält: Für Ferrari wollte er immer nur das Beste. Die Leidenschaft, mit der er für Ferrari arbeitete, gab er auch an die Arbeiter in der Fabrik weiter. Für sie war er eine Gallionsfigur, zu der sie aufsehen konnten. Ferrari verliert mehr, als einen guten Manager: Ferrari verliert den von Enzo auserwählten, Ferrari verliert weiter an Charme.


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