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Formel 1 / Hintergrund

Wenn es Nacht wird in Silverstone... - Silverstone: Die 7 Schlüsselfaktoren

Verkehrte Welt bei Red Bull: Mark Webber startet vor Sebastian Vettel und Ferrari hängt beiden Bullen im nicht ganz so stark angeblasenen Diffusor.
von Stephan Heublein

1. – S wie Startaufstellung

Auf den ersten Blick waren die Diffusor-Streitigkeiten viel Wirbel um nichts: auch in Silverstone starten die beiden Red-Bull-Piloten aus der ersten Startreihe. Doch etwas ist anders: Mark Webber steht vor Sebastian Vettel, der auf seiner ersten Q3-Runde einen Fehler beging und auf der zweiten wegen des einsetzenden Regens nicht mehr nachlegen konnte.

"Daran kann ich nix mehr ändern", nahm Vettel seinen Schaltfehler gelassen hin. "Ich glaube, er passiert mir nicht mehr." Aber nicht nur die Reihenfolge der Red-Bull-Fahrer ist anders, auch der Abstand zu Ferrari ist geschmolzen. "Das war das beste Qualifying das wir in dieser Saison hatten, wenn man den Abstand zur Pole sieht", freute sich Fernando Alonso, der gemeinsam mit Felipe Massa in Reihe zwei steht.

Wir hatten hier viele Updates und wollten näher an Red Bull dran sein, aber stattdessen sind wir zurückgefallen und Ferrari ist plötzlich weit vor uns.
Jenson Button

"Normal sind wir eine Sekunde oder sieben Zehntel weg", rechnete der Spanier vor. "Hier sind wir auf einer Strecke, die uns in Bezug auf die Charakteristik - mit schnellen Kurven - nicht liegt, nur eine Zehntel von der Pole weg." Viel härter schlucken mussten Jenson Button und vor allem Lewis Hamilton, als sie die Zeitenlisten ansahen.

"Wir hatten hier viele Updates und wollten näher an Red Bull dran sein, aber stattdessen sind wir zurückgefallen und Ferrari ist plötzlich weit vor uns", konnte sich Button den Rückstand beim besten Willen nicht erklären. Der fünfte Platz sei ein vernünftiges Ergebnis, aber anderthalb Sekunden Rückstand auf Red Bull und 1,3 Sekunden auf Ferrari waren ihm zu viel. Auch Hamilton klagte: "Wir kamen mit Updates her und fuhren im Qualifying ohne ein einziges. Wir sind einfach nicht schnell genug."

2. – S wie Start

Seit 1950 wird in Silverstone gefahren, doch zum ersten Mal erlebt die Formel 1 einen Start über 250 Meter in Richtung der neuen ersten Kurve namens Abbey. "Diese sieht ziemlich problemfrei aus und sollte einfach Vollgas sein", sagt Vettel. Danach folgt ein Sprint bis zu Kurve drei. "Es hilft, wenn es am Anfang einfachere, schnellere Kurven gibt. Das verhindert Verwirrung im Platzkampf."

Mark Webber möchte der Konkurrenz das Heck zeigen - Foto: Sutton

Trotzdem sahen sich die Piloten die neue Kurvenfolge für den Start ganz genau an. "Sie werden heute geschaut haben, wo der Grip ist, wo sie im Trockenen oder Nassen fahren können", glaubt Ross Brawn. Michael Schumacher bestätigt: "Wir haben mehr Optionen als beim alten Streckenverlauf. Die Kurven drei bis sechs bieten Überholmöglichkeiten. Es könnte also interessant werden - abhängig von unserer Strategie und dem Wetter."

Webber muss dabei nicht nur auf seinen Teamkollegen achten, sondern auch auf Alonso. "Fernando Alonso könnte so einen ähnlichen Husarenstart hinlegen wie in Barcelona", prophezeit Kai Ebel. "Das wird aber auch Vettel versuchen."

3. – S wie Streit

Es ist das beherrschende Thema im Fahrerlager: Nachdem die FIA ab Silverstone das Anblasen des Diffusors mit Auspuffgasen stark einschränken wollte, kam es am Freitag und Samstag zum Eklat. Kurz zusammengefasst: es gibt zwei Wege, um durch die Auspuffgase in Richtung Diffusor zu verstärken und damit dort mehr Abtrieb zu erzeugen. Mercedes nutzt dazu die Einspritzung von Benzin, das zusätzlich verbrannt wird, Renault lässt die Drosselklappen weiter geöffnet, obwohl der Fahrer bereits vom Gas gegangen ist.

Am Donnerstag erlaubte die FIA Mercedes, weiter eine gewisse Menge Benzin im Schleppbetrieb einzuspritzen, da dies aus Zuverlässigkeitsgründen notwendig sei. Mit dem gleichen Argument wollte Renault eine 50%-ige Öffnung der Drosselklappe durchboxen, um diesen vermeintlichen Mercedes-Vorteil auszugleichen. Dem gab die FIA am Freitag stand, zog das Zugeständnis am Samstagvormittag aber wieder zurück. Nach schier unendlichen Diskussionen gab die FIA am Samstagnachmittag sogar bekannt, dass man die Einschränkung gänzlich streichen könnte, wenn alle Teams einstimmig zustimmen.

Das wollten einige ausnutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, aber wenn ich mir die Startaufstellung anschaue, ist das nach hinten losgegangen.
Helmut Marko

Ross Brawn sagte treffend: "Die natürliche Paranoia in der Formel 1 bedeutet, dass immer jemand glaubt, der andere habe mehr als man selbst. Deswegen ist es so schwierig, das Thema zu lösen." Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko konnte sich angesichts des Qualifyingergebnisses einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: "Es ist ein sehr komplexes Thema, das nur wenige Fachleute bis ins letzte Detail durchschauen. Das wollten einige ausnutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, aber wenn ich mir die Startaufstellung anschaue, ist das nach hinten losgegangen."

4. – S wie Strecke

In neuem Glanz präsentiert sich das altehrwürdige Silverstone an diesem Wochenende: Nach dem Streckenumbau im letzten Jahr gibt es in dieser Saison eine neue Boxenanlage. Die sorgte gleich für einige Negativschlagzeilen, weil sie relativ eng ist und eine sehr knifflige Ein- und Ausfahrt besitzt.

So fahren die Piloten am Ende der Boxengasse mitten in eine Kurve, in der sie nicht sehen, ob ein anderes Auto gerade dort hindurch fährt. Gleichzeitig ist auch die Einfahrt recht unübersichtlich. Entsprechend wünschen sich die Fahrer wie Nico Rosberg für 2012 einige Verbesserungen.

An der flüssigen Natur des High-Speed-Kurses hat sich im Vergleich zu 2010 jedoch nichts verändert – nur die Kurvenzahlen fallen aufgrund der verlegten Start-/Zielgeraden anders aus. Nach zwei Tagen sollten sich die Fahrer und Ingenieure jedoch daran gewöhnt haben und es zu keinen Verwechslungen mehr im Funk kommen.

5. – S wie Strategie

Ferrari rechnet sich in Silverstone gute Chancen aus - Foto: Sutton

Im vergangenen Jahr beschränkten sich die 24 Fahrer auf den 52 Runden im neuen Silverstone auf 28 Boxenbesuche. Der Sieger Mark Webber stoppte in Runde 17 nur ein einziges Mal. In den vergangenen zehn Jahren gab es sechs Safety-Car-Phasen in Silverstone, die historische Wahrscheinlichkeit liegt bei 50%. Wie immer entscheidend sind die Reifen. In diesem Jahr setzt Pirelli auf die weichen und harten Mischungen.

"Zwischen den beiden Mischungen liegen eine bis anderthalb Sekunden", sagt Ross Brawn. Wie üblich bieten die weichen Reifen mehr Performance, bauen aber schneller ab, wobei der Mercedes-Teamchef dennoch mit der Haltbarkeit der Option-Pneus zufrieden war. "Die weichen Reifen bauen nach 10-12 Runden ab. Wir sind heute Morgen mit viel Sprit gefahren, um ein gutes Bild von den Reifen zu haben. Es wird ein interessantes Rennen mit der Balance zwischen den beiden Reifenmischungen."

Nico Rosberg bestätigte die Aussagen seines Teamchefs. "Ich habe auf dem Long Run etwas über die Reifen gelernt, zum Beispiel hatten wir Graining an den Vorderreifen. Jetzt müssen wir sehen, wie wir damit im Rennen umgehen." Das werde entscheidend sein für ein gutes oder schlechtes Rennen.

Renault-Technikchef James Allison freut sich darüber, dass seine Fahrer einen zusätzlichen Reifensatz sparen konnten – allerdings auf Kosten des Q3. Allison sieht das dennoch als Silberstreif am Horizont. "Diese Reifen werden im Rennen Gold wert sein, daran besteht kein Zweifel", sagt Allison. "Die weichen Reifen sind die richtigen für das Rennen, der Reifenverschleiß ist hoch, also ist es anders als in Spanien oder auf anderen Strecken in dieser Saison von Vorteil, noch einen frischen Satz zu haben."

6. – S wie Sonntagswetter

Der Ferrari war auf den harten Reifen heute Vormittag sehr schnell, da war Alonso uns ebenbürtig – im Rennen ist also noch alles offen.
Helmut Marko

Derzeit gehen die Wetterfrösche von einem trockenen Rennsonntag aus. Doch in Silverstone kann man sich dessen nie so sicher sein, obwohl es in den letzten zehn Jahren nur zwei Regenrennen auf dieser Strecke gegeben hat – 2002 und 2008.

Den Mercedes-Piloten käme Regen gelegen. "Wir haben am Freitag und in Kanada gesehen, wie gut wir dann sein können", betont Michael Schumacher. "Bei normalen, trockenen Bedingungen sind wir nicht dort. Also beten wir zum Wettergott."

7. – S wie Spannung

Mit Mark Webber, Sebastian Vettel und Fernando Alonso sieht Kai Ebel drei ganz heiße Siegkandidaten für den Großen Preis von Großbritannien. Selbst Helmut Marko gestand Ferrari nach dem Qualifying gute Siegchancen ein: "Fernando Alonso ist sehr, sehr knapp an uns dran", bestätigte er. "Der Ferrari war auf den harten Reifen heute Vormittag sehr schnell, da war Alonso uns ebenbürtig – im Rennen ist also noch alles offen."

In Markos Augen wird die Startphase entscheiden: "Alonso wird im Rennen immer stärker, warten wir ab, wie unser Auto die erste Rennphase mit vollen Tanks übersteht. Wenn wir ihn da hinter uns halten können, sollten wir auch hier siegfähig sein."

Der Spanier stapelt hingegen tief und möchte noch nicht vom Sieg reden. "Das müssen wir abwarten, aber wir sind definitiv näher dran als je zuvor", freute er sich. "Ich bin mir sicher, dass wir mehr Druck auf sie ausüben können."

Bei McLaren hofft Jenson Button auf ein kleines Wunder. Direkt nach dem Qualifying sah er kaum eine Chance, auf ein positives Ergebnis. "Aber das kann in zwei Stunden schon ganz anders aussehen", meinte er. "Hoffentlich können wir gegen die Spitze kämpfen, es ist schließlich unser Heimrennen. Wir wollen den britischen Fans eine tolle Show bieten, aber momentan sieht es schwierig aus."


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