Selten fiel es leichter, den großen Gewinner eines Wochenendes in der DTM zu bestimmen als auf dem Sachsenring. Ayhancan Güven (Manthey-Porsche) landete in den beiden turbulenten Rennen einen Doppelsieg - beide Male auch dank tatkräftiger Unterstützung seines Teamkollegen Thomas Preining.
Doppelsiege eines Fahrers gelten als absolutes Kunststück in der DTM, und das nicht ohne Grund: Der Samstags-Sieger erhält per Reglement ein zusätzliches Erfolgsgewicht von 20 Kilogramm an Bord seines GT3-Autos. Passt die Balance of Performance nur halbwegs, ist ein weiterer Sieg am Sonntag aufgrund dieses Performance-Nachteils kaum noch möglich. Es sei denn, dass zusätzliche Umstände - wie am Sachsenring mit Doppel-Crasher Preining - eine Rolle spielen.
Güven mit vier Saisonsiegen plötzlich voll im DTM-Titelkampf
Güven feierte am Wochenende bereits seine Saisonsiege Nummer drei und vier. Damit hat der erste türkische DTM-Sieger der Geschichte mehr Erfolge auf seinem Konto als alle anderen Fahrer. Noch wichtiger: Güven hat sich wie aus dem Nichts voll in den Kampf um die Meisterschaft eingeschaltet. Er schnellte vom achten bis auf den dritten Gesamtplatz nach vorne und hat nur sechs Punkte (145:151) Rückstand auf Spitzenreiter Lucas Auer (Landgraf-Mercedes).
Güven sammelte am Sachsenring gigantische 51 Zähler dank seiner zwei Siege (je 25) plus einem Zusatzpunkt für den dritten Platz im Qualifying am Sonntag. Zum Vergleich: Auer holte insgesamt nur 14 Punkte, der Gesamt-Zweite Jack Aitken lediglich 17 und Jordan Pepper auf Rang vier immerhin 30 Zähler.
Doppelsieg in der DTM: Gutes Omen für Meisterschaft
Plötzlich Titelanwärter! Güven war seit dem GT3-Wechsel im Jahr 2021 erst der fünfte Fahrer, dem ein Doppelsieg am Wochenende gelungen ist. Ein gutes Omen? Seine Vorgänger Maximilian Götz (Norisring 2021 - Champion), Liam Lawson (Spielberg 2021 - Vize-Champion), Sheldon van der Linde (Lausitzring 2022 - Champion) und Thomas Preining (Hockenheim 2023 - Champion) profierten jeweils stark vom riesengroßen Punkte-Boost innerhalb kürzester Zeit.
Der Güven-Coup hat zu einer spannenden Situation beim Porsche-Topteam Manthey geführt, denn: Teamkollege Preining kann sich trotz des Sachsenring-Ausrutschers gute Chancen auf seinen zweiten DTM-Titelgewinn nach 2023 ausrechnen. Der Österreicher errang immerhin 21 Zähler und belegt den fünften Gesamtrang mit 136 Punkten - also nur neun weniger als Güven. Als nächstes Rennwochenende im DTM-Kalender wartet ausgerechnet Preinings Heimspiel auf dem Red Bull Ring (12.-14. September 2025).

Manthey-Leiter Arkenau: "Wir werden keine Priorisierung vornehmen"
Zwei heiße Eisen im DTM-Titelkampf zu haben, hat Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite verdoppeln sich die Chancen von Manthey, dass es einer der eigenen Kutscher schafft. Auf der anderen besteht das Risiko, dass sich Güven und Preining gegenseitig die Punkte rauben und gegen die Konkurrenz ins Hintertreffen geraten.
Das verlangt nach großem Fingerspitzengefühl innerhalb des Teams, aber für Manthey-Rennleiter Patrick Arkenau war die Situation eindeutig. "Wir versuchen mit beiden Fahrzeugen maximal gut zu performen", versicherte Arkenau gegenüber Motorsport-Magazin.com. "Wir werden keine Priorisierung vornehmen oder den einen Fahrer für den anderen fahren lassen. Das ist zum einen verboten und entspricht zum anderen nicht unserem sportlichen Ehrgeiz."
Teamorder ist tatsächlich per Reglement in der DTM verboten und wird bei einem aufgedeckten Verstoß mit einer happigen Geldstrafe in Höhe von 250.000 Euro geahndet. Insider wissen aber natürlich, dass jegliche teaminterne Absprachen hinter verschlossenen Türen getroffen werden. Möglichweise bewertet Manthey die Lage neu, falls nur noch einer der beiden Fahrer rechnerische Titelchancen haben sollte.
Vergangenheit zeigt: Keine Stallregie bei Manthey-Porsche
Drei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zeigen allerdings, dass Stallregie bei der Manthey-Mannschaft ein rotes Tuch ist: Zum einen die Startphase am Sonntag auf dem Sachsenring, als Güven seinen Vordermann Preining für P2 überholte, obwohl der zu diesem Zeitpunkt besser in der Meisterschaft platziert war. Ebenso 2024 beim Rennen auf dem Nürburgring, als Güven überraschend vor Preining die Ziellinie überquerte. Oder auch 2023 in Spa beim Manthey-Doppelsieg in der WEC.
"Wir wollen als Team die beste Leistung bringen und nicht künstlich einen guten Fahrer zurückhalten, um einen anderen Fahrer dafür zu belohnen", so Arkenau, der aber eine ganz klare Grenze zog: "Wir haben vor dem Rennen die klare Ansage gemacht, dass es auf keinen Fall einen Kontakt geben darf oder eine Situation, die eines der Autos gefährdet. So werden wir es auch weiterspielen. Am Ende gewinnt der Beste - ob das einer unserer Fahrer sein wird, werden wir sehen."
Güven selbst, der sein 'Glück' am Sonntag trotz der 20 Kilo Erfolgsballast zunächst kaum glauben konnte und in seinem dritten vollen DTM-Jahr erstmals um den Titel mitmischt, wollte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen: "Ich möchte mich davon nicht stressen lassen, ich möchte einfach Rennen gewinnen. Das kann so schnell wieder in die andere Richtung umschlagen. Wir sollten einfach aufhören, immer wieder mit den Punkten herumzurechnen."



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