Bei Mercedes-AMG sitzt der Stachel über die verpasste DTM-Meisterschaft von Lucas Auer schmerzhaft tief. Da kann auch der Gewinn des 16. Hersteller-Titels der Marke mit dem Stern nur bedingt drüber hinwegtrösten. Der Verlauf der Saison 2025, in der Auer am Ende dem neuen Meister Ayhancan Güven mit vier Punkten unterlag, könnte sogar Konsequenzen für die Zukunft der Affalterbacher in der deutschen Traditionsserie haben.
Das ließ zuletzt Christoph Sagemüller, Leiter Mercedes-AMG Motorsport, durchblicken. "Lucas Auer ist eine fehlerfreie Saison gefahren und war der einzige Fahrer, der in jedem Rennen gepunktet hat", sagte er Ende November bei der AMG-Abschlussfeier in Affalterbach zu Motorsport-Magazin.com. "Dass er letztendlich nicht ganz vorne stand, wirft Fragen auf. Wir sind gerade dabei, uns zu sortieren und zu schauen, wie groß unser Engagement sein wird. Wir können das noch nicht abschließend beurteilen."
"Nicht mehr Chance bekommen, aus eigener Kraft aufs Podium zu fahren"
Deutliche Worte von Sagemüller, die man in diesem Kontext durchaus als eine Drohung verstehen könnte. 2025 gingen vier werksunterstützte Mercedes-AMG GT3 von Winward und Landgraf an den Start - wie viele werden es nächstes Jahr sein? Was Mercedes-AMG konkret nicht passte: die zweite Saisonhälfte ab dem Nürburgring bis zum Hockenheim-Finale, in der sich die Affalterbacher konstant bei der stets heiß diskutierten Balance of Performance benachteiligt sahen.
"Maro Engels Saison war fantastisch und die von Lucas Auer eigentlich perfekt", sagte AMG-Kundensportchef Stefan Wendl über die Performance der beiden Mercedes-Speerspitzen in der DTM. "Wir fühlen aber, dass wir seit dem ersten Qualifying am Nürburgring nicht mehr die Chance bekommen haben, aus eigener Kraft aufs Podium zu fahren."
Wendl sprach von einer Enttäuschung und erklärte weiter: "Beim Saisonfinale hatten wir nicht die gleichen Waffen wie andere Hersteller. Das bringt uns zum Schluss, dass wir vom ADAC Antworten erwarten. Wir haben das in den Technical Working Groups der Hersteller bereits angesprochen. Und wir erwarten vom ADAC, dass er uns genau erklärt, was da wie gelaufen ist und wie das Ganze im nächsten Jahr vermieden werden kann."
DTM-Promoter ADAC: Keine öffentliche Äußerung zur Mercedes-Causa
Das sei laut Wendl bis Ende November noch nicht geschehen. Der ADAC als DTM-Promoter wollte sich später auf Anfrage von Motorsport-Magazin.com nicht öffentlich zu dieser Causa äußern. Für die Erstellung der BoP in der DTM ist die SRO-Organisation von Stephane Ratel zuständig. Die Hersteller haben seit diesem Jahr die Möglichkeit, vor einem Rennwochenende auf einer Online-Plattform ihre Anmerkungen zur Einstufung einzubringen.
"Wir haben über das ganze Jahr einen ständigen Austausch über Hersteller- oder auch BoP-Arbeitsgruppen", sagte Wendl und forderte gleichzeitig eine transparente Aufarbeitung der Saison mit dem ADAC und den anderen Marken. "Das hat nicht zu dem Ergebnis geführt, dass es irgendwo anders gelaufen wäre, als es gekommen ist. Jetzt liegt es am ADAC, uns Daten zu zeigen, wie es anders laufen soll."

AMG-Leiter Wendl: "Da hat es angefangen, schwierig zu werden"
Wendl führte bei seiner Kritik das erste Qualifying auf dem Nürburgring an, in dem drei Ferrari von Emil Frey Racing - samt GT3-Rundenrekord von Jack Aitken - und ein GRT-Lamborghini die ersten vier Startplätze belegten. Die drei Mercedes-AMG GT3 von Auer, Jules Gounon und Engel belegten dahinter die Positionen fünf, sechs und acht (Engel rückte nachträglich auf P7 vor). Im Anschluss an das Qualifying mussten die Ferrari sowie Lamborghini je 15 Kilo BoP-Ballast zuladen, während die Mercedes-AMG GT3 sogar zusätzliche 20 Kilogramm erhielten.
"Da haben wir zum ersten Mal die Frage gestellt, was denn hier los ist", blickte AMG-Kundensportleiter Wendl zurück. "Wir hatten noch nie zuvor 20 Kilo Gewicht ins Auto bekommen, obwohl wir Fünfter waren. Da hat es angefangen, schwierig zu werden, und es ging konstant so weiter." Auch beim nachfolgenden Rennwochenende auf dem Sachsenring (Wendl: "Es war sichtbar, dass etwas komplett danebenlag, und trotzdem wurde es nicht angepasst.") bei Güvens Doppelsieg und in Hockenheim fühlte sich Mercedes-AMG benachteiligt. Auers Podestplatz auf dem Red Bull Ring habe eine Ausnahme gebildet.
So lief die zweite DTM-Saisonhälfte für Mercedes-AMG
Ein Blick auf die reinen Ergebnisse: Mercedes-AMG holte in den acht Rennen der zweiten Saisonhälfte (Nürburgring, Sachsenring, Red Bull Ring, Hockenheim) 42 Punkte weniger als im ersten Abschnitt des Jahres. Manthey-Porsche und das Ferrari-Team Emil Frey Racing errangen 14 bzw. 5 Zähler weniger. Dem BMW-Team Schubert gelang hingegen in der zweiten Saisonhalbzeit ein Anstieg von 26 Punkten.
Vizechampion Auer holte in den ersten acht Rennen 109 Punkte, in den weiteren acht Läufen nur noch 79 - damit 30 Zähler weniger. Auch Engel (18 Punkte weniger) und Gounon (34 Punkte weniger) konnten nicht an ihre Resultate aus der ersten Saisonhälfte anknüpfen. Nur DTM-Rookie Tom Kalender, Auers Teamkollege bei Landgraf-Mercedes, gelang eine Verbesserung um 15 Zähler.
Vizemeister Auer fabrizierte einen Traumstart mit zwei Pole Positions und zwei Siegen in den ersten drei Rennen in Oschersleben sowie auf dem Lausitzring. In der zweiten Saisonhälfte fuhr er zwei weitere Male aufs Podium (P3 Nürburgring Sonntag, P3 Red Bull Ring Sonntag). Für Mercedes-AMG kamen in Saisonhalbzeit zwei keine weiteren Siege oder Pole Positions hinzu. Team-Champion Manthey-Porsche holte am Ende 7 der 16 Saisonsiege (5x Güven, 2x Preining), dahinter folgten BMW (3x Rast) und Mercedes-AMG (2x Auer).
DTM 2025: Saison-Vergleich aller Hersteller (Halbzeit 1 zu Halbzeit 2)
| Hersteller | Punkte Rennen 1-8 | Punkte Rennen 9-16 | Punkte-Differenz |
|---|---|---|---|
| Mercedes-AMG | 230 | 188 | - 42 |
| Porsche | 210 | 196 | - 14 |
| BMW | 161 | 187 | + 26 |
| Ferrari | 167 | 162 | - 5 |
| Lamborghini | 174 | 139 | - 35 |
| Ford | 56 | 63 | + 7 |
| Audi | 34 | 84 | + 50 |
| McLaren | 51 | 54 | + 3 |
| Aston Martin | 26 | 69 | + 43 |
"Prozess, der schon wehtut und uns alle enttäuscht zurücklässt"
Beim dramatischen Hockenheim-Finale errang Güven seinen entscheidenden fünften Sieg vom zweiten Startplatz hinter Pole-Setter Gilles Magnus (Aston Martin), während Auer das Rennen als zweitbester Mercedes-Pilot nach Gounon (P6) vom neunten Startplatz in Angriff nahm. Beim Zieleinlauf belegte er nach den Disqualifikationen von Aitken und Pepper (schwarze Flaggen missachtet) den vierten Rang hinter Markenkollege Engel.
Wendl abschließend: "Wir sind froh über den Hersteller-Titel und auch die Fans haben eine fantastische Saison erlebt. Wir wollen wieder spannende Rennen sehen in der DTM, aber das ist ein Prozess, der schon wehtut und uns alle enttäuscht zurücklässt. Wir wollen das erst mal verarbeiten."
Mit wie vielen Autos und in welcher Konstellation Mercedes-AMG in der DTM-Saison 2026 an den Start gehen wird, bleibt offen. Wo die Rennen stattfinden werden, ist hingegen klar: Hier findet ihr den DTM-Kalender für die kommende Saison:



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