Im professionellen Sport gibt es oftmals nur Licht oder Schatten: An einem Tag bist du der Held, am nächsten der Depp. In einer ähnlichen Situation befindet sich derzeit Timo Glock. Rund um den früheren Formel-1-Fahrer herrschte beim DTM-Rennwochenende auf dem Nürburgring von Beginn an großes Aufsehen. Die meisten Augen waren auf den 43-Jährigen gerichtet, nachdem sein Team Dörr Motorsport kurz zuvor bekanntgegeben hatte, dass er und Teamkollege Ben Dörr die Autos tauschen würden.

Das gesamte Eifel-Wochenende wirkte ein bisschen wie Hollywood rund um das McLaren-Kundenteam: Im Freitagstraining erzielte Glock unerwartet und in letzter Sekunde die erste Bestzeit eines McLaren in der DTM, am Sonntag errang der 20-jährige Dörr sensationell die erste Pole Position als fünftjüngster Fahrer der Geschichte. Am Ende passte aber nichts so recht zum Narrativ in der Öffentlichkeit, dass Glock mit dem vermeintlich besseren Fahrzeug seines Teamkollegen ja auch deutlich besser performen müsse.

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Timo Glock: "Ich muss hier nichts beweisen"

In den sozialen Medien und Fachmagazinen wurde, wie üblich bei solch ungewöhnlichen Situationen, eifrig diskutiert und geschrieben. Nur Einen interessierte das scheinbar nicht: Glock selbst, der das Samstagsrennen auf dem zehnten Platz beendete und am Sonntag frühzeitig wegen eines Technikproblems ausfiel.

Glock: "Ich muss hier nichts beweisen. Ich bin über 90 Formel-1-Rennen gefahren und habe DTM-Rennen gewonnen. Die Leute können reden, was sie wollen. Sie haben eine kurze Sicht und sehen nur die Ergebnisse an den Rennwochenenden. Jeder sagt: 'Der Glock ist zu alt für DTM.' Am Freitag war es dann ganz anders, als ich Bestzeit gefahren bin im 2. Training. Auf einmal hieß es, dass ich zurück bin. Ich kümmere mich nicht um diesen Bullshit."

"Dass es mich mit 43 Jahren noch mal so hart trifft..."

Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass die Gesamtsituation an Glock nagt. Seit dem ersten Rennen in Oschersleben ziehen sich die Probleme mit seinem McLaren durch die Saison. Mit dem Vorjahresauto von Dörr klappte es nicht und auch ein Wechsel auf das NLS-Auto von Dörr Motorsport brachte keine sichtbare Besserung. Glock soll zum übernächsten Rennwochenende in Spielberg einen nagelneuen McLaren erhalten, genau wie Dörr, der seit dem Saisonstart mit einem fabrikneuen Fahrzeug fährt.

Glock, der am Nürburgring einiges an Redebedarf hatte: "Es ist ein charakterbildendes Jahr. Dass es mich mit 43 Jahren noch mal so hart trifft, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte 2019 bei BMW schon mal so ein Jahr. Die können da draußen erzählen, was sie wollen. Das interessiert mich nicht. Meine Aufgabe ist es, mit dem Team nach vorne zu kommen. Wir sehen es ja auch, das Potenzial für die Pole ist da. Aber die Pole in ein Top-3-Ergebnis umzusetzen, ist noch nicht möglich. Wir wissen, dass wir bei gewissen Dingen noch limitiert sind, ob das die Boxenstopps sind oder die Outlap-Performance."

Das zeigte sich einmal mehr im Sonntagsrennen, als Pole-Setter Dörr wegen zwei langsamer Boxenstopps - mehr als 3 Sekunden länger im Vergleich zu den etablierten Top-Teams - unverschuldet zahlreiche Positionen verlor und 'nur' den achten Platz belegte. Auf der Strecke wurde der 20-Jährige tatsächlich nur von Rennsieger Rene Rast (Schubert-BMW) überholt.

"Ben ist heute ein sauberes Rennen gefahren, leider war der Boxenstopp nicht so gut, wie er hätte sein müssen", räumte Teammanager Robin Dörr gegenüber Motorsport-Magazin.com ein. "Aber das größere Problem sind nach wie vor unsere schlechten Rundenzeiten mit kalten Reifen auf den Outlaps. Dabei verlieren wir einfach zu viel Zeit, wie auch das heutige Rennen wieder gezeigt hat."

Timo Glock mit Dörr-McLaren beim DTM-Rennen am Nürburgring
Timo Glocks Dörr-McLaren 720 S GT3 auf dem Nürburgring, Foto: IMAGO/Pakusch

Glock lobt Teamkollege Dörr: Völlig unterbewertet

"Ben macht einen Top-Job, der wird völlig unterbewertet", meinte Glock, der am Sonntag nach Startplatz 18 wegen eines Kabelbruchs im Getriebekabelbaum frühzeitig aufgeben musste. Er selbst performte zwar deutlich besser als an den vorangegangenen Rennwochenenden, aber wie eine wundersame Heilung wirkte der Autowechsel nach außen hin nicht.

"Dieser ganze Firlefanz mit dem Autotausch und Hin und Her hat nichts mit der Performance unter den Fahrern zu tun", sagte er. "Wir versuchen Lösungen zu finden, sodass wir beide auf dem gleichen Niveau sind. Wir haben am Freitag gezeigt, dass es geht. Wir haben gezeigt, dass es am Samstag gutgegangen wäre, wenn ich die Runde (im Qualifying, Glock P13, Dörr auf P7 + 3 Strafplätze) zusammenbekommen hätte."

DTM am Nürburgring: Timo Glock & Ben Dörr im Vergleich

SessionTimo GlockBen Dörr
1. Freies TrainingP21P2
2. Freies TrainingP1 P2
1. QualifyingP13P7
1. RennenP10P8
2. QualifyingP18P1
2. RennenAusfallP8

Glock: Fahrstil funktioniert nicht auf McLaren

Glock holte weiter aus: "Ich versuche zu verstehen, wie dieses Auto funktioniert, und wir als Team versuchen es besser zu machen. Mein Fahrstil, der auf jedem anderen Auto funktioniert, funktioniert halt auf diesem Auto nicht wirklich. Ben hat einen gewissen Fahrstil, er kennt das Auto nur so und kann das sehr gut umsetzen. Wir hingegen versuchen es über das Setup zu verstehen. Auch, was den Autotausch anging, wo wir klare Unterschiede gesehen haben, was auch weiter der Fall ist. Um zu verstehen, wie wir das Auto so platzieren können, dass es zum meinem Fahrstil passt. Das funktioniert momentan nicht."

Von Samstag auf Sonntag habe die Dörr-Mannschaft das Setup an Glocks McLaren noch einmal überarbeitet. Eine laut Glock "logische Änderung, die eigentlich besser hätte sein müssen. Die ging aber genau in die andere Richtung". Abseits der Rennwochenenden stehen Dörr Motorsport noch zwei Testtage zur Verfügung, um die aktuelle Situation besser zu verstehen und sich auch für die kommende Saison zu wappnen: einer am kommenden Sonntag auf dem Sachsenring sowie ein privater Testtag in Spielberg.

Glocks Fazit: "Das zeigt, dass wir so langsam einen Haken dran machen und sagen müssen: 'Wir können das Rad nicht neu erfinden an diesem Auto und müssen es so nehmen, wie es ist.' Ich muss mich dem Auto mehr anpassen als anders herum. Das werde ich jetzt in Angriff nehmen. Es waren klare Erkenntnisse am Norisring und jetzt hier auf dem Nürburgring."