Motorsport-Magazin.com Plus
DTM

DTM 2020 - BMW-Debakel: Nur Marco Wittmann spricht Klartext

Kopf einziehen und sich insgeheim aufs Saisonende freuen: So lautet die Devise bei BMW vor dem DTM-Finale in Hockenheim. Eine Bestandsaufnahme.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - BMW hat beim vorletzten Rennwochenende der DTM-Saison 2020 vor gut zwei Wochen in Zolder einen Meilenstein erreicht. Die Werksfahrer und vor allem Privatpilot Robert Kubica mit seinem Podestplatz bescherten dem Autobauer aus München den 1000. Punkt in der Class-1-Ära.

Im Vergleich zur Konkurrenz von Audi war es aber nur ein Kieselsteinchen. Die Ingolstädter holten allein in diesem Jahr 1.102 Punkte und seit dem Beginn der Turbo-Ära 2019 ganze 2.234 Zähler - mehr als doppelt so viele wie BMW!

Seit der Einführung der Turbo-Autos vor zwei Jahren war BMW nur im ersten Saisondrittel 2019 konkurrenzfähig. Dann schwammen die Felle wegen starker Vibrationen im Motorenumfeld und kontinuierlicher Drosselung immer weiter davon. Dass sich daran auch über den Winter nichts änderte, müssen die Verantwortlichen um den scheidenden Motorsport-Direktor Jens Marquardt dem Vorstand in München erklären.

Für die BMW-Fahrer war vor allem die Saison 2020 ein Spießrutenlauf. Nur zwei Siege - auch dank glücklicher Umstände - durch Lucas Auer und Sheldon van der Linde stehen auf der Habenseite. Auf der Gegenseite teilte das dominante Audi-Trio Rene Rast, Nico Müller und Robin Frijns 14 Siege unter sich auf. Einer einzigen BMW-Pole (Timo Glock in Zolder) stehen 15 erste Startplätze durch einen Audi-Fahrer gegenüber.

Nur Wittmann spricht Klartext

Kollektives Köpfe einziehen war meist im BMW-Lager angesagt. Klartext sprach in letzter Zeit nur Marco Wittmann. Während die meisten Fahrer ausweichend auf die Frage antworteten, ob sie froh seien, dass die Saison bald rum ist, sagte der zweifache DTM-Champion gerade heraus: "Ich bin happy, wenn die Saison vorbei ist und wir neue Projekte beginnen können, um es in Zukunft besser zu machen."

Dabei machte auch Wittmann klar, dass die Motivation in der Erreichung persönlicher Ziele liege - etwas anderes bleibt dem BMW-Tross angesichts der meist herrschenden Chancenlosigkeit ohnehin nicht übrig. "Irgendwie bist du froh, dass es bald vorbei ist, andererseits versuchst du immer so gut zu fahren wie möglich", erklärte der erfolgreichste BMW-Fahrer der vergangenen Jahre.

DTM unter Class 1: Audi und BMW im Vergleich

Statistik Audi BMW
Siege 2020 14 2
Siege seit 2019 26 8
Podestplätze 2020 39 9
Podestplätze seit 2019 79 23
Pole Positions 2020 15 1
Pole Positions seit 2019 27 7
Führungsrunden 2020 528 48
Führungsrunden seit 2019 976 292
Punkte 2020 1.102 469
Punkte seit 2019 2.234 1.019

BMW: Gute Miene zum bösen Spiel

In der Krise traute sich kaum ein Fahrer, mal öffentlich auf den Tisch zu hauen - womöglich wissend, dass sich angesichts der angekündigten Werksausstiege von Audi und BMW zum Saisonende ohnehin nicht viel ändern wird? "Ich bin jedes Mal happy, Rennen zu fahren, aber du willst wettbewerbsfähig sein. Es ist halt so, aber ich liebe, was ich tue", sparte sich selbst der sonst selten um offene Worte verlegene Timo Glock eine klare Ansage.

Philipp Eng, Lausitz-Sieger Lucas Auer und Jonathan Aberdein sind ebenfalls völlig abgemeldet, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig ins Auto fahren. "Die Ergebnisse sind nicht wie erhofft, aber ich habe den besten Job der Welt. Es gab Jahre, da war ich nicht mal sicher, ob ich überhaupt Rennen fahren kann", machte unter anderem der Österreicher Eng gute Miene zum bösen Spiel. Innerlich dürfte es bei ihm und Landsmann Auer ("Ich genieße jede Minute, würde aber gern um den Titel fahren") ganz anders aussehen...

Formel E: DTM-Fahrer bleiben außen vor

Die Hoffnung auf das lukrative freie BMW-Cockpit in der Formel E samt Werksvertrag zerschlug sich kürzlich bei den DTM-Fahrern. Stattdessen entschieden sich die Verantwortlichen für den Briten Jake Dennis, der 2019 für R-Motorsport in der DTM fuhr und zeitgleich Simulatorfahrer bei Red Bull ist. Ein Platz an der Seite des bereits bestätigten Maximilian Günther wäre die beste Gelegenheit gewesen, weiter bei BMW angestellt zu bleiben.

Die beste Stimmung im BMW-Lager vermittelt noch Sheldon van der Linde. Man glaubt dem Youngster aus Südafrika gern, wenn er sagt: "Der Sieg dieses Jahr in Assen war der beste Tag meines Lebens! Wir haben konstant starke Leistungen gezeigt und ich will den vierten Platz in der Meisterschaft holen als 'Best of the Rest'." Mit 105 Punkten belegt van der Linde hinter Glock (116) den fünften Platz. Der Rückstand auf Spitzenreiter Rene Rast beträgt krachende 199 Zähler.

Erstes BMW-Team verabschiedet sich

Ob alle aktuellen Fahrer auch 2021 für BMW in Rennserien an den Start gehen werden - und zu welchen Bezügen? Das BMW-Team RBM von Bart Mampaey hat sich bereits verabschiedet aus der DTM. "Mit dem Finale endet die DTM in ihrer bisherigen Form, und das bedeutet auch für uns die letzten Rennen in dieser Serie, in der wir seit dem Comeback von BMW 2012 angetreten sind", wird Mampaey in einer aktuellen Pressemitteilung von BMW zitiert.

Wie es mit Stefan Reinhold und seiner RMG-Mannschaft aus Niederzissen weitergeht, ist offiziell noch nicht bekannt. Reinhold: "Das gesamte Team arbeitet hart dafür, die Saison - und unser Engagement in der DTM in ihrer bisherigen Form - mit einer starken Performance abzuschließen."

Letzter Auftritt von Marquardt

Auch Jens Marquardt wird in Hockenheim ein letztes Mal - und auch mal wieder - in der DTM vor Ort sein. Obwohl er zum 01. November 2020 eine neue Rolle im BMW-Prototypenbau übernommen hat, begleitet er das Saisonfinale (06.-08. November) auf der badischen Traditionsstrecke. Danach ist Schluss für Marquardt, der fast zehn Jahre lang den Posten des BMW-Motorsportchefs bekleidete.

Gewohnt diplomatisch sagte Marquardt trotz des sportlichen Debakels: "In Hockenheim endet eine insgesamt schwierige Saison - zum einen stark geprägt durch die Corona-Pandemie, zum anderen ist die Saison auch sportlich nicht so verlaufen, wie wir uns das erhofft hatten." Das dürfte für die gesamte Zeit der kurzlebigen Class-1-Ära in der DTM gelten.


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magazin.com Plus