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DTM / Hintergrund

DTM vor Ende der Turbo-Ära: Das BMW-Debakel in Zahlen

Audi holt in den zwei Jahren der Class-1-Ära alle Meisterschaften in der DTM. BMW kassiert eine epische Klatsche. Das sagen die Sportschefs zur Bilanz.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Die kurzlebige Ära der Class-1-Turboautos in der DTM steht vor ihrem Ende. Bei noch zwei Rennwochenenden in Zolder (16.-18. Oktober) sowie zum Saisonfinale in Hockenheim (06.-08. November, vorbehaltlich Bestätigung) kommen die knapp 600 PS starken Silhouetten-Prototypen zum Einsatz, bevor sie ins Museum wandern.

Damit endet auch die Leidenszeit der BMW-Fahrer, die in den zwei Jahren seit der Class-1-Einführung zu Beginn 2019 durchweg die zweite Geige spielten. Während Audi mit seinem RS 5 meist nach Belieben das Geschehen in der DTM dominierte, gelangen der Konkurrenz aus München Highlights, die sich an einer Hand abzählen lassen.

Ein prägendes Beispiel vom vergangenen Wochenende in Zolder: Timo Glock fuhr am Samstag auf den zweiten Startplatz und errang damit für BMW die allerersten Qualifying-Punkte in der Saison 2020, die an die drei bestplatzierten Fahrer vergeben werden. Als Glock am Sonntag die Pole Position folgen ließ, stand zum ersten Mal nach 428 Tagen wieder ein BMW-Rennwagen auf dem ersten Startplatz.

Gass: Hätte mir mehr Wettbewerb gewünscht

"Als Audi-Motorsportchef bin ich extrem zufrieden mit den Ergebnissen", sagte Dieter Gass in Zolder. "So etwas ist noch nie passiert in der Vergangenheit und ein gutes Signal für die Qualität, die wir abliefern. Aber ich bin nicht nur Motorsportchef, sondern auch Fan. Und aus dieser Sicht hätte ich mir mehr Wettbewerb gewünscht."

Nur im ersten Saisondrittel 2019 fuhren Audi und BMW auf Augenhöhe. In der Folge tauchten beim Boliden aus München immer mehr Schwierigkeiten im Motorenumfeld auf, die sich nur durch einen kurzfristigen Eingriff in die Performance lösen ließen. Die Ankündigung, über den Winter 'jeden Stein umdrehen' zu wollen, spiegelte sich in den folgenden Ergebnissen 2020 nicht ansatzweise wider.

"Nach dem Winter hatten wir einen eng geführten Wettbewerb mit BMW erwartet, aber es lief dann ziemlich dominant für uns", sagte Gass, der die eigene Stärke auf das vielzitierte Gesamtpaket aus Motor, Auto, Fahrern und Teams zurückführte. "Das Teamwork macht den Unterschied aus. Alle arbeiten zusammen in die gleiche Richtung und helfen sich gegenseitig."

DTM seit 2019: Audi und BMW im Vergleich

Statistik Audi BMW
Siege 2020 12 2
Siege seit 2019 24 8
Podestplätze 2020 34 8
Podestplätze seit 2019 74 22
Pole Positions 2020 13 1
Pole Positions seit 2019 25 7
Führungsrunden 2020 458 37
Führungsrunden seit 2019 906 281
Punkte 2020 961 417
Punkte seit 2019 2.093 967

Audi holt alle Class-1-Meisterschaften

Vier Rennen vor dem Saisonfinale steht Audi in allen drei Wertungen vorzeitig als Meister fest. In der Hersteller-Wertung, die Audi mit 961 Punkten vor BMW (417 Punkte) anführt, fiel die Entscheidung bereits auf dem Nürburgring. Zuletzt in Zolder errang zudem das Audi Sport Team Abt Sportsline die fünfte Team-Meisterschaft seiner Geschichte. Ebenfalls steht rechnerisch fest, dass mit Nico Müller, Rene Rast oder Robin Frijns ein Audi-Fahrer die Meisterschaft gewinnen wird.

Die BMW-Fahrer machen in der Öffentlichkeit hingegen gute Miene zum bösen Spiel und fokussieren sich auf die eigenen Leistungen, wissend, dass sie unter normalen Umständen aus eigener Kraft nicht siegfähig sind. Die beiden Siege von Lucas Auer auf dem Lausitzring und Sheldon van der Linde in Assen waren von äußeren Gegebenheiten - Reifen-Chaos oder Regen - begünstigt.

Für BMW-Fahrer zählten in dieser Saison oftmals Podestplätze zum Höchsten der Gefühle. Der zweifache DTM-Champion Marco Wittmann war mit drei Podiumsfahrten der erfolgreichste und einer der wenigen, der die offenkundigen Schwierigkeiten deutlich ansprach. BMW erzielte bislang acht Podesterfolge - bei Audi (34 Podestplätze) war jeder einzelne der Titelanwärter erfolgreicher (Müller und Frijns je 10 Podestplätze, Rast 9).

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Marquardt: Eindeutig falsche Beurteilung

"Die vergangenen beiden Jahre waren schwierig", räumte BMW-Motorsportdirektor Jens Marquardt ein. "Nach der Einführung des Vierzylinders waren wir ein bisschen zu sicher, die Probleme mit den Vibrationen unter Kontrolle zu haben. Im ersten Saisonviertel war das der Fall und wir waren erfolgreich. Dann hat sich alles verschlechtert. Wir mussten so viele Kompromisse eingehen, die Motoren aus Sicht der Performance runterdrehen und so weiter. Das war eindeutig eine falsche Beurteilung von unserer Seite. Das haben wir für dieses Jahr korrigiert. Die Vibrationen sind jetzt kein Problem mehr."

Erfolge wollten sich dennoch kaum einstellen. Ein prägnanter Vergleich: Audi-Fahrer drehten in der bisherigen Saison 458 Führungsrunden, wobei 405 allein auf das Konto von Müller (161 Runden), Frijns (128) und Rast (116) gehen. Auf der Gegenseite führten BMW-Fahrer zusammen 37 Runden in den 14 Saisonrennen an. Wenig überraschend hat Audi mehr als doppelt so viele Punkte auf dem Konto wie BMW.

DTM 2020: Vergleich in der Breite

Statistik 2020 Audi BMW
Fahrer in den Qualifying-Top-6 60 24
Fahrer in den Top-6 der Rennen 58 26

BMW-Chef: Mehr oder weniger auf Augenhöhe

Marquardt: "Den Boden, den wir in den letzten zwei Dritteln der vergangenen Saison verloren hatten, haben uns zwei Drittel dieser Saison gekostet, um ihn wieder gutzumachen. Und um mehr oder weniger auf Augenhöhe mit Audi zu sein, wenn auch nicht ganz. Ich hätte mir mehr Zeit mit dem Class-1-Reglement gewünscht, wir sehen erst jetzt eine ausbalancierte Situation."

Dabei holte Audi nicht nur die sogenannten Big Points, sondern war auch in der Breite deutlich überlegen. Bei drei Gelegenheiten belegten Audi-Fahrer gar die vorderen sechs Plätze im Qualifying. In den Top-6 aller Qualifyings tauchte 60 Mal ein RS-5-Pilot auf, während es BMW-Fahrern nur 24 Mal gelang, in eine der ersten drei Startreihen zu fahren. In der Rennbilanz sieht das Verhältnis aus Sicht der Münchner ähnlich desaströs aus.


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