In Ungarn abgeschossen, in Brünn nach indiskutablem Verhalten gesperrt und in Assen bei Highspeed gestürzt: Marco Bezzecchi ist von der WM-Führung in eine Krise gestürzt. Unser MotoGP-Experte Tom Lüthi sieht jetzt die mentale Stärke des Italieners auf die Probe gestellt.
Tom Lüthi über Bezzecchis Brünn-Aussetzer: Darf nicht passieren!
Ein vielleicht die Weltmeisterschaft mitentscheidender Moment war die Ohrfeige des Aprilia-Piloten gegen einen Marshal in Brünn, der eine Sperre für das Rennen nach sich zog. "Die Emotionen nehmen natürlich Überhand. In diesem Fall von Bezzecchi war es so, dass er [nach seinem Sturz im Sprint, Anm. d. Red.] sauer war. Aber dass er derart die Kontrolle verliert, darf natürlich einem MotoGP-Profi nicht passieren. Da hätte er sich dann doch beherrschen und bei sich bleiben müssen und natürlich nicht den Marshall angreifen, der in diesem Moment nur helfen wollte und eigentlich das Beste wollte für ihn", konstatierte Lüthi in der neuesten Ausgabe des Interwetten MotoGP-Magazins. Hier könnt ihr es sehen:
"Es war eine heftige Strafe, aber dieser Ausraster darf auch einfach nicht passieren. Es war zu viel von Bezzecchi und deshalb hat er die Strafe selbst auch akzeptiert. In meinen Augen war es okay. Aber es war natürlich heftig für ihn, wenn man bedenkt, dass er um das Podium mitfahren hätte können. Die Punkte, die er dort verloren hat, die sind natürlich gravierend für den Titelkampf", sprach Lüthi die Auswirkungen auf die Saison an.
Mentaler Druck auf Marco Bezzecchi erhöht sich: Muss jetzt wieder Konstanz finden!
Der Druck auf Bezzecchi erhöht sich immer weiter: "Es scheint jetzt klar, da sind vielleicht fünf oder gar acht Fahrer, die schlussendlich Rennen gewinnen können und um die WM kämpfen. Bezzecchi war von Anfang an ziemlich vorneweg, hat eigentlich die Führungsrolle übernommen und die anderen haben dann Druck gemacht. Da kommt das ganze Mentale dazu, die ganzen Psychospielchen kommen dazu."
In diesem Zusammenhang sieht unser Experte dann auch den Highspeedsturz in Assen, welcher glücklicherweise glimpflich ausging. "Wenn es dann vielleicht mal nicht so läuft und man ist nicht mehr ganz so überlegen mit dem Motorrad auf einer Strecke, dann ist ganz schnell auch ein Fehler passiert und dann kommt noch ein zweiter Fehler dazu und dann ist man schnell mal ein bisschen in Zweifel und es kratzt halt schlussendlich an der mentalen Stärke", meint Lüthi. Dennoch schreibt er 'Bezz' nicht ab: "Ich würde nicht sagen, dass Marco Bezzecchi nicht stark genug ist im Kopf, um Weltmeister zu werden. Aber er muss sicher wieder die Konstanz finden."

Genau das war bereits zuvor das Problem im Sprint gewesen, doch nun hat Bezzecchi auch drei Grand Prix in Folge nichts vorzuweisen. "Er muss versuchen, möglichst viele Punkte mitzunehmen. Und nicht null Punkte aus Sprints und Rennen rausholen. Das ist es, was einen Weltmeister ausmacht, wenn er überall bisschen punkten kann, auch wenn es mal nicht so läuft. Das Mentale ist ganz klar jetzt wichtig, aber gegen Ende der Saison, wenn sich der Titelkampf zuspitzt, dann wird das natürlich noch einmal eine andere Nummer", warnt der 125er-Weltmeister von 2005.
Marc Marquez macht es vor: Psychospielchen mit anderen, selbst ruhig bleiben
Besonders ein Rivale Bezzecchis habe diese Stärke bereits bewiesen: "Da spielt natürlich die Erfahrung mit rein. Der erste Name, der mir einfällt, ist Marc Marquez. Das hat er in der Vergangenheit schon perfekt gemacht." Der Superstar habe bereits erfolgreich seine Psychospielchen mit ihm getrieben: "Marc hat bewusst den Ball Bezzecchi zugeschoben und ihm auf eine charmante Art und Weise Druck gemacht. Bezzecchi hat dann auch interessant reagiert. Ihm wurde vor der Kamera gesagt, dass er laut Marc die 37 Punkte holt, dass er alles gewinnen wird und überlegen ist. Und Bezzecchi hat dann gesagt: 'Ok, wow, ja, dankeschön.' Und Marc hat nur gelächelt und gedacht, vielleicht hilft es ja, dass er sich zu viel Druck macht."

Sich immer nur mehr Erfolgsdruck aufzuladen sei ein Phänomen jüngerer Piloten: "Wenn man weniger Erfahrung hat damit oder in der MotoGP-Klasse noch nie dabei war, dann ist vielleicht mehr der Heißsporn mit dabei und nochmal gewinnen zu wollen und das nächste und das nächste und dann passieren irgendwann Fehler. Dieses ruhig bleiben und auf sich vertrauen, das macht sehr viel aus und da spielt die Erfahrung eine große Rolle."
Obwohl seine Stärke in diesem Bereich längst nachgewiesen ist, schreibt Lüthi der Nummer 93 aber nicht automatisch den Titel gegen Bezzecchi und die zahlreichen anderen Konkurrenten zu: "Ich würde jetzt nicht sagen, weil er mental vielleicht überlegen ist oder vielleicht ein Stückchen besser ist als die anderen, dass Marquez deswegen die WM gewinnt. Schlussendlich ist dann doch das Paket entscheidend und die Konstanz zu haben über die ganze Saison." Doch genau Letztere ist wohl nur mit einer gewissen mentalen Stärke zu liefern.
Doch auch ein Marc Marquez kann nicht immer gewinnen. In den Niederlanden musste er das Wochenende schlussendlich einfach überstehen:



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