Casey Stoner gegen Valentino Rossi? Da denken viele MotoGP-Fans sicherlich zuerst an Laguna Seca 2008. Zweifellos eines der legendärsten Rennen, das die Königsklasse je zu sehen bekam. Doch die Rivalität der beiden Weltmeister war natürlich noch von zig weiteren Duellen geprägt. Ihren Höhepunkt erlebte sie vielleicht sogar erst 2011 in Jerez, als Rossi Stoner im damaligen Spanien-Grand-Prix abräumte und anschließend die Emotionen hochkochten. Motorsport-Magazin.com blickt exakt 15 Jahre später auf den ikonischen Konflikt vom 3. April 2011 zurück.

MotoGP-Saison 2011: Casey Stoner blüht auf, Valentino Rossi stürzt ab

2011 war in der MotoGP vieles neu. Es gab zwei Rookies, einen Rückkehrer mit Moto2-Champion Toni Elias und insgesamt sechs Teamwechsler, darunter zwei besonders pikante. Stoner hatte sich nach vier Jahren bei Ducati dem Honda-Werksteam angeschlossen und seine Lücke in Borgo Panigale wurde von keinem Geringeren als Rossi gefüllt. Der italienische Superstar fuhr endlich für das italienische Werksteam, die vermeintliche Traumehe war perfekt. Doch der Saisonstart verlief ganz anders, als sich viele Fans wohl erwartet oder erhofft hatten.

Casey Stoner gewann den Saisonstart 2011 in Katar, Foto: Milagro
Casey Stoner gewann den Saisonstart 2011 in Katar, Foto: Milagro

Beim Auftaktrennen in Katar siegte Stoner in seinem Debütrennen auf Honda souverän mit dreieinhalb Sekunden Vorsprung vor Jorge Lorenzo, während Rossi nur als Siebter ins Ziel kam. Mehr als 16 Sekunden hatte er auf seinen Ducati-Vorgänger verloren. Und auch in Jerez wurde es erstmal nicht besser. Stoner holte seine zweite Pole Position in Serie, während Rossi im Qualifying stürzte und mit 1,428 Sekunden Rückstand nicht über einen enttäuschenden zwölften Startplatz hinauskam. Die nächste herbe Klatsche für den 'Doktor' und die nächste Genugtuung für Stoner. Der Australier hatte sich nach zwei WM-Niederlagen gegen Rossi (2008 und 2009) sowie immer weniger Siegen in den letzten Jahren nämlich immer wieder anhören müssen, dass er vielleicht doch nicht so talentiert sei, wie anfangs alle dachten. Rossis problembehafteter Ducati-Start und Stoners Gala-Auftakt bei Honda widerlegten das jedoch eindrucksvoll.

Den Spanien-GP 2011 startete Stoner somit klar favorisiert. Oder besser gesagt: Er hätte ihn klar favorisiert gestartet, hätte es am Sonntag nicht zu regnen begonnen. So aber war Stoner plötzlich im Nachteil, denn er hatte, vom Warm Up abgesehen, noch keine Runden im Nassen auf der Honda gedreht. Seine überlegene Pace im Trockenen? Ausradiert! Das Rennen war plötzlich wieder völlig offen und offenbarte Chancen für Außenseiter - wie Rossi.

Valentino Rossi schießt Casey Stoner im Spanien-GP 2011 ab

Zwar hielt Stoner beim Start die Führung und erfuhr sich gemeinsam mit Lorenzo schnell einen kleinen Vorsprung auf das restliche Feld, doch dass die Beiden an diesem Tag nicht die schnellsten Fahrer im Feld waren, zeigte sich auch sehr schnell. Denn einerseits kämpfte sich Marco Simoncelli binnen kürzester Zeit nach vorne und andererseits pflügte auch Rossi in Rekordtempo durch das Feld. In Runde drei war das Duo bereits auf den Plätzen drei und vier angelangt, in Runde sechs schnappte sich Simoncelli binnen weniger Kurven erst Lorenzo und dann auch Stoner. Die ersten Führungskilometer für 'SuperSic' in der MotoGP.

Casey Stoner führte im nassen Spanien-GP 2011 nur kurz, Foto: Milagro
Casey Stoner führte im nassen Spanien-GP 2011 nur kurz, Foto: Milagro

Rossi, inzwischen auch am Heck von Lorenzo angelangt, fürchtete zu diesem Zeitpunkt wohl, dass sein junger Landsmann jetzt uneinholbar enteilen könnte, wenn er nicht schnellstmöglich auch an Lorenzo und Stoner vorbeigehen würde. Also verschwendete der Ducati-Star keine Zeit und drückte sich schon zu Beginn von Runde sieben an Lorenzo vorbei auf Rang drei. Nur einen Umlauf später dann auch die Attacke gegen Stoner. Rossi bremste deutlich später als sein Widersacher für Kurve eins, ging auf der Innenbahn vorbei … und verlor die Front. Der 'Doktor' rutschte weg und krachte in Stoner, der dadurch ebenfalls zu Boden ging. Die alles bestimmende Schlagzeile des Rennens war geschrieben.

Rossi konnte nochmal weiter- und dank zahlreicher Stürze sogar noch bis auf Platz fünf nach vorne - fahren, während Stoner an Ort und Stelle aufgeben musste. Auch, weil die Marshals primär Rossi wieder auf die Beine geholfen und ihn mehr oder weniger am Streckenrand hatten stehen lassen. Ein Zwischenfall, der den Honda-Piloten ziemlich wütend machte - aber nicht so sehr, wie das gescheiterte Überholmanöver Rossis. Als der Italiener eine Runde später wieder an der Unfallstelle vorbeifuhr, stand Stoner dort noch immer am Streckenrand und applaudierte seinem Lieblingsrivalen sarkastisch zu. Ein erster Vorgeschmack auf das, was danach noch kommen sollte.

Die legendäre Kollision zwischen Valentino Rossi und Casey Stoner in Bildern, Foto: Milagro
Die legendäre Kollision zwischen Valentino Rossi und Casey Stoner in Bildern, Foto: Milagro
Foto: Milagro
Foto: Milagro
Foto: Milagro
Foto: Milagro
Foto: Milagro
Foto: Milagro
Foto: Milagro
Foto: Milagro
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Foto: Milagro
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"Ehrgeiz größer als Talent" - Casey Stoner schmettert Rossi-Entschuldigung ab

Nachdem Rossi seine Ducati zurück an die Garage gefahren hatte, machte er sich nämlich auf den Weg zur Repsol-Honda-Box, um sich bei Stoner zu entschuldigen. Begleitet wurde er dabei von einer Medientraube, die wohl ein Vielfaches größer war als jene, die beim Parc ferme auf die Interviews um Rennsieger Lorenzo wartete. Bei Stoner und dem Honda-Team angekommen, konnte dem Gespräch zwischen Rossi und dem Australier dank eines Kameramanns des offiziellen MotoGP-Feeds anschließend die gesamte Weltöffentlichkeit lauschen. Und was sie zu hören bekam, hatte es in sich. Auf Rossis Entschuldigung reagierte Stoner lachend mit den Worten: "Kein Problem. Dein Ehrgeiz war da einfach größer als dein Talent."

Casey Stoner hielt nicht viel von Valentino Rossis Entschuldigung, Foto: Milagro
Casey Stoner hielt nicht viel von Valentino Rossis Entschuldigung, Foto: Milagro

Autsch, das hatte gesessen. Auf eine Wiederholung des Unfalls im TV reagierte Stoner anschließend noch sarkastisch mit einem dicken Grinsen im Gesicht und zwei Daumen nach oben. Seine Meinung zum Zwischenfall war also klar, doch wie würde Rossi darauf reagieren. Diese Ansage konnte der Superstar doch eigentlich nicht auf sich sitzen lassen, oder? Falsch gedacht, er konnte. "Vielleicht weiß er nicht genau, wer ich bin", lachte der 'Doktor' zunächst noch, gab dann aber offen zu: "Es ist okay. Er ist sauer und ich wäre es an seiner Stelle auch. Ich habe einen Fehler gemacht und es war mir wichtig, dass ich mich sofort entschuldige. Was er sagt, interessiert mich nicht. Als ich hinter ihm war, wollte ich gar nicht überholen, aber ich bremste etwas zu spät. Ich war daher etwas zu schnell und hatte nicht genug Platz, um auf der Außenseite auszuweichen. Deshalb habe ich es innen versucht und wollte eine Kollision eigentlich vermeiden. Leider habe ich dann das Vorderrad verloren und ihn mitgerissen. Es war komplett mein Fehler."

Eine Eskalation blieb also aus, zumal Stoner einige Jahre später einräumte: "Um ehrlich zu sein, hatte ich das Ganze am Ende des Tages schon wieder vergessen. Wir waren uns ohnehin ziemlich sicher, dass Vale in diesem Jahr nicht um die Weltmeisterschaft mitfahren würde und wir hatten andere Dinge, mit denen wir uns beschäftigen mussten - speziell Jorge." Der damalige Titelverteidiger hatte sich mit dem Sieg in Jerez die WM-Führung gesichert und drohte nun, Momentum im Titelkampf aufzunehmen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Dass Lorenzo den Spanien-GP gewinnen konnte, lag primär an Simoncelli. Denn der Gresini-Pilot, zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Sekunden in Front, stürzte zu Beginn von Runde 12 ebenfalls in Kurve eins, warf somit seine wohl beste Chance auf einen MotoGP-Sieg weg und öffnete erst damit den Weg zum Triumph des Yamaha-Mannes.

Marco Simoncelli warf in Jerez einen möglichen Sieg weg, Foto: IMAGO / Insidefoto
Marco Simoncelli warf in Jerez einen möglichen Sieg weg, Foto: IMAGO / Insidefoto
Foto: IMAGO / ABACAPRESS
Foto: IMAGO / ABACAPRESS

Chaos zum Abschluss: Dramatisches letztes MotoGP-Podium für Nicky Hayden

Drama pur also, aber nicht nur für 'SuperSic'. In der vorletzten Runde stürzte auch noch Yamahas Rossi-Nachfolger Ben Spies auf Platz zwei liegend und schenkte damit Colin Edwards ein unverhofftes Podium, dass der Tech3-Pilot aber ebenfalls nicht nach Hause bringen konnte. Vielmehr rollte er zu Beginn der letzten Runde mit einem technischen Defekt aus und gab so Landsmann Nicky Hayden die Möglichkeit, ein letztes Mal in seiner Karriere auf das MotoGP-Podium zu fahren. Dahinter gelang Hiroshi Aoyama mit Platz vier das beste Ergebnis seiner Laufbahn in der Königsklasse, zudem schafften die Rookies Karel Abraham und Cal Crutchlow - trotz Stürzen! - die Ränge sieben und acht. Jede Menge Gesprächsstoff also, den der Spanien-Grand-Prix 2011 da lieferte. Doch für immer in Erinnerung bleiben wird wohl nur der Konflikt zwischen Rossi und Stoner, der glücklicherweise ohne komplette Eskalation endete.

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