Acht Siege, neun Pole Positions und 31 Podien. Stellt euch vor, ihr seid eines der erfolgreichsten MotoGP-Teams der letzten vier Jahre. Ihr habt eine spannende Fahrerpaarung für die kommende Saison zusammengestellt und seid positiv gestimmt, auch im neuen Jahr wieder große Erfolge zu feiern. Doch dann bricht eure Welt plötzlich zusammen und ihr müsst euch rund zweieinhalb Monate vor dem Saisonstart völlig aus heiterem Himmel aus der Königsklasse zurückziehen. Könnt ihr euch nicht vorstellen, oder? Tja, und doch ist genau das einst mit Pons Racing passiert. Wie eines der Topteams plötzlich aus der MotoGP verschwinden konnte? Motorsport-Magazin.com blickt exakt 20 Jahre später zurück.

Pons Racing: Der Absturz eines MotoGP-Topteams

Den Anfang vom Ende erlebte Pons Racing rückblickend wohl schon während der Saison 2005. Denn diese verlief - verglichen mit den drei Jahren zuvor - recht enttäuschend. Die Verpflichtung von Troy Bayliss entpuppte sich als völliger Fehlgriff und auch Rückkehrer Alex Barros konnte nur selten glänzen. Nach drei Grand-Prix-Siegen im Vorjahr durch Max Biaggi und Makoto Tamada gab es diesmal nur einen Rennsieg für das Pons-Team zu bejubeln: Gleich beim zweiten Saisonlauf in Estoril. Selbst diesen gab es aber auch nur deshalb, weil Sete Gibernau in Mischbedingungen in Führung liegend stürzte und so den Weg zu Barros' letztem MotoGP-Sieg ebnete.

Alex Barros lag beim Portugal-GP 2005 lange nur auf Platz zwei hinter Sete Gibernau, Foto: Honda
Alex Barros lag beim Portugal-GP 2005 lange nur auf Platz zwei hinter Sete Gibernau, Foto: Honda

Am Saisonende fand sich Pons Racing nur auf Platz fünf der Team-Weltmeisterschaft wieder, Barros und Bayliss kamen nicht über die WM-Ränge acht und 15 hinaus. In Summe blieb der spanische Rennstall also deutlich hinter den eigenen Erwartungen zurück, aber auch für Motorradlieferant Honda lief es 2005 nicht wirklich gut. Das Werksteam um Nicky Hayden und Biaggi konnte auch nur ein Rennen gewinnen, das Kundenteam Gresini mit Marco Melandri immerhin zwei. Die neue Macht in der MotoGP waren Yamaha und Weltmeister Valentino Rossi. Als sich die Truppe von Sito Pons - die Einjahresverträge mit Barros und Bayliss wurden nicht verlängert - zur Saison 2006 neu aufstellen wollte, war die Anziehungskraft des Rennstalls also nicht mehr so groß wie in den Jahren zuvor. Einerseits aufgrund der eigenen Performance, andererseits wegen der immer schwächeren Honda.

Kein Topfahrer, kein Hauptsponsor: Pons Racing zerfällt im Winter 2005/06

Mit Routinier Carlos Checa und dem aufkommenden Nachwuchstalent Casey Stoner hatte Sito Pons zwar trotzdem ein spannendes Line-Up für die neue Saison zusammenbekommen, ein erwiesener Topfahrer, wie man ihn in den Jahren zuvor mit Barros, Biaggi oder Loris Capirossi gehabt hatte, fehlte jedoch. Und genau das war dann wohl auch der Grund, warum die MotoGP-Geschichte von Pons Racing an dieser Stelle abrupt endete.

Beim Valencia-GP 2005 mischte letztmals eine Pons-Maschine in der MotoGP mit, Foto: Ducati
Beim Valencia-GP 2005 mischte letztmals eine Pons-Maschine in der MotoGP mit, Foto: Ducati

Trotz langer, intensiver Verhandlungen konnte das Pons-Team den Ende 2005 auslaufenden Vertrag mit Hauptsponsor Camel nämlich nicht mehr verlängern. Die Tabakmarke wechselte stattdessen zum Yamaha-Werksteam, wo man mit Valentino Rossi natürlich den größten Star des Sports als Werbepartner vorfand. Ähnliche Strahlkraft hatte Pons Racing nicht mehr bieten können. Der Sargnagel für das spanische Team, denn ein anderer Hauptsponsor konnte in der Kürze der Zeit nicht mehr gefunden werden, weshalb sich Pons Racing kurz nach Neujahr aufgrund fehlender finanzieller Mittel aus der MotoGP zurückziehen musste.

"Nach einer erfolgreichen dreijährigen Partnerschaft ist es dem Team nicht gelungen, seinen Vertrag mit dem Titelsponsor Camel zu verlängern", ließ der Rennstall am 4. Januar 2006 in einer Pressemitteilung wissen. "Anschließende Schwierigkeiten bei der Sicherung ausreichender finanzieller Unterstützung für das Projekt 2006 haben das Team dazu veranlasst, sich aus dem Wettbewerb zurückzuziehen."

Bittere Neuigkeiten für die MotoGP, hatte sie mit WCM-Blata zum Saisonende 2005 doch schon ein weiteres Team verloren. Eine Reduktion des Starterfelds von 21 auf 17 Bikes drohte, aber das 'Worst-Case-Szenario' konnte glücklicherweise abgewandt werden. Einerseits intensivierte das Pramac-Team die Partnerschaft mit Ducati und stellte ab 2006 noch ein zweites Motorrad, andererseits entschied sich Stoner kurzerhand gemeinsam mit dem LCR-Team in die MotoGP aufzusteigen und eines der beiden vakanten Honda-Motorräder, die eigentlich für Pons Racing vorgesehen waren, zu übernehmen. So konnte 2006 zumindest mit 19 Maschinen in der Startaufstellung gefahren werden. Checa wiederrum, der ebenfalls kurzfristig ohne Arbeitgeber dagestanden war, fand bei Tech3 Unterschlupf.

Valentino Rossi und Yamaha fuhren 2006 in den Camel-Farben, Foto: Milagro
Valentino Rossi und Yamaha fuhren 2006 in den Camel-Farben, Foto: Milagro

Trotz klarer Intention: Keine MotoGP-Rückkehr für Pons Racing

Pons selbst verkündete schon an jenem 4. Januar 2006, dass man nun alle Hebel in Bewegung setzen würde, um 2007 in die MotoGP zurückzukehren. Aus einem Comeback des Traditionsteams wurde aber nie etwas, zumindest auf höchster Ebene. Ab 2009 mischte Pons Racing zumindest nochmal in der 250ccm- bzw. Moto2-Klasse mit, ab 2019 auch in der MotoE. Dort gelangen mit Hector Barbera (250ccm-Vizechampion 2009), Pol Espargaro (Moto2-Weltmeister 2013), Alex Rins (Moto2-Vizechampion 2015), Jordi Torres (MotoE-Meister 2020 und 2021) oder Mattia Casadei (MotoE-Champion 2023) noch etliche Erfolge, ehe sich das Team mit Saisonende 2023 dann endgültig aus der Motorrad-WM zurückzog.

Mit acht Siegen, 31 Podien und neun Pole Positions zählt Pons Racing übrigens bis heute zu den erfolgreichsten Teams der MotoGP-Ära. Nur die Werksteams von Honda, Yamaha und Ducati sowie Gresini und Pramac haben häufiger gewonnen. Teams wie LCR, Tech3, VR46 oder die Werkstruppen von KTM, Aprilia und Kawasaki siegten seltener - und das, obwohl sie teilweise mehr als doppelt so lange in der MotoGP fuhren wie Pons Racing. Umso ärgerlicher also, dass die Truppe von Sito Pons Anfang 2006 so kurzfristig aus der Königsklasse verschwand. Die MotoGP-Fans hätten anderenfalls sicherlich noch viel Spaß am Traditionsteam gehabt. So aber bleibt Pons Racing wohl auf ewig mit einer Bilanz von 16 Rennsiegen, 100 Podien und 18 Pole Positions in der höchsten WM-Klasse in den Geschichtsbüchern stehen.

Seinen Platz hat dort auch Francesco Bagnaia mit zwei MotoGP-Titeln schon sicher. Schafft der Ducati-Star 2026 die Trendwende und dominiert sogar Marc Marquez? Diesen und weitere Hottakes für 2026 haben wir in unserem aktuellen Video diskutiert:

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