Als die MotoGP im Winter 2024 ihre Rückkehr nach Brasilien zur Saison 2026 ankündigte, dürften sich Promoter und Veranstalter ein unvergessliches Comeback-Wochenende in Goiania erhofft haben. Und tatsächlich: Genau das erlebte die Motorrad-Weltmeisterschaft in den vergangenen Tagen auch - allerdings aus den falschen Gründen. Erst Überschwemmungen im Vorlauf des Wochenendes, dann am Samstag ein riesiges Loch im Asphalt. Wer nach dem Sprint dachte, dass der Torte die Kirsche nun aufgesetzt sei, sollte sich aber täuschen.

Denn fünf Minuten vor dem Start des Brasilien-Grand-Prix am Sonntag verkündete die Rennleitung plötzlich eine Verkürzung des MotoGP-Rennens von 31 auf 23 Runden. Zunächst komplett ohne Begründung, dann lediglich mit der Information, dass es Probleme mit der Strecke gebe. Passend dazu hatten die TV-Kameras Marc Marquez und Joan Mir einige Minuten zuvor im Grid in der Diskussion mit dem Sicherheitsbeauftragten Loris Capirossi eingefangen. Das hatte bereits nichts Gutes erahnen lassen. Doch was war genau passiert?

Neue MotoGP-Strecke in Brasilien zerfällt: Asphalt löste sich auf!

Das blieb zunächst unklar - zumindest von offizieller MotoGP-Seite. Erst 56 Minuten nach Rennstart folgte die Mitteilung, dass das Rennen aufgrund "sich verschlechternden Streckenbedingungen" verkürzt wurde. Was damit nun genau gemeint war, blieb aber weiterhin ein Rätsel. Pierre Taramasso von Reifenhersteller Michelin verriet schon kurz nach Rennstart auf Nachfrage von 'DAZN' lediglich, dass es konkret Probleme in den Kurven 11 und 12 gebe - also an jener Stelle, an der Fabio Di Giannantonio am Samstag im Sprint patzte und Marc Marquez passieren ließ.

Letzterer war es dann auch, der in seiner Medienrunde endlich für Aufklärung sorgte. "Heute wäre ein Podium drin gewesen, aber ich habe einen Fehler in der Kurve [Turn 11, Anm.] begangen, wo der Asphalt nachgab. Dadurch hätte ich fast die Front verloren", berichtete er. Der Asphalt hielt also nicht mehr, begann sich aufzulösen. Deshalb hatte er während der Gridphase auch mit der Rennleitung Kontakt aufgenommen: "Ja, das war es. Der Asphalt brach auf."

Joan Mir bestätigte diese böse Überraschung wenig später. "In der Sichtungsrunde war ich hinter Marc. Da wurde ein Stück Asphalt [ca. 10 Zentimeter groß, Anm.] auf mein Knie geschleudert. Da dachte ich mir, dass wir Probleme haben werden, wenn wir alle Runden fahren sollen. Und ich hatte Recht, denn diese Kurve wurde [während des Rennens, Anm.] immer schlimmer. Es war die richtige Entscheidung, das Rennen zu kürzen", erzählte er. Der Honda-Pilot war übrigens nicht der einzige Fahrer, der von Asphaltstücken getroffen wurde. Ex-Suzuki-Teamkollege Alex Rins präsentierte uns in seiner Medienrunde etwa einen dicken, schmerzenden Zeigefinger, der womöglich gebrochen sein könnte und Jack Miller meinte scherzhaft: "Ich war Letzter, ich habe die Steine fast schon gesammelt. Da kam viel Asphalt aus Kurve elf und zwölf." Jorge Martin ergänzte außerdem: "Ich wusste zunächst nicht, warum verkürzt wurde. Als ich dann hinter Marc und Diggia [Fabio Di Giannantonio, Anm.] fuhr, wurde es mir aber klar. Da flogen überall Steine gegen meine Verkleidung und meinen Körper."

Verletzter Finger von Alex Rins nach Steinschlag
Alex Rins wurde am Zeigefinger von einem Asphaltstück getroffen, Foto: Motorsport-Magazin.com

MotoGP-Fahrer im Disput: Hätte der Brasilien-GP gestartet werden dürfen?

Wie es dazu kommen konnte? Die hohen Temperaturen am Sonntag in Kombination mit der zahlreichen Streckenaktion - neben Warm Up und den drei Rennen fand am Vormittag nach der Absage am Samstag auch noch das Moto2-Qualifying statt - waren wohl schlicht zu viel für den noch jungen Asphalt, der erst vor wenigen Wochen verlegt worden war. Doch da stellt sich die Frage: Hätte das MotoGP-Rennen in diesen Bedingungen überhaupt über die Bühne gehen sollen?

Alex Marquez zeigte in seiner Medienrunde klare Kante. "Der Zustand der Strecke war heute inakzeptabel", schäumte der Gresini-Pilot, dessen Oberarm von mehreren blauen Flecken gezehrt war. Auch er hatte im 23-Runden-Rennen also einiges abbekommen. Zuspruch gab es von Enea Bastianini. Der Tech3-Fahrer wütete: "Das war große Scheiße und ein Fehler." Brad Binder ergänzte außerdem: "Das war wie ein Stein-Festival. Da schossen Steine kreuz und quer."

Ihr Tenor war also eindeutig, die MotoGP hätte nicht mehr fahren sollen. Das sahen allerdings nicht alle Piloten so. "Ja", antwortete beispielsweise Miller auf die Frage von Motorsport-Magazin.com , ob es sicher genug für ein Rennen war. "Es war noch akzeptabel, zu fahren", stimmte auch Marc Marquez ein, obwohl er genau an der betroffenen Stelle ein potenzielles Podium verloren hatte und Profiteur Fabio Di Giannantonio lobte sogar: "Sie haben hier unglaubliche Arbeit geleistet. Es ist nicht leicht für eine Strecke, in so kurzer Zeit auf ein solches Niveau zurückzukommen, um all unseren Anforderung gerecht zu werden. Natürlich könnte der Asphalt besser sein, aber in Summe war es ein tolles Wochenende." Marco Bezzecchi stimmte zu: "Ich bin sehr zufrieden mit der Arbeit, die sie hier geleistet haben. Das ist ein neuer Asphalt, eine neue Strecke, ein neues Paddock. Da können wir zufrieden mit sein. Wenn das Wetter so ist, hilft das sicher auch nicht. Ich kann mich nicht beklagen."

Marc Marquez rutschte in Kurve 11 beinahe aus dem Rennen, Foto: Ronny Lekl (gp-photo.de)
Marc Marquez rutschte in Kurve 11 beinahe aus dem Rennen, Foto: Ronny Lekl (gp-photo.de)

Zur Wahrheit gehört aber auch: Abgesehen von Miller fuhren alle zuletzt genannten Piloten im vorderen Feld und hatten wenig bis keine Bikes - oder Steinschleudern - vor sich. Weiter hinten im Feld fahrend könnte also auch ihre Meinung anders ausfallen. Aber auch unabhängig davon, ob es nun sicher genug für ein Rennen war oder nicht, gibt es in den kommenden Tagen noch einiges für die MotoGP-Verantwortlichen aufzuarbeiten. Die Renndistanz ohne Vorwarnung und ohne Begründung fünf Minuten vor dem Start massiv zu kürzen? Das kann es einfach nicht sein.

"Nicht zu akzeptieren!" MotoGP hat nach Brasilien einiges aufzuarbeiten

"Das war schon grenzwertig. Ich wäre sowieso mit dem Soft-Reifen gefahren, aber andere Fahrer hätten vielleicht auch noch wechseln wollen", warf etwa Fabio Quartararo ein, dass die Piloten ihre Reifenwahl mit 31 Rennrunden im Sinn getroffen hatten und nicht mehr auf die Verkürzung reagieren konnten. Und selbst Aprilias Racing-CEO Massimo Rivola feuerte deutlich in Richtung der Verantwortlichen, obwohl er am Sonntag eigentlich genug Grund zur Freude gehabt hatte: "Ich glaube nicht, dass es akzeptabel ist, wenn man erst in dem Moment, in dem der Start schon erfolgen soll, erfährt, was eigentlich los ist. Natürlich kann ich mich nicht beschweren, weil wir als Erster und Zweiter ins Ziel gekommen sind. Aber wir müssen alle Perspektive sehen. Was ist mit dem Reifendruck? Mit der Reifentemperatur? Wie viel Sprit du in den Tank gibst? Wir haben das alles erst im letzten Moment erfahren, wir steckten also alle in derselben Scheiße. Nur für uns ging es halt gut aus."

Wie habt ihr das Drama rund um den Brasilien-GP erlebt: Wurde richtig gehandelt oder hätte das Rennen gar nicht gestartet werden sollen? Sagt uns eure Meinung in den Kommentaren!

Loch in der Strecke! MotoGP schrammt an Brasilien-Absage vorbei (07:28 Min.)