Der Rückzug von Maverick Vinales in Austin und die folgende Operation haben es uns leider wieder vor Augen geführt: Die MotoGP-Fahrer leben gefährlich. Das ist nicht Neues, scheint aber auf immer weiter hochgezüchteten PS-Monstern ein stetig größeres Ausmaß anzunehmen. Dass alle 22 Stammpiloten am Start stehen können, ist in den letzten Jahren zu einer Seltenheit geworden. Motorsport-Magazin.com hat sich die Verletzungshistorie des Feldes anhand ihrer Rennausfälle angesehen. Die Statistik ist besorgniserregend: Nur zwei haben ihre Karriere bisher unbeschadet bestreiten können.

MotoGP-Ausfälle: Verletzungen in Rennbetrieb und Training

Zunächst einmal stellen wir unsere Datengrundlage dar. Für diese Statistik haben wir alle verpassten Grand Prix der MotoGP gezählt. Außerdem fügen wir dem noch eine Gesamtzählung für die gesamte Karriere, also inklusive Moto2 und Moto3, hinzu. Im Sonderfall von Quereinsteiger Toprak Razgatlioglu haben wir seine Superbike-Zeit herangezogen.

Auch Motocross-Unfälle im Training sorgen für Verletzungen, Foto: HRC
Auch Motocross-Unfälle im Training sorgen für Verletzungen, Foto: HRC

Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass die Ausfälle aus drei verschiedenen Gründen resultieren konnten: Verletzung auf einem MotoGP-Bike, Verletzung im Training (Motorrad, Motocross, Radsport etc.) und Krankheit. Letzteres ist allerdings mit Abstand die seltenste Ursache und es gibt auch keinen einzigen Fahrer, der seine Ausfälle allein auf Erkrankungen zurückführen kann. Im Folgenden also nun die Verletzungsakte der MotoGP-Fahrer.

Verletzungsgeplagt: Die MotoGP-Fehlzeiten des Fahrerfeldes von 2026

FahrerMotoGPGesamte WM-Karriere
Marc Marquez3440
Alex Rins2323
Jorge Martin1926
Joan Mir 1212
Enea Bastianini1013
Maverick Vinales1011
Franco Morbidelli913
Jack Miller711
Luca Marini68
Ai Ogura48
Francesco Bagnaia46
Raul Fernandez44
Alex Marquez35
Fabio Di Giannantonio33
Brad Binder14
Pedro Acosta13
Fermin Aldeguer12
Fabio Quartararo05
Toprak Razgatlioglu*03
Diogo Moreira03
Marco Bezzecchi00
Johann Zarco00

*Bei Toprak Razgatlioglu haben wir seine Superbike-Karriere anstatt von Moto2 und Moto3 herangezogen.

Dauerpatient: Marc Marquez verpasst fast zwei volle Saisons

Der Name ganz oben auf der Liste wird niemanden überraschen. Superstar Marc Marquez war stets für Risikobereitschaft bekannt und musste dies mit einer unglaublichen Leidenszeit nach den Horrorstürzen von Jerez 2020 bezahlen. Nur dank zahlreicher Operationen durch Spezialisten kann der Spanier überhaupt noch Motorrad fahren. Insgesamt 40 Rennwochenenden hat er in seiner Karriere bereits verpasst, davon 34 in der MotoGP. Wir reden also über fast zwei volle Saisons.

Marc Marquez crasht in Portimao 2023
Marc Marquez hat sich bereits mehrmals schwer verletzt, Foto: IMAGO / Panoramic by PsnewZ

Auch Alex Rins und Jorge Martin wurden bereits schwer gebeutelt. Beim Yamaha-Piloten stammen alle Verletzungen aus der Königklasse, während beim MotoGP-Weltmeister von 2024 vor allem das Seuchenjahr 2025 zu Buche schlägt.

Jorge Martin nach seinem Sturz im Sprint von Motegi
Jorge Martin erlebte 2025 ein Horrorjahr, Foto: IMAGO / SOPA Images

Natürlich wird diese Statistik zu einem Großteil auch durch die Länge der bisherigen Karriere bestimmt. Blicken wir auf die jüngeren Piloten im Sport so fällt vor allem Ai Ogura auf. Nach nur etwas mehr als einem Jahr in der Königsklasse musste der Japaner bereits vier Rennen auslassen. Besonders bitter war dabei der Rückzug aus seinem Heimrennen in Motegi.

Johann Zarco als Gegenbeispiel: 17 Jahre ohne Verletzungsausfall

Am anderen Ende des Spektrums sehen wir fünf Fahrer ohne einen einzigen verletzungsbedingten Ausfall in der MotoGP. Bei den beiden Rookies des Jahres 2026 ist das nur logisch, womit noch drei Veteranen der Serie übrigbleiben. Fabio Quartararo erlitt seine einzige schwerere Verletzung der Karriere gleich in seinem Moto3-Debütjahr 2015, als er sich in Misano den rechten Knöchel brach. Danach nahm 'El Diablo' an jedem Rennen teil.

Die Bilanz des Franzosen ist also sehr beeindruckend, aber tatsächlich können zwei Fahrer sie mit einer komplett weißen Weste toppen. Marco Bezzecchi hat seit 2015 insgesamt 176 Rennen in der Motorrad-WM bestritten und musste dabei nie eine Wettkampfpause einlegen. Er fuhr zwar schon unter Schmerzen, doch die Startfreigabe erhielt er immer.

Johann Zarco feiert Platz Zwei in Silverstone
Johann Zarco musste in 17 Jahren noch nie aussetzen, Foto: IMAGO / Pro Sports Images

Der aus gesundheitlicher Betrachtung glücklichste Pilot im Feld ist aber Quartararos Landsmann Johann Zarco. Mit insgesamt 306 Starts in allen drei Klassen liegt der LCR-Pilot auf Rang sieben der ewigen Bestenliste. Trotz einer nun 17 Jahre (!) umfassenden Karriere musste er noch nie ein Rennen verletzungsbedingt verpassen. Einzig sein Disput samt Trennung mit KTM in der Saison 2019 ließ ihn drei Rennen auslassen, ehe er dann bei Honda als Ersatzmann anheuerte. Ohne diese Episode hätte er also seit seinem Debüt in Katar 2009 jedes einzelne Rennen bestreiten können. Eine unglaubliche Bilanz in diesem gefährlichen Sport.

Ernüchternde Bilanz der modernen MotoGP: Komplettes Starterfeld ist seltene Ausnahme

Wie bemerkenswert Zarcos Lauf ist, zeigt sich auch beim Blick auf die Bilanz der modernen MotoGP in diesem Jahrzehnt. In der folgenden Statistik haben wir die Ausfälle der Stammpiloten pro Jahr aufgezählt. Dementsprechend wurden hier auch Fahrer miteinberechnet, die mittlerweile nicht mehr in der Königklasse am Start stehen. Besonders zwei Saisons lieferten erschreckende Zahlen.

Verpasste MotoGP-Rennen pro Saison seit 2020

SaisonAusfälle der StammpilotenRennen mit allen Stammfahrern
2020220
2021183
2022185
2023500
2024188
2025472
2026*21

*Stand nach 3 Rennwochenenden

2023 und 2025 lieferten mit 50 und 47 Ausfällen die bisherigen Höchstwerte der MotoGP-Geschichte. Im Schnitt waren also pro Grand Prix mehr als zwei Stammpiloten nicht am Start. Erschreckend ist auch die umgekehrte Sichtweise: In zwei Jahren seit Beginn der 2020er gab es sogar kein einziges Rennen, an dem alle Stammfahrer teilnehmen konnten. Insgesamt standen in den 118 Rennen seitdem nur in 19 Fällen alle Stammkräfte in der Startaufstellung, also zusammengerechnet nicht einmal eine volle Saison in über sechs Jahren. Auch 2026 begann nicht mit komplettem Grid, da Fermin Aldeuger sich im Wintertraining verletzt hatte.

Fazit: Neues Reglement von 2027 muss für Besserung sorgen

Die MotoGP ist also in den letzten Jahren von Verletzungen übersät worden. Da bleiben nur ein paar Glückspilze wie Zarco und Bezzecchi übrig. Sicherlich hat dies mehrere Gründe. Die Einführung der Sprints und die Belastung durch einen erweiterten Kalender sind einer, der kaum mehr rückgängig gemacht werden wird. Verletzungen im Training sind ebenso wenig zu kontrollieren. Das neue technische Reglement hingegen bietet Grund zur Hoffnung. Die Bikes werden eingebremst und die oft anfälligen Ride-Height-Devices fallen als Sicherheitsrisiko weg. Außerdem hat der neue Reifenhersteller Pirelli das Ziel, den Piloten ein besseres Fahrgefühl als mit den oft schwammigen Michelins zu liefern. All das ist bitter nötig, denn das MotoGP-Lazarett hatte in den letzten Jahren viel zu viele Besucher.

Wie sehr die Königklasse durch die neuen Regeln ab 2027 eingebremst werden könnte, hat letztens Ex-Rennfahrer und MotoGP-Sicherheitsbeauftragter Loris Capirossi eingeschätzt: