Advent, Advent und kein Lichtlein brennt. So sah das zumindest vor einem Jahr in der Fabrik von KTM aus. Das Insolvenzverfahren und die folgenden Monate der Ungewissheit gingen natürlich auch nicht an der MotoGP-Abteilung spurlos vorüber. Im Jahreszeugnis von Motorsport-Magazin.com kann dieser Umstand aber nicht für alles als Ausrede herhalten, besonders nicht für zwei Fahrer.
KTMs ungewollter Spätstart ins Jahr 2025: Stillstand statt Ducati-Jagd
Zu Saisonbeginn ging es in Mattighofen um viel mehr als nur Rennfahren. Die Zukunft der gesamten Pierer Mobility Group, wie das Dachunternehmen der Marke KTM heißt, stand in Frage. Im Insolvenzverfahren war die Rennsportabteilung erstmal Nebensache. Erst als die Wogen sich dank der indischen Neubesitzer von Bajaj glätteten, konnte die Entwicklung wieder aufgenommen werden. Mehrere Monate Stillstand zeigten sich selbstredend auf der Rennstrecke.
KTMs Ergebnisse waren zunächst mau. Branchenprimus Ducati konnte weiterhin nur mit dem Fernglas beobachtet werden. Zumindest setzte mit dem Aero-Update zur Saisonmitte eine Stabilisierung ein. Dennoch hat Aprilia den Orangenen längst den Status als Nummer zwei im Feld abgenommen. Die 372 Punkte in der Konstrukteurswertung stellen sogar eine kleine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr dar. Diese ist aber vor allem auf die Leistungen eines herausragenden Fahrers zurückzuführen. Das Schiff ist im Insolvenzsturm nicht gesunken, muss aber auf technischer Seite wieder Kurs aufnehmen. Zumindest droht für den kommenden Winter keine Zwangspause in der Fabrik. Im Rennbetrieb gab es für die Fahrer trotz Update-Flaute zum Glück keine Unterbrechung. Blicken wir nun auf ihre Saison.
Pedro Acosta: Auch ohne Sieg zum Spitzenfahrer gereift
2025 stellte sich für Pedro Acosta als eine Reifeprüfung dar, an der er zunächst zu scheitern drohte. Die mageren Ergebnisse zu Saisonbeginn verleiteten das Supertalent zu immer stärker werdenden verbalen Attacken gegen seinen Arbeitgeber. Der Spanier schien die Geduld mit KTM bereits verloren zu haben und benahm sich demensprechend. Wechselgerüchte machten immer mehr die Runde. Seine Leistungen auf der Strecke waren in dieser Gemengelage immer noch ansprechend, aber nicht besser als die von Neuzugang Maverick Vinales.

Ein halbes Jahr später ist dieser unzufriedene Nörgler von der Bildfläche verschwunden. Die Führungsebene nahm sich ihn zur Brust, aber auch der 'Hai' selbst hat sich an die eigene Nase gefasst und die derzeitige Situation in Mattighofen akzeptiert. Seitdem liefert er konstant Spitzenleistungen und schwebt weit über dem Rest des Kaders. 307 Punkte stehen auf dem Konto, davon allein 208 in Saisonhälfte zwei gesammelt. Seinen ersten Sieg in der Königsklasse hätte er sich nach zahlreichen Podestplätzen längst verdient, doch sollte es noch nicht sein. Die Voraussetzung dafür liegt nun in der Hand der KTM-Ingenieure, denn Acosta ist bereit.
Brad Binder: Zur grauen Maus verkommen
Was machen wir 2025 nur aus Brad Binder? Ist der Südafrikaner eine grauenhafte Saison gefahren? Nein. War seine Leistung gut? Leider auch nein. Das Dasein neben Goldjunge Pedro Acosta ist sicherlich nicht leicht, aber vom einstigen Status als Speerspitze und Hoffnungsträger bei KTM ist so gut wie nichts mehr übrig.

Binder betätigte sich nurmehr als Mitfahrer, der sich besonders im Qualifying wieder einmal zahnlos zeigte. Da wirken seine weiterhin hervorragenden Startrunden nurmehr als Schadensbegrenzung. Als einziger KTM-Pilot verpasste er das Podium und wurde damit dennoch zweitbester in der WM-Wertung. So langsam scheint da eine Karriere im gehobenen Mittelmaß zu versanden, die zwischenzeitlich so viel mehr versprochen hatte. Auch KTM hat das erkannt und holte ihm daher für 2026 einen prominenten Crewchief als neuen Impuls an die Seite:
Maverick Vinales: Die Schulter stoppt starken KTM-Einstieg
Bevor Acosta die Kurve bekam, sorgte Neuzugang Maverick Vinales für die positiven Akzente bei KTM. Zwar verlor der Tech3-Pilot seinen zweiten Rang in Katar aufgrund einer Reifendruckunterschreitung, aber seine positive Art und weitere gute Auftritte machten ihn schnell beliebt beim neuen Arbeitgeber.

Leider wurde diese Entwicklung abrupt gestoppt, denn Vinales verletzte sich am Sachsenring erstmals in seiner Karriere schwerer. Daher wusste er wohl auch nicht so recht, wie mit seiner langwierigen Schulterverletzung umzugehen war. Zu frühe Versuche der Rückkehr scheiterten und verzögerten den Genesungsprozess letztlich weiter. Erst zum Saisonfinale in Valencia konnte 'Top Gun' wieder mitmischen. Was er vor dieser Leidenszeit gezeigt hatte, machte aber definitiv Lust auf mehr.
Enea Bastianini: Neues Motorrad, alte Leier
Wer geglaubt hatte, dass Enea Bastianini mit seinem Wechsel auf die KTM von Tech3 seiner Karriere einen neuen Impuls verleihen könnte, der lag erstmal falsch. Tatsächlich haben sich die Extreme seiner Eigenschaften als Rennfahrer scheinbar noch einmal verstärkt. 'La Bestia' ist ein miserabler Qualifyer und im Rennen ein Reifenflüsterer vor dem Herrn. Erst wenn die Gummis abgefahren sind und keinen maximalen Grip mehr bieten, zeigt er sich äußerst konkurrenzfähig. In der modernen Königsklasse ist der Zug in Richtung Podium dann aber zumeist abgefahren.

Dass Ersatzpilot Pol Espargaro in fünf Einsätzen öfter im Q2 war als der Italiener in deren 22, ist für einen Stammfahrer nichts anderes als ein Armutszeugnis. Das gelegentliche Highlight nach ordentlichem Startplatz wie beim Podest in Barcelona reicht schlichtweg nicht aus für einen Mann mit sieben MotoGP-Siegen in der Vita. 2026 muss im Qualifying konstant viel mehr kommen, nur dann kann er seinen starken Endspurt im Rennen auch gewinnbringend nutzen.
Fazit: Die Insolvenz ist überstanden, KTM muss jetzt liefern
Beim rein oberflächlichen Blick auf die Zahlen zeigt sich ein verlorenes Jahr der Stagnation für KTM, unter dessen Oberfläche viel mehr los war. Die Unsicherheit des Insolvenzverfahrens wurde ohne Kollaps überstanden, das ist die gute Nachricht. Damit geht nun aber auch einher, dass es mit Blick auf 2026 keine Ausreden mehr für weiteren Stillstand gibt. Mit Pedro Acosta und bei weiterer Genesung auch Maverick Vinales stehen zwei Fahrer bereit, die in der Lage sind, die viel zu lange währende Sieglosigkeit KTMs zu beenden. Theoretisch könnten dies auch Brad Binder und Enea Bastianini, doch sie müssen ihre Großbaustelle Qualifying dringend angehen.
Bei der Hälfte der Piloten hängt also nicht alles von den Ingenieuren ab, aber dennoch sind die Techniker nun am meisten gefordert. Aprilia und auch Honda haben bewiesen, dass die aktuellen Motorräder noch nicht am Ende ihres Entwicklungsspielraums stehen. Auch wenn der große Umbruch von 2027 sehr bald Priorität genießen muss, so darf 2026 nicht erneut zu einer mittelmäßigen Suppe mit einer Prise Acosta-Salz verkocht werden. Sonst könnte sich der 'Hai' auch in anderen Gewässern umsehen. Diese Trumpfkarte darf KTM trotz vielversprechenden Talenten wie Alonso und Holgado in der Hinterhand nicht verspielen.
Was meint ihr? Wie ist KTMs Saison angesichts der schwierigen Umstände zu bewerten? Sagt es uns in den Kommentaren.



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