Marc Marquez, Fabio Quartararo und Francesco Bagnaia - das sind die einzigen drei noch aktiven MotoGP-Fahrer, die in der Königsklasse mehr Grand-Prix-Siege als Maverick Vinales vorweisen können. Der 30-Jährige aus dem äußersten Nordosten Spaniens zählt also zweifellos zur "Creme de la Creme" seines Sports, doch verglichen mit Marquez, Quartararo und Bagnaia gibt es einen entscheidenden Unterschied: Vinales ist kein MotoGP-Weltmeister. Mehr als zwei dritte Plätze waren in der Endabrechnung in elf Jahren Königsklasse für den hochtalentierten Spanier nie drin. Doch das hätte vielleicht nicht so sein müssen.

Nach zwei starken Rookiejahren bei Suzuki war Vinales zur Saison 2017 nämlich als Nachfolger von Jorge Lorenzo ins Yamaha-Werksteam gewechselt - und dort legte der seinerzeit 22-Jährige los wie die Feuerwehr. Die ersten beiden Rennen in Katar und Argentinien gingen an Vinales, in Le Mans folgte der dritte Saisonsieg und in Mugello mit Platz zwei ein weiteres Podium. Die logische Folge: Nach sechs absolvierten Grands Prix führte er die Weltmeisterschaft fast schon komfortabel mit 26 Punkten Vorsprung auf Andrea Dovizioso an. Der spätere Champion Marc Marquez lag sogar schon 37 Zähler zurück.

Maverick Vinales war zu Saisonbeginn 2017 auf der Yamaha-M1 nicht zu stoppen, Foto: Yamaha
Maverick Vinales war zu Saisonbeginn 2017 auf der Yamaha-M1 nicht zu stoppen, Foto: Yamaha

Absturz nach WM-Kurs: Wieso brach Maverick Vinales 2017 derart ein?

Beginnend mit Platz zehn in Barcelona folgte eine Woche später jedoch der Einbruch. Le Mans sollte Vinales' letzter Saisonsieg bleiben, mehr als drei Podien waren in den letzten zwölf Grands Prix des Jahres 2017 nicht mehr drin. Der Traum vom Titelgewinn war damit schon nach dem drittletzten Saisonrennen auf Phillip Island ausgeträumt, unter dem Strich blieb nur ein ernüchternder dritter WM-Rang mit happigen 68 Punkten Rückstand auf Weltmeister Marquez. Ein heftiger Absturz nach so starkem Beginn, der wohl nicht ganz grundlos daherkam.

In der Dokumentation 'Maverick: Dos Vidas' von 'DAZN' erinnerte sich Vinales nämlich an die Ereignisse der Saison 2017 und verriet dabei spannende Details. "Als ich zu Yamaha gekommen bin, habe ich wie eine Rakete losgelegt", dachte der vormalige Suzuki-Pilot zurück und offenbarte: "Ich bin mit einem klaren Ziel zu Yamaha gekommen. Ich wollte Weltmeister werden, nichts anderes. Und als ich im Valencia-Test erstmals auf der Yamaha saß, habe ich mich direkt in das Motorrad verliebt. Ich habe ihnen gesagt, dass sie nichts an diesem Motorrad verändern sollen. Ich wollte genau dieses Motorrad behalten, dass Jorge mir hinterlassen hatte. Ich habe ihnen gesagt: 'Bringt mir dieses Motorrad nach Katar und ich gewinne euch die Weltmeisterschaft'. Aber dann kamen wir nach Sepang [für die Testfahrten, Anm.] und ich habe mich gefragt: 'Wo ist dieses Motorrad?'"

Starker Toprak Razgatlioglu: Zweitbeste Yamaha im MotoGP-Test (07:37 Min.)

Entgegen der Forderungen des Neuzugangs hatte Yamaha über den Winter einige Neuerungen an die M1 geschraubt, die womöglich aber schon lange vor Vinales' erster Ausfahrt mit dem Motorrad beim Valencia-Test Ende 2016 geplant waren. Und sie erwiesen sich auch erstmal nicht als Bremsklotz, im Gegenteil. Vinales fuhr beim sämtlichen Testfahrten vor Saisonstart 2017 in Sepang, auf Phillip Island und in Katar Bestzeit und gewann dann, wie bereits erwähnt, drei der ersten sechs Grands Prix. "Ich habe das erste Rennen gewonnen, dann das zweite und dann in Le Mans. Das war einer der besten Tage meines Lebens. Ich hatte ein direktes Duell mit meinem Idol Valentino Rossi gewonnen", erinnerte er sich. "Aber in Barcelona kam dann eine weitere Welle neuer Teile und ich habe nichts mehr verstanden."

Yamaha hört nicht auf Maverick Vinales: Warum?

Das zuvor so gute Gefühl für die M1 ging verloren. War Vinales' durchschnittliche Platzierung vor den Barcelona-Updates noch Rang drei, lag sie danach nur noch bei Platz sechs. "Dabei hatte ich ihnen doch gesagt, dass sie nichts am Motorrad verändern sollen", ärgert sich der Spanier noch heute. Seine Botschaft ist klar: Hätte Yamaha damals auf ihn gehört und auf Updates verzichtet, wäre er 2017 MotoGP-Weltmeister geworden. Und tatsächlich: Hätte Vinales seinen Punkteschnitt von 17,5 aus den ersten sechs Rennen über die gesamte Saison aufrechthalten können, wäre er am Saisonende bei 315 Punkten gelandet - und damit 17 Zähler vor dem tatsächlichen Weltmeister Marc Marquez.

Es stellt sich also die Frage, warum Yamaha nicht auf Vinales hörte. Der inzwischen 30-Jährige wollte darauf zunächst keine Antwort geben. Vermutlich hörten die Japaner aber schlicht lieber auf das Feedback von Stallgefährte Valentino Rossi, der zwischen 2004 und 2009 vier WM-Titel für sie gewonnen hatte und schon seit 2013 wieder für Yamaha fuhr. Dafür spricht: im direkten Vergleich mit Vinales schnitt der 'Doktor' nach den Barcelona-Updates deutlich besser ab. War er zuvor klar im Schatten des neuen Teamkollegen, wendete sich das Blatt im Anschluss. "Er hatte enormen Einfluss bei Yamaha", bestätigte Vinales dann kürzlich auch im Interview mit 'GPOne.com'. "2018 sind sie einer anderen Richtung als meiner gefolgt. Ich hatte auf Phillip Island ein gutes Rennen, weil es dort viel Grip gab. Aber sonst war es hart für mich." Erst 2019 wurde er wieder stärker, der große Wurf gelang aber nicht mehr. Vielmehr zerstritt man sich 2021 vollkommen.

In Spielberg versuchte Vinales nach einem Zwischenfall beim Restart mutwillig, einen Motor der M1 zu zerstören, woraufhin ihn Yamaha mitten in der Saison rausschmiss. Der zehnmalige MotoGP-Sieger wechselte zu Aprilia - und fand dort den Spaß am Rennfahren wieder. "Suzuki, das war pure Leidenschaft. Yamaha war im Vergleich dazu nur ein Unternehmen, ein 'Business'. Aprilia wiederum lebt Racing als Marke und hat mir meine Leidenschaft für Motorräder zurückgegeben", kommentierte Vinales. Mit Aprilia kehrte er 2024 nach mehr als drei Jahren Abstinenz auf die oberste Stufe des MotoGP-Podiums zurück, wechselte 2025 aber dennoch zu Tech3-KTM. Dort will er jetzt ein letztes Mal nach den Sternen greifen und lässt dazu keinen Stein mehr unberührt: