"Das war ein guter Start", kommentierte Yamaha-Teammanager Massimo Meregalli am Freitagabend noch euphorisch das Grand-Prix-Debüt des brandneuen V4-Motorrads aus Iwata. Lediglich 0,588 Sekunden hatte Wildcard-Pilot Augusto Fernandez auf die beste Rundenzeit von Fabio Quartararo verloren, weshalb sich im MotoGP-Paddock eigentlich alle einig waren: Wäre der französische Starfahrer Yamahas in Misano auf dem V4-Bike gesessen, wäre er schon jetzt schneller als mit dem Reihenvierzylinder-Motorrad. Also endlich der langersehnte Durchbruch? Das war zumindest die generelle Hoffnung. Doch der Montag brachte Ernüchterung.

Im Misano-Test bekamen nämlich auch die Stammfahrer Yamahas die Gelegenheit, das neue Motorrad mit V4-Motor zu testen. Jack Miller (Vormittag) und Alex Rins (Nachmittag) teilten sich eines der beiden Bikes von Fernandez' Wildcard-Einsatz am Wochenende, während Quartararo das zweite Motorrad den gesamten Testtag zur freien Verfügung hatte. Einzig Miguel Oliveira musste sich am Montag auf Elektronikarbeit mit dem Reihenvierzylinder-Motorrad fokussieren, da er 2026 nicht mehr für den japanischen Hersteller an den Start gehen wird.

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Fabio Quartararo verrät: Erste V4-Eindrücke im Misano-Test enttäuschen

Die Mittagspause zwischen 13 und 14 Uhr Ortszeit nutzte Quartararo dann auch direkt, um den anwesenden Journalisten seine ersten Wahrnehmungen vom V4-Motorrad zu verraten - und diese fielen nicht gerade erfreulich aus. "Die Eindrücke [während des Fahrens, Anm.] sind ehrlich gesagt ziemlich identisch [zum Reihenvierzylinder, Anm.]. Wir haben noch viel Arbeit vor uns, das Gefühl ist noch nicht da", seufzte der MotoGP-Weltmeister von 2021.

Besonders besorgniserregend: "Momentan ist das Gefühl sogar schlechter. In Barcelona [bei einem privaten V4-Test vor einer Woche, Anm.] haben wir noch ein paar Unterschiede gespürt, die aus meiner Sicht besser waren. Aber hier haben wir diese Verbesserungen noch nicht gefunden. Generell sehe ich keine Fortschritte in den Bereichen, in denen wir sie brauchen." Gemeint sind damit natürlich allen voran Topspeed und verbesserter Grip am Hinterrad. Mit 292,6 km/h respektive 291,8 km/h rangierten Miller und Quartararo am Montagvormittag aber erneut ganz hinten in der Höchstgeschwindigkeitswertung, während Oliveira mit dem Reihenmotor immerhin mit 297,5 km/h geblitzt wurde.

Hier sollte man allerdings beachten, dass Yamaha derzeit nur diese beiden Motorräder mit V4-Antrieb zur Verfügung hat und deshalb wohl frühstens am Montagnachmittag richtig aufdrehen wird, um zuvor keine Motorschäden zu riskieren, vielleicht auch erst bei weiteren Testfahrten oder Wildcard-Einsätzen. In diesem Bereich sind also noch Verbesserungen möglich. Anders sieht es jedoch beim Grip aus. Hier hatte Augusto Fernandez am Freitag noch berichtet, dass mit dem V4 deutliche Fortschritte gelungen wären. Bereits am Sonntag nach dem San-Marino-GP ruderte jedoch auch er zurück: "Das war ein hartes Rennen, ich hatte Probleme mit dem Spritverbrauch, der Kupplung und Vibrationen. Der V4 hat sicher viel Potenzial, aber die Gefühle variieren aktuell noch sehr, je nach Temperatur und Streckenabschnitt. In manchen Runden hast du sehr viel Grip und in anderen gar keine Pace. Es gibt also noch viel zu analysieren und zu arbeiten."

Das neue V4-Motorrad scheint Yamaha doch nicht den erhofften Durchbruch gebracht zu haben, Foto: MotoGP Press
Das neue V4-Motorrad scheint Yamaha doch nicht den erhofften Durchbruch gebracht zu haben, Foto: MotoGP Press

Quartararo zweifelt, Jack Miller sieht Yamaha "auf richtigem Weg"

Das Gute aus Sicht von Yamaha und Quartararo: "Es gibt, wie das Team sagt, noch Raum für Verbesserungen - theoretisch." Überzeugung klingt sicherlich anders. Von der Euphorie vom Freitagabend scheint im blauen Lager 72 Stunden später also nicht mehr viel übrig geblieben zu sein. "Wir müssen jetzt einfach schauen, was wir noch aus diesem Paket herausholen können", wollte Quartararo letztlich aber kämpferisch bleiben, schließlich könne durch Anpassungen im Elektronik- und Setup-Bereich ja noch einiges an Rundenzeit gefunden werden. Aber wie viel Potenzial noch im V4-Motorrad stecke? Das wollte 'El Diablo' am Montag nicht kommentieren. "Darauf werde ich nicht antworten", erklärte er - und das sagt vielleicht auch mehr aus als jedes weitere Wort.

Sollte man Yamaha für 2026 deshalb aber schon komplett abschreiben? Keinesfalls! Pramac-Pilot Jack Miller zeigte sich am Montagnachmittag nämlich schon deutlich zufriedener. "Das Motorrad macht all die richtigen Sachen", begann der Australier seine Analyse und führte aus: "Wir brauchen jetzt einfach noch etwas Zeit, um die Gewichtsverteilung, das Setup und all diese Dinge zu verstehen. Wir sind noch verdammt früh in diesem Projekt. Das Motorrad macht die richtigen Dinge in den Bereichen, in denen wir das sehen wollen, auch wenn es natürlich noch viel Raum für Verbesserungen gibt."

Miller war am Vormittag mit 1,921 Sekunden Rückstand auf dem 21. Platz gelandet. Wahrlich kein berauschendes Ergebnis, aber auch kein Grund für Drama. "Sie geben ihr Bestes", erinnerte Miller und zeigte fortan zwar Verständnis für Quartararos Enttäuschung und dessen "Sehnsucht nach einer konkurrenzfähigen Maschine, aber diese Dinge brauchen Zeit. Das ist ein neues Projekt. Natürlich haben wir in der MotoGP eigentlich keine Zeit, aber meine Kommentare an Yamaha sind klar. Die Elektronik und die Gewichtsverteilung brauchen noch viel Arbeit, aber das ist für sie ja auch komplett neu, sie haben noch nie mit einem V4 gearbeitet. Das ist ein Prozess. Wir wollen uns mit jeder Ausfahrt verbessern. Du kannst das Rad nicht an einem Tag erfinden, wir sind auf einem guten Weg."

Jack Miller hatte deutlich mehr Spaß mit dem V4-Bike als Fabio Quartararo, Foto: Pramac Racing
Jack Miller hatte deutlich mehr Spaß mit dem V4-Bike als Fabio Quartararo, Foto: Pramac Racing

UPDATE 19:45 Uhr - Auch Alex Rins widerspricht Quartararo

Ähnliche Worte wie Miller fand am Montagabend auch Alex Rins. "Ich bin recht zufrieden damit, wie das Bike funktioniert", gab der Spanier am Abend in seiner Medienrunde zu Protokoll und meinte: "Es gibt einige Vorteile gegenüber dem Reihenmotor. Natürlich gibt es noch viel Raum für Verbesserung beim Speed, dem Handling und vielem mehr, aber ich bin happy. Das Motorrad fühlt sich auf der Bremse echt gut an. Ich kann besser abbremsen und schneller in die Kurven fahren. Ich kann das Heck besser nutzen, es ist stabiler und du kannst besser antizipieren, was passieren wird." Folglich sah auch Rins die Lage bei Weitem nicht so negativ wie Stallgefährte Quartararo. "Es ist noch viel zu früh für ein finales Urteil. Bei unserem nächsten Test werden schon viele neue Teile am Motorrad sein", begründete er und hielt abschließend fest: "Ein brandneues Motorrad hat immer mehr Potenzial als eines, das schon jahrelang weiterentwickelt wurde."

Wo sich die Yamaha-Piloten am Montag im finalen Klassement wiederfanden und was die restlichen Hersteller im Misano-Test so trieben, könnt ihr in unserem Bericht nachlesen: