"Der Mensch ist wie ein guter Wein – er reift mit den Jahren", sagte die deutsche Autorin Annette Andersen schon vor Jahrzehnten. Wohl wahr, dachten sich auch MotoGP-Legenden wie Mick Doohan oder Wayne Gardner, die sich erst im verhältnismäßig hohen Alter von jeweils 29 Jahren erstmalig zum Weltmeister krönten. Doch es gibt auch krasse Gegenbeispiele. Loris Capirossi erreichte seinen Karrierehöhepunkt etwa schon in jungen Jahren. Mit gerade einmal 17 Lenzen krönte er sich 1990 als Rookie zum jüngsten Weltmeister der WM-Geschichte. Motorsport-Magazin.com blickt genau 35 Jahre später auf den historischen 16. September zurück.
Die Ausgangslage vor dem letzten WM-Lauf der Saison 1990 auf Phillip Island hätte dabei kaum spannender sein können. Lediglich zwei Punkte trennten die beiden verbliebenen Titelanwärter der 125ccm-Klasse vor dem Showdown in 'Down Under', Capirossi reiste mit 162 Punkten und damit einem minimalen Vorteil gegenüber dem Niederländer Hans Spaan (160 Punkte) nach Australien. Das Momentum lag nach einem Sieg beim vorletzten Saisonlauf in Ungarn zwei Wochen zuvor eher auf Seiten des jungen Italieners, aber Spaan brachte die Mehrzahl an Saisonsiegen (5 vs. 2, Anm.) und neun Jahre mehr WM-Erfahrung mit. Einen Favoriten auf die 125ccm-Weltmeisterschaft zu bestimmen, war vor dem Australien-GP also praktisch unmöglich.

Samt Kontroverse: Capirossi schlägt Spaan im Titelzweikampf
Ein großer Vorteil für Capirossi, den vor jenem Rennsonntag im Herbst 1990 aber niemand so wirklich auf dem Schirm hatte: Die große Armarda an Landsleuten. Gleich sechs andere Italiener gingen im Australien-GP der 125ccm-Klasse an den Start, darunter auch zahlreiche Topfahrer wie Doriano Romboni (WM-Rang vier), Fausto Gresini (WM-Rang sieben), Bruno Casanova (WM-Rang acht) und Alessandro Gramigni (WM-Rang neun), während Spaan auf keinen Verbündeten aus den Niederlanden bauen konnte.
Genau das sollte am 16. September 1990 dann auch den Unterschied machen. Die italienische Armarda boxte Spaan früh im Rennen ein und bremste den Titelanwärter vom Sharp-Samson Racing Team aus, während Capirossi die Führung im Australien-Grand-Prix übernehmen und zu seinem dritten Saisonsieg stürmen konnte, der ihm letztlich dann auch den Weltmeistertitel bescherte und ihn im Alter von 17 Jahren und 165 Tagen zum jüngsten Champion der Motorrad-WM-Geschichte machte.

Ein kontroverses und etwas unschönes Ende einer ansonsten fantastischen Saison Capirossis. Als Rookie hatte der Youngster aus Castel San Pietro Terme, einer Kommune von Bologna, die Weltmeisterschaft im Sturm erobert. Bereits beim Debüt in Suzuka gelang ihm ein beeindruckender sechster Platz, das erste Podium folgte im dritten Rennen in Misano. Der Auftakt zu einer Serie von vier Podestbesuchen in Folge, die Capirossi auch erstmals zum WM-Führenden machen sollte. Im zehnten Rennen im Donington Park dann der fast schon überfällige erste Grand-Prix-Sieg, in dessen Folge ihm der WM-Titel mit 29 Punkten Vorsprung auf Spaan auch fast schon sicher schien. Ein schwächeres Rennen in Anderstorp (P7) und ein Ausfall in Brünn machten den Titelkampf nochmal spannend, doch die Reaktion Capirossis fiel mit den beiden schon erwähnten Siegen in Budapest und eben Phillip Island weltmeisterlich aus.
Loris Capirossi: Durchbruch auf Topniveau bleibt aus
Allen im WM-Paddock war klar, dass sich hier der nächste Superstar gefunden hatte. Speziell, als Capirossi im Folgejahr in noch viel dominanterer Art und Weise - er stand bei 12 von 13 Rennen auf dem Podium und gewann fünf Mal - direkt zu seinem zweiten WM-Titel in der 125ccm-Klasse stürmte. Doch die prognostizierten Höhen sollte die Startnummer 65 nie erreichen. 1995 und 1996 bereits Königsklasse gefahren, kehrte Capirossi zwischen 1997 und 1999 sogar nochmal für drei Jahre in die 250ccm-Klasse zurück, anstatt sich mit allerbesten Fahrern auf dem höchstmöglichen Level zu messen. Mit einer Körpergröße von 1,63 Metern und einem Gewicht von unter 60 Kilogramm war der schmächtige Italiener einfach nicht für die großen, PS-starken Maschinen der 500ccm-Klasse gemacht.
Das große Problem: Die Motorrad-WM befand sich Ende der 90er-Jahre im Wandel. Während Piloten dieser Statur früher einfach ihr Leben lang in den kleineren Klassen geblieben wären und dort wie beispielsweise WM-Legende Angel Nieto Titel um Titel gesammelt hätten, ging der Trend nun mehr und mehr zum Aufstieg in die Königsklasse. Nach einem dritten WM-Gewinn 1998 in der 250ccm-Klasse konnte dann auch Capirossi dem Ruf der 500ccm-Bikes nicht mehr wiederstehen, er wagte ab 2000 einen zweiten Anlauf auf dem höchsten Niveau.

Und seine Leistungen in der Königsklasse fielen keinesfalls schlecht aus, es reichte nur einfach nie dauerhaft zum Spitzenfahrer. Nachdem Capirossi 2003 in Barcelona den ersten MotoGP-Sieg für Ducati einfuhr, kam er dem großen Wurf in der Saison 2006 so nah wie nie zuvor. Lediglich 23 Punkte trennten den letztlichen WM-Dritten am Jahresende von Weltmeister Nicky Hayden. Punkte, die Capirossi womöglich bei einer von Teamkollege Sete Gibernau ausgelösten Massenkarambolage in Barcelona und dem darauffolgenden schwachen Rennen in Assen (P15) verloren hatte. Einen MotoGP-Titel kann der jüngste Weltmeister der Geschichte somit nicht vorweisen, dafür aber 29 Siege, 99 Podien und 41 Pole Positions in 328 Grand-Prix-Starts.

Capirossi-Rekord für die MotoGP-Ewigkeit?
Außerdem darf sich Capirossi wohl auf ewig jüngster Weltmeister der Motorrad-WM-Geschichte nennen, denn eine Ablösung ist äußerst unwahrscheinlich. Marc Marquez (17 Jahre und 263 Tage) sowie speziell Pedro Acosta (17 Jahre und 166 Tage) kamen ihm zwar gefährlich nahe, scheiterten letztlich aber knapp. Und seit 2022 gilt in der gesamten Weltmeisterschaft nun ein Mindestalter von 18 Jahren, was Rookies eine Unterbietung des Capirossi-Rekords grundsätzlich unmöglich macht. Einzig den Top-Drei des Red Bull Rookies Cups und der JuniorGP ist es gestattet, schon mit 17 Jahren in der WM zu debütieren. In nur 164 Tagen Weltmeister zu werden, erscheint dann ob der Länge einer heutigen Saison mit 22 Grands Prix aber auch ein Ding der Unmöglichkeit.
Was glaubt ihr: Wird es jemals noch einen jüngeren Weltmeister als Loris Capirossi geben? Und wie blickt ihr auf die Karriere des Italieners zurück? Hättet ihr euch mehr von Capirossi erhofft oder erwartet? Sagt uns eure Meinung in den Kommentaren!



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