Die MotoGP kannte am Samstagabend nur ein Gesprächsthema: Das Debakel von Francesco Bagnaia im Sprint. Von Platz drei ins Kurzrennen am Spielberg gegangen, fiel der Ducati-Star gleich beim Start weit zurück und gab nach nur acht Runden auf dem letzten Rang liegend vorzeitig auf. Zwar sprach er es später in seiner Medienrunde nicht aus, doch ein defekter Hinterreifen lag nahe. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ein MotoGP-Pilot einen ungewöhnlich geringen Grip bietenden Gummi von Einheitshersteller Michelin erwischt hätte. Zur Wahrheit gehört aber auch: Bagnaia war am Samstag nicht der einzige Fahrer, der beim Start beinahe wegrutschte.
Direkt hinter dem zweimaligen MotoGP-Weltmeister erlebte Fermin Aldeguer Ähnliches, kam ebenfalls querstehend aus seiner Startbox heraus. Von einem defekten Hinterreifen wollte der Gresini-Rookie hinterher aber nichts wissen - und hatte dafür gute Gründe. "Normalerweise denkst du in solchen Situationen immer zuerst an den Reifen, aber ich habe versucht, im Rennen nicht allzu sehr darüber nachzudenken", berichtete er und führte aus: "Ich habe versucht, in Ruhe meine Pace weiterzufahren und wurde Runde für Runde wieder schneller, sodass ich am Ende noch Sechster wurde." Anders als Bagnaia rehabilitierte sich Aldeguer im Sprint also. Folglich stellt sich die Frage: Steckte da etwas anderes hinter den Katastrophenstarts der beiden Ducati-Piloten?
Ehemalige Formel-1-Linien am MotoGP-Startdrama Schuld?
"Ich habe gesehen, dass einige Startlinien andere, übermalte Linien auf sich hatten. Das war im hinteren Feld nicht der Fall", sprach etwa Joan Mir an. Was der Honda-Werkspilot damit genau meinte? Ganz einfach: Vor einigen Wochen war die Formel 1 noch am Red Bull Ring zu Gast. Die Startboxen der Königsklasse auf vier Rädern übermalten die Streckenverantwortlichen nun mit schwarzer Farbe, um sie unkenntlich zu machen. Und einige der übermalten Linien der F1-Startboxen reichen nun eben in einzelne MotoGP-Startboxen hinein. Mirs Vermutung: Diese übermalte Linien bieten weniger Grip als normaler Asphalt und könnten zum Durchdrehen der Hinterräder von Bagnaia und Aldeguer beigetragen haben. "Das sollten sie prüfen", findet der HRC-Mann.
Ein interessanter Ansatz, mit dem sich Mir aber vermutlich auf dem Holzweg befindet. Denn ein Blick aus dem Media Center hinunter auf die Start-Ziel-Gerade offenbart, dass diese übermalten Linien weder direkt in eine MotoGP-Startbox hineinragen, noch nur auf der vorderen linken Seite des Grids vorzufinden sind. Im Gegenteil: Die übermalten Linien ziehen sich durch das gesamte Grid hindurch und müssten somit sämtlichen MotoGP-Piloten beim Start Probleme bereiten, was jedoch nicht der Fall war.

Schmutzige Startplätze: MotoGP-Piloten fordern Reinigungsregel
Honda-Teamkollege Luca Marini bringt daher einen anderen Aspekt ins Spiel: Den Schmutz abseits der Ideallinie. "Das lag ganz sicher daran", kommentierte der Italiener und erhielt Zuspruch von Aldeguer. "Ich glaube, dass die Strecke ziemlich schmutzig war. Ich hatte bei allen Probestarts kein Problem mit rutschenden Hinterreifen", erklärte Letzterer, gab aber auch zu, keine Probestarts auf der linken Innenseite des Grids - der vermeintlich schmutzigen Seite - durchgeführt zu haben. Tatsächlich könnte hier also der Ursprung allen Übels liegen, und das wiederum brachte am Samstagabend einige MotoGP-Piloten auf die Palme.
"Ich musste mich aufrichten und habe sie nur knapp verpasst, wir hatten da Glück", schäumte etwa Franco Morbidelli, der seinen beiden Markenkollegen sowie Enea Bastianini hatte ausweichen müssen. "Das kommt immer häufiger vor", klagte er weiter und Marini stimmte ein: "Das war ziemlich gefährlich, wir hatten da großes Glück. Wir müssen in der Sicherheitskommission darüber sprechen. Wir hatten erst am Donnerstag ein Meeting mit ihnen, dass wir Abreißvisiere nicht mehr im Grid auf den Boden werfen sollen, um genau so etwas zu vermeiden. Aber wir brauchen auch etwas Unterstützung von ihnen."
Was sich Marini genau wünsch, ist klar. Es muss eine Regelung zur Reinigung der Startboxen her. Das eigenhändige Reinigen der Startbox ist per MotoGP-Reglement verboten, womit jene Piloten, die ihre Startbox auf der Ideallinie wiederfinden, oftmals einen Vorteil gegenüber jenen Piloten in Startboxen abseits der Ideallinie erhalten. Durch den regen Betrieb auf der Strecke werden Erstere nämlich vom Schmutz 'freigefahren', während letztere dreckig bleiben. In der Vergangenheit ordnete der Motorradweltverband FIM vereinzelt eine Reinigung aller Startboxen an - etwa beim Aragon-GP vor wenigen Monaten - eine allgemeine Anordnung gibt es aber nicht. Sehr zum Umnut Marinis: "Das ist in den letzten zwei Jahren immer häufiger passiert, dass Bikes in der Beschleunigung durchgedreht haben. Das ist extrem gefährlich, das müssen wir verhindern."
Bereits am Freitag hatte auch Casey Stoner ziemlich heftig gegen die aktuelle MotoGP geschossen. Was er genau zu beklagen hatte, verrät euch Markus in diesem Video:



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