Bis zum letzten Saisonrennen in Valencia hielt Jorge Martin im Vorjahr den MotoGP-Titelkampf gegen Francesco Bagnaia offen. Mit einem frühen Fehler und einer folgenden Aufholjagd, die in einer Kollision mit Marc Marquez endete, machte Martin seine WM-Hoffnungen schließlich selbst zunichte. Eine bitteres Ende nach einer tollen Saison des ehrgeizigen Madrilenen, der anschließend in Tränen aufgelöst in der Pramac-Box saß.

Mühsamer MotoGP-Start für Jorge Martin

Martin macht im Interview mit der offiziellen Website der MotoGP keinen Hehl daraus, dass er auch über die Winterpause massiv an dieser Niederlage zu knabbern hatte: "Als im Februar die Testfahrten begonnen haben, wollte ich gar nicht auf das Motorrad steigen. Ich hatte Angst, nicht mehr so stark zu sein, wie im Vorjahr. Mir ist dann aber schnell klar geworden, dass ich wieder um die Weltmeisterschaft kämpfen kann."

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Und das, obwohl Martin sich selbst im Vergleich zum Vorjahr als weniger schnell einstuft. "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich schneller bin. Im Vorjahr war ich den anderen Fahrern einen Schritt voraus, was den reinen Speed betrifft. Jetzt sind Pecco (Bagnaia), Enea (Bastianini), Marc (Marquez) und ich praktisch auf einem Level", so Martin. "Ich bin aber stärker, weil ich in anderen Bereichen einfach ein bisschen besser bin. Vor allem im mentalen Bereich habe ich mich massiv verbessert."

Jorge Martin gesteht: Konnte mit Druck nicht umgehen

Besonders im Saisonfinish 2023 war bei Martin deutliches Nervenflattern zu erkennen. Sein Sturz auf Platz eins im Indonesien-GP, der gescheiterte Reifenpoker von Phillip Island oder die eingangs erwähnte Fehlerserie am Valencia-Sonntag sind die prominentesten Beispiele dafür. "Ich konnte mit dem Druck einfach nicht richtig umgehen", gesteht Martin. "Ich konnte an den Rennwochenenden kaum schlafen. Da wurde mir klar, dass ich Hilfe brauche."

Diese holte sich Martin für die Saison 2024: "Die Arbeit im mentalen Bereich ist für mich wichtig, um die richtigen Werkzeuge für den Umgang mit bestimmten Situationen zur Hand zu haben. Das kann die Vorbereitung auf ein Rennwochenende oder die Aufarbeitung eines schlechten Ergebnisses sein. Im Vorjahr habe ich mir zu viele Gedanken gemacht und versucht, mir auszumalen, was in Zukunft passieren wird. Ich war auch zu besessen vom Endergebnis. So funktioniert das nicht. Jetzt schaue ich einfach nur auf mich selbst und versuche aus allen Situationen meine Lehren zu ziehen. Wenn ich gewinne, ist das perfekt. Wenn nicht, dann kann ich auch damit leben. Das ist für mich die größte Lehre aus der vergangenen Saison."

Jorge Martin 2024: Wenn Druck zum Privileg wird

Mit dieser neuen, entspannteren Herangehensweise bedeutet für Martin auch die WM-Führung vier Rennwochenenden vor Schluss kein schweres Laster. "Ich spüre den Druck, aber das ist in Ordnung für mich. Pressure is a privilege (deutsch: Druck ist ein Privilieg)", zitiert Martin die US-Tennisgröße Billie Jean King. "Nicht viele Menschen dürfen solche Emotionen spüren. Ich schätze mich glücklich, so etwas erleben zu dürfen. Es bedeutet, dass wir um etwas großes kämpfen. Der MotoGP-Titel ist mein Traum und es würde mir viel bedeuten, ihn zu gewinnen."

Zehn Punkte Vorsprung gegenüber Bagnaia nimmt Martin in die letzten vier Rennwochenenden mit. Ein Vor- und Nachteil gleichermaßen: "Wenn du hinten liegst, ist es in gewisser Weise einfacher, weil du einfach nur pushen musst. Wenn du vorne bist, beginnst du eher nachzudenken. Meine Strategie in diesem Jahr ist es deshalb, selbst als Führender so zu denken, als würde ich zurückliegen." Ob sich diese Strategie zum Erfolg führt, werden die kommenden Wochen zeigen. Martin wagt noch keine Prognose: "Vielleicht gewinne ich, vielleicht auch nicht. Meiner Meinung nach ist das momentan eine 50:50-Angelegenheit. Diese Prozentsätze werden sich an den nächsten Rennwochenenden aber sicherlich noch ändern. Sollte ich den Titel nicht gewinnen, versuche ich es nächstes Jahr eben wieder."