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MotoGP - Alex Hofmann: Daran krankt es bei Honda und Yamaha

Einst teilten sich Honda und Yamaha die MotoGP untereinander fast nach Belieben auf. Zuletzt gab es aber immer stärkeren Gegenwind.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Das MotoGP-Jahr 2020 war so ausgeglichen wie selten eine Saison zuvor. 15 verschiedene Fahrer von neun Teams und fünf Herstellern holten in den 14 Läufen des verkürzten Kalenders einen oder mehrere Podestplätze. In Bedrängnis gerieten dabei vor allem die langjährigen Dominatoren von Honda und Yamaha: Denn zum erst zweiten Mal seit 1982 ging kein einziger der mittlerweile drei WM-Titel (Fahrer-, Konstrukteurs- und die seit 2002 existierende Team-Wertung) an einen der beiden Motorrad-Giganten.

Eine Entwicklung, die sich bereits in den vergangenen Jahren abzeichnete, 2020 aber voll durchschlug. Bei Honda wegen der Abwesenheit von Marc Marquez, der zuletzt zur sportlichen Lebensversicherung des Milliardenkonzerns geworden war. Bei Yamaha aufgrund von Fehlern in der technischen Ausrichtung und Versäumnissen im Personalmanagement.

Alex Hofmann, TV-Experte bei ServusTV, erkennt eine klare Tendenz, wie er im Video-Interview mit Motorsport-Magazin.com verriet: "Die bekommen jetzt so viel Druck, wie sie das nie gewohnt waren. Ich habe das Gefühl, dass sie daran verzweifeln, dass aus Europa nun Werke extremst attackieren. Ducati hat es bereits vorgegeben und jetzt kommt auch noch KTM nach und entwickelt in einer Geschwindigkeit, wie man das nicht erwartet hätte."

Während Ducati ein altbekannter Rivale ist, der einst 2007 dank Casey Stoner die beiden japanischen Giganten in allen drei WM-Wertungen in dien Knie zwingen konnte, stieß KTM erst in der laufenden Saison in die illustre Runde der siegfähigen Hersteller. Mit Suzuki schwang sich zudem ein japanisches Unternehmen zum Weltmeister auf, das mit deutlich weniger Budget und Personal effizienter zu arbeiten scheint als Honda oder Yamaha.

MotoGP-Saisonanalyse: Alex Hofmann über das verrückte Jahr 2020: (32:49 Min.)

Ähnliche Kritik von Valentino Rossi

"Ich glaube, deren Abläufe in Japan sind nicht mehr zeitgerecht", analysierte Hofmann. "Die sind der große Öltanker auf See, der schon fünf Meilen vorher ansetzen muss, wenn er nach links abbiegen will, während rundherum nur noch sehr schnelle Speedboote da sind. Die Strukturen dort sind einfach nicht ausgelegt auf den Entwicklungsspeed, den man heutzutage in der MotoGP braucht."

Eine Kritik, die auch Valentino Rossi zuletzt immer häufiger äußerte. So meinte der 41-Jährige, der Yamahas Pforten zum ersten Mal im Jahr 2004 betrat: "Man kann nicht immer alles verstehen, was bei Yamaha entschieden wird." Vor dem MotoGP-Finale in Portimao ließ er mit noch deutlicherer Kritik aufhorchen: "Die japanischen Ingenieure hören uns Fahrern zwar zu, am Ende machen sie aber erst wieder, was sie wollen. Für sie steht schon vorher fest, was sie machen werden."

Zuletzt herrschte vor allem beim so wichtigen Testteam völliges Chaos: Über den Winter 2018/19 baute Yamaha als letzter der MotoGP-Hersteller auch endlich eine Test-Truppe in Europa rund um Jonas Folger auf. Ende 2019 strich man dieses Projekt bereits wieder, um künftig wieder ein japanisches Team rund um den vermeintlichen Edeltester Jorge Lorenzo aufzubauen. Aufgrund der Corona-Krise konnten sich die Ingenieure aus Japan viele Monate aber nicht frei über den Globus bewegen, weshalb Yamahas Testaktivitäten im gesamten Jahr 2020 fast vollständig zum Erliegen kamen. Ab 2021 ist nun Cal Crutchlow der dritte Yamaha-Testfahrer binnen drei Jahren.

MotoGP-Talk: Wie konnte Yamaha die WM derart vergeigen?: (17:04 Min.)

Marc Marquez als Hondas einziger Trumpf

Bei Honda wiederum überdeckte Marc Marquez lange Jahre die Unzulänglichkeiten der RC213V. Denn bereits 2018 und 2019 blieben seine namhaften Teamkollegen Dani Pedrosa und Jorge Lorenzo ohne Podestplatz und mussten danach ihre Karrieren beenden. Bruder Alex sorgte somit Anfang Oktober in Le Mans für das erste Podium einer nicht von Marc Marquez pilotierten Repsol Honda seit 12. November 2017 - das sind beinahe drei Jahre.

Bei Teamchef Alberto Puig und seinen japanischen Ingenieuren hätten längst die Alarmglocken schrillen müssen, doch stattdessen ließ man sich vom Glauben leiten, dass der MotoGP-Überflieger mit der Nummer 93 ohnehin stets die Kohlen aus dem Feuer holen würde. 2019 ging das noch gut, als Marquez im Alleingang Fahrer- und Hersteller-Titel holte und selbst in der Team-Wertung alleine nur knapp hinter Ducati gelandet wäre.

Wie es ohne die Dienste des nunmehr entthronten sechsfachen MotoGP-Weltmeisters aussieht, wurde Honda-Fans in den vergangenen Monaten vor Augen geführt. Die nackten Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mit nur zwei Podestplätzen unterbot HRC seinen bisherigen Negativwert aus der Ära seit Einführung der MotoGP-Klasse von 14 Podien aus der Saison 2008 deutlich. Yamaha fuhr mit zwölf Podestplätzen den schlechtesten Wert seit 2007 ein.

Alle anderen Hersteller kamen hingegen auf 28 Podestplätze und konnten somit zum erst zweiten Mal seit 2002 mehr Top-3-Ergebnisse einfahren als Honda und Yamaha zusammen. Zudem gelang 2020 etwas Historisches: Erstmals seit 1975 (damals siegten MV Agusta, Suzuki & Kawasaki) konnten mit KTM, Ducati und Suzuki drei unterschiedliche Hersteller, die nicht Honda oder Yamaha heißen, Rennen gewinnen. Was den japanischen Giganten zu denken geben sollte: Jeder dieser drei Konstrukteure gewann mit jeweils zwei verschiedenen Fahrern.

Ist die Zeit der MotoGP-Dominanz von Honda und Yamaha vorbei? Oder war 2020 bloß eine Ausnahme aufgrund der veränderten Bedingungen und des Fehlens von Marc Marquez? Teilt eure Einschätzung mit uns in den Kommentaren!


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