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MotoGP-Analyse: Machtdemonstration von Miguel Oliveira

Seinen ersten MotoGP-Sieg errang Miguel Oliveira erst in der Zielkurve. In Portimao machte er von Beginn an klar, wer der Chef ist.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP-Saison 2020 ging in Portimao mit einem Sololauf von Miguel Oliveira zu Ende, der seinen zweiten Saisonsieg feierte. Im Kampf um Platz zwei in der WM prolongierte Franco Morbidelli seine gute Form im Finish und krönte sich mit Rang drei zum Vizeweltmeister. Jack Miller sicherte Ducati mit seinem zweiten Platz hingegen den WM-Titel in der Konstrukteurs-Wertung. Das Finalrennen der MotoGP in der Analyse.

Oliveira dominiert im eigenen Land

Miguel Oliveira hatte von Beginn an das Momentum auf seiner Seite. Er startete im auf 70 Minuten verlängerten 1. Training direkt mit Bestzeit und belegte am Samstag in beiden Trainings den 2. Platz, bevor er sich im Qualifying die erste Pole Position seiner Karriere in der MotoGP-Klasse sicherte. Mit diesen Ergebnissen im Rücken ging er als klarer Favorit in sein Heimrennen.

Miguel Oliveira in Portimao:

Session Pos. Zeit
FP1 1. 1:40,122
FP2 13. 1:39,946
FP3 2. 1:39,330
FP4 2. 1:40,184
Q2 1. 1:38,892
WUP 11. 1:40,883

Die Reifenwahl

Michelin machte es den MotoGP-Fahrern diesmal schwerer als sonst: Da es sich bei Portimao um eine neue Strecke im Kalender handelte, brachten die Franzosen jeweils vier Mischungen für das Vorder- und Hinterrad, darunter jeweils auch eine asymmetrische Variante. Die Piloten hatten für ihre Reifen-Tests daher am Freitag auch zweimal 70 anstatt der üblichen 45 Minuten Zeit.

Wie ein Blick auf die Grid-Liste von Michelin zeigt, blieben aber jeweils zwei Vorder- und Hinterreifenmischungen in der Garage: Die beiden weichsten Reifen an Heck und Front sowie der asymmetrische Vorderreifen und der Medium-Hinterreifen. Von den verbliebenen vier Kombinationen kamen drei zum Einsatz.

Reifenwahl im Portugal-GP

Vorne - Hinten Fahrer (Platzierung)
Medium - Hard Miller (2.), Morbidelli (3.), Nakagami (5.), Dovizioso (6.), Bradl (7.), A.Marquez (9.), Vinales (11.), Rossi (12.), Crutchlow (13.), Quartararo (14.), Bagnaia (out)
Medium - Asym. Hard Zarco (10.), Rins (15.), Petrucci (16.), Mir (out)
Hard - Hard Oliveira (1.), P.Espargaro (4.), A.Espargaro (8.), Kallio (17.), Rabat (18.), Savadori, Binder (beide out)

Oliveira zog vorne und hinten jeweils die härteste Mischung auf, so wie alle seine KTM-Markenkollegen. Auch Aprilia setzte auf diese Kombination sowie Tito Rabat. Mit dem asymmetrischen Hard am Heck experimentierten Johann Zarco, Danilo Petrucci und die beiden Suzuki-Fahrer Joan Mir und Alex Rins. Die am häufigsten verwendete Kombi war Medium-Hard, die von 11 der 22 Piloten eingesetzt wurde und die bei sechs der Top-10-Fahrer Verwendung fand.

Oliveiras Startsprint

Miguel Oliveira ging mit vollem Elan in das MotoGP-Finale und setzte sich sofort an die Spitze. Dort konnte er sich rasch von seinen Gegnern absetzen, da er in den ersten neun Runden jeweils der schnellste Fahrer im gesamten Feld war. Danach war Oliveira nur noch in vier weiteren Umläufen Schnellster.

Schnellste Zeit in jeder der 23 Runden:

Fahrer Anzahl Schnellste Runde in
Miguel Oliveira 13 Lap 1-9, 14-15, 20-21
Jack Miller 7 Lap 10-12, 16-17, 19, 23
Franco Morbidelli 2 Lap 13, 22
Pol Espargaro 1 Lap 18
Aleix Espargaro 1 Lap 24
Taka Nakagami 1 Lap 25

Im gesamten Rennen konnten nur zwei Fahrer die Marke von 1:40 Minute unterbieten: Jack Miller einmal, Miguel Oliveira hingegen gleich fünfmal. In Lap 9 drehte er mit einer Zeit von 1:39,855 Minuten zudem die schnellste Rennrunde des gesamten Rennens. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen Vorsprung auf Franco Morbidelli auf 3,812 Sekunden ausgebaut, jenen auf Jack Miller sogar auf 4,543 Sekunden.

Auf Miller sollte Oliveiras Vorsprung bis zum Rekordwert in Lap 18 nur noch um weitere 0,4 Sekunden anwachsen, ehe er bis ins Ziel auf 3,193 Sekunden sank. Morbidelli erreichte seinen Rekordrückstand auf Oliveira in der 21. Runde, als er 4,597 Sekunden hinter dem späteren Sieger lag, auf den er bis zum Zieleinlauf auf 3,298 Sekunden verkürzte.

Der Kampf zwischen Morbidelli und Miller

Bereits in Valencia konnte sich Jack Miller sein Rennen gut einteilen, um mit Reserven in die Schlussrunden zu gehen. Schon damals konnte er Franco Morbidelli rundenlang belauern, ehe er zwei (letztlich vergebliche) Attacken setzen konnte. In Portimao gelang ihm das erneut - diesmal sogar mit Happy End.

"Es hat sich genauso wie am vergangenen Wochenende angefühlt und war beinahe ein Deja-vu", sagte Miller nach dem Rennen. "Valencia eingerechnet, habe ich ihn jetzt wohl für 60 Runden oder so verfolgt. Ich dachte mir aber, dass ich gegen Ende die stärkere Pace haben würde. Dann konnte ich tatsächlich einen Angriff durchziehen, musste aber in Kurve 14 jedes Gramm der Turning-Power meiner Ducati nutzen um die Linie zu halten und ihm nicht doch noch die Tür aufzumachen."

Bei Morbidelli überwog die Freude über den eroberten zweiten Platz in der Weltmeisterschaft über den Frust des verlorenen Zweikampfes gegen Miller. "Er hat mich überholt und ich konnte nicht kontern", analysierte er trocken. "Dass ich Vizeweltmeister bin, macht mich glücklich, da kann ich über den verlorenen Platz in der letzten Runde hinwegsehen."

Stefan Bradl stark unterwegs

Für Freude bei den deutschen MotoGP-Fans sorgte Stefan Bradl. Der Ersatzmann von Marc Marquez lieferte bereits in den Trainings eine starke Leistung ab, stand zum ersten Mal in der laufenden Saison in Q2 und mischte im Rennen im vorderen Mittelfeld mit. Ein Crash im Warmup sollte der einzige Schnitzer des gesamten Wochenendes bleiben.

Stefan Bradl in Portimao:

Session Pos. Zeit
FP1 10. 1:40,920
FP2 11. 1:39,909
FP3 8. 1:39,569
FP4 10. 1:40,608
Q2 6. 1:39,204
WUP 13. 1:40,936

Im Rennen konnte Bradl von Startplatz 6 in der 1. Runde Fabio Quartararo überholen, musste seinerseits aber Pol Espargaro und Alex Rins vorbeilassen. In den Runden 3 und 4 lag Bradl sogar auf dem 5. Rang, ehe spannende Positionskämpfe mit den Espargaro-Brüdern, Johann Zarco, Cal Crutchlow, Taka Nakagami oder Andrea Dovizioso entbrannten.

Aufgrund dieser Duelle kam es immer wieder zu Ausreißern in den Rundenzeiten, sodass Bradls Werte insgesamt sechsmal über 1:41 Minuten kletterten. Mit der Pace der Fahrer auf dem Podest konnte der Deutsche freilich nicht mithalten: Nur in einer einzigen Runde konnte er Zeit auf Jack Miller gutmachen (Lap 3), Sieger Oliveira war nur in den letzten drei Runden langsamer als Bradl.

Mit dem Rest des Feldes konnte der Marquez-Ersatz aber problemlos kämpfen, sodass am Ende auf Pol Espargaros vierten Platz nur drei Sekunden fehlten, auf den Rang als bester Honda-Pilot 2,5 Sekunden und auf Platz 6 lediglich 16 Hundertstelsekunden. Sein 7. Rang stellt nicht nur das beste Saisonergebnis für Stefan Bradl dar, sondern auch den besten Zieleinlauf seit dem Argentinien-GP 2016.

Schon am Freitag hatte er gestanden: "Um ehrlich zu sein: Am meisten hat mir heute Spaß gemacht, als mir auf dem Pitboard mehrfach P1 angezeigt wurde. Das hat mich aufgebaut." Am Sonntag meinte er abschließend: "Die Saison war aber insgesamt super für mich, auch wenn es zu Beginn mental und körperlich eine große Herausforderung war. Die Saison jetzt so abzuschließen, ist umso befriedigender."

Fazit: Ausblick in die Zukunft?

Die MotoGP-Saison 2020 brachte einige Überraschungen, kaum ein Rennausgang war vorhersehbar. Dieses Jahr ist aber wohl auch als Übergangsjahr zu werten, in dem einige GP-Sieger ihre Abschiedstournee gaben, während neue Siegergesichter auf den Siegespodesten auftauchten. Das Treppchen von Portimao könnte uns einen Vorgeschmack auf die Kräfteverhältnisse der künftigen Jahre gegeben haben.

Dort stand mit Franco Morbidelli Yamahas erfolgreichster Fahrer der Saison, mit Jack Miller die künftige Nummer eins bei Ducati und mit Miguel Oliveira der designierte Nachfolger von Pol Espargaro als Speerspitze von KTM. Zusammen mit den beiden Suzuki-Assen und Rückkehrer Marc Marquez könnten diese Namen in den kommenden Jahren noch einige spannende Sieggefechte austragen.


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