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MotoGP-Analyse: Wie kam es zum Valencia-Showdown?

Wie in Valencia aus einem kontrollierten MotoGP-Rennen ein heißer Showdown in der letzten Runde wurde. Plus: Wieso sogar ein Dreikampf möglich gewesen wäre.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP 2020 ist entschieden! Joan Mir fixierte den WM-Titel in Valencia bei der ersten Gelegenheit mit einem unspektakulären Rennen auf Platz 7. Die vordersten Plätze gingen an Franco Morbidelli und Jack Miller, die in der letzten Runde einen spektakulären Showdown zeigten. Warum hatte Suzuki nur eine Woche nach einem Doppelsieg auf der gleichen Strecke diesmal nicht einmal eine Chance auf Podestplätze? Und warf Taka Nakagami am Sonntag tatsächlich die Chance auf den Sieg weg? Die Antworten in der großen GP-Analyse.

MotoGP-Analyse, Valencia: Warum Joan Mir den Titel 2020 holte: (38:05 Min.)

Deutlich einfachere Voraussetzungen

Im ersten Valencia-Rennen hatten die MotoGP-Asse lediglich das zwanzigminütige Warmup für die Reifenwahl und die Feinabstimmung der Motorräder, da es an beiden Tagen zuvor geregnet hatte. Diesmal blieb es fast über das gesamte Wochenende trocken, was sich auch in der Reifenwahl für das Rennen wiederspiegelte: Kamen vor einer Woche noch fünf verschiedene Reifen-Kombinationen zum Einsatz, so waren es diesmal nur zwei.

Reifenwahl im Valencia-GP

Vorne - Hinten Fahrer (Platzierung)
Hard - Medium Morbidelli (1.), P.Espargaro (3.), Rins (4.), Binder (5.), Oliveira (6.), Mir (7.), Dovizioso (8.), A.Espargaro (9.), Bagnaia (11.), Rossi (12.), Crutchlow (13.), Petrucci (14.), A.Marquez (16.), Rabat (17.), Nakagami, Zarco (beide out)
Medium - Medium Miller (2.), Vinales (10.), Bradl (14.), Savadori (18.), Quartararo (out)

Ausnahmslos alle Piloten zogen am Heck die Medium-Mischung auf, an der Front kamen nur der Medium und bei den meisten Fahrern der harte Vorderreifen drauf. Die weiche Mischung blieb hingegen in Michelins Garage. Die Reifenwahl war somit kein entscheidender Faktor am Sonntag.

Die beiden Valencia-Rennen im Vergleich

Das Rennen am Sonntag war deutlich schneller als jenes der Vorwoche. Die Siegerzeit fiel von 41:37 Minuten auf 41:22 Minuten und alle Fahrer, die beide Rennen beenden konnten, waren im zweiten Lauf schneller.

Fahrer Differenz Valencia 1 & 2
Morbidelli -32,436 Sek.
Miller -23,481 Sek.
Vinales -21,179 Sek.
Binder -20,829 Sek.
Dovizioso -16,891 Sek.
Oliveira -15,593 Sek.
P.Espargaro -13,016 Sek.
Rins -11,773 Sek.
Bradl -11,739 Sek.
Mir -6,116 Sel.
Petrucci -1,052 Sek.

Am meisten konnte sich Franco Morbidelli steigern, der im Valencia-GP um 32 Sekunden schneller war als im Europa-GP. Das entspricht einem durchschnittlichen Zeitgewinn von mehr als einer Sekunde pro Rennrunde. Jack Miller erzielte mit 23 Sekunden die zweithöchste Steigerung aller MotoGP-Fahrer.

Selbst die Suzuki-Asse Mir und Rins waren schneller als in der Vorwoche, legten mit elf (Rins) bzw. sechs Sekunden (Mir) aber deutlich geringer zu und fielen deshalb im Klassement von den ersten beiden Plätzen in das vordere Mittelfeld zurück. Dass Mir ob seiner guten Ausgangslage in der WM nicht volles Risiko gegangen ist, liegt nahe.

Morbidellis Pace

Franco Morbidelli verteidigte am Start seine Pole Position und drehte an der Spitze im Sololauf seine Runden so präzise wie ein Uhrwerk. Das ist die einzige Gewinnstrategie für Yamaha in der laufenden Saison, wie bereits andere Analysen von Siegen des japanischen Herstellers zeigten. Morbidellis Pace war stark: Seine Rundenzeiten zwischen zweiter und vorletzter Lap lagen allesamt in einem Fenster von nur sechs Zehntelsekunden.

Seine persönliche schnellste Rennrunde fuhr er in Runde 6 mit 1:31,428 Minuten und blieb im gesamten Rennen nur in drei Umläufen über 1:32 Minuten. In acht der ersten 12 Runden war Morbidelli der schnellste Mann im gesamten Feld und baute seinen Vorsprung zwischenzeitlich auf einen Rekordwert von 1,195 Sekunden (in Lap 12) aus.

Schnellste Zeit in jeder der 27 Runden:

Fahrer Anzahl Schnellste Runde in
Jack Miller 9 Lap 2, 5, 8, 17, 20-22, 25-26
Franco Morbidelli 8 Lap 1, 3-4, 6-7, 10-12
Taka Nakagami 5 Lap 13-16, 18
Pol Espargaro 3 Lap 9, 23-24
Alex Rins 1 Lap 27
Brad Binder 1 Lap 19

Die zweite Rennhälfte gehörte allerdings Jack Miller. Der Australier fuhr insgesamt in neun der 27 Runden die schnellste Zeit und erzielte zudem in Lap 17 die absolut schnellste Rennrunde des gesamten Grand Prix. Im Gegensatz zu vergangenen Rennen konnte er sich seinen Reifenverschleiß diesmal besser einteilen, sodass er gegen Ende sogar bessere Waffen zur Verfügung hatte als Morbidelli.

"Ich hatte den Plan im Kopf, dass ich auf der Geraden in die letzte Runde hinein einfach an ihm vorbeisegeln würde", gestand Miller nach dem Rennen, dass er sich auf die Topspeed-Überlegenheit seiner Ducati verlassen wollte. Doch Morbidelli konnte dagegen halten und seinen eigenen Bremspunkt so lange hinauszögern, dass Miller ebenfalls in einen kleinen Fehler getrieben wurde. "Ich bin dann aber leider so lange drauf geblieben, dass ich nicht mehr bremsen konnte und Kurve eins zu weit war", so der Australier.

Zweimal konnte Morbidelli eine Attacke von Miller kontern, ehe er im dritten und vierten Sektor jede einzelne Kurve ideal abdeckte und schließlich beim Beschleunigen auf den Zielstrich nicht mehr von Miller gestellt werden konnte. 93 Tausendstel gaben nach einer Renndistanz von 108,1 Kilometern den Ausschlag.

Nakagami: Sieg weggeworfen?

Taka Nakagami schaffte es auch im 13. MotoGP-Saisonrennen nicht auf das Podest. Am Sonntag stürzte er just in jenem Moment, in dem er gegen Ende der 19. Runde Pol Espargaros 3. Platz erobert hatte. "Ich dachte in dieser Situation nicht an einen Podestplatz, sondern an den Sieg. Die Strategie und die Reifen-Performance stimmten, sodass ich wirklich an den Sieg denken konnte", gab Nakagami nach dem Rennen offen zu.

Der Japaner war bereits im ersten Valencia-Rennen gegen Ende der schnellste Pilot im gesamten MotoGP-Feld und hatte nach der Zielflagge sogar noch Reserven ausgemacht. Daher wollte er diesmal früher attackieren. Das zeigt sich klar an den Rundenzeiten: In den Laps 13 bis 16 sowie in Runde 18 unmittelbar vor dem Crash war Nakagami der schnellste Mann.

Seinen Rückstand auf Morbidelli konnte Nakagami zwischen Lap 12 und 18 um 1,338 Sekunden verringern, auf Pol Espargaro holte er in diesem Teil des Rennens sogar zwei volle Sekunden auf. Etwas mehr als acht Runden hätte Nakagami noch zur Verfügung gehabt, um Miller und Morbidelli gegen Ende im Kampf um den Sieg zu fordern.

Bei gleichbleibender Pace (gemessen am Durchschnitt der Runden 13-18) wäre Nakagami allerdings erst in der vorletzten Runde auf weniger als eine Sekunde an das Duo an der Spitze herangekommen. Womöglich hätte ihm aber das Duell in der letzten Runde zwischen Miller und Morbidelli noch genützt, denn beide kosteten die gegenseitigen Manöver rund neun Zehntel im Vergleich zur vorletzten Runde. Die Fans hätten somit einen ähnlich spannenden Zieleinlauf wie im zweiten Spielberg-Rennen sehen können. Doch Nakagamis Missgeschick machte diese Aussicht zunichte.

Fazit: Keine Runde länger

Obwohl es kaum Positionskämpfe auf den vorderen Rängen gab, gipfelte das MotoGP-Rennen in Valencia in einer spektakulären letzten Runde. Jack Miller konnte sich sein Rennen endlich perfekt einteilen und sich Pfeile im Köcher für den finalen Umlauf aufsparen. Die einzige Kritik, die er sich nach dem Rennen gefallen lassen muss, ist die Frage, ob er nicht schon in der vorletzten Runde eine Attacke hätte setzen können. Denn so hatte er in die erste Kurve hinein nur einen einzigen Versuch gegen Morbidelli, für den das Rennen wohl keine einzige Runde länger hätte dauern dürfen.

Schade ist, dass Taka Nakagami einmal mehr seine Chance auf den ersten MotoGP-Podestplatz ausgelassen hat und die MotoGP-Fans somit womöglich um einen Dreikampf in der letzten Runde gebracht hat. Der neue Weltmeister Joan Mir fuhr ein unauffälliges Rennen, was aber für seine Rennintelligenz spricht. Der 23-Jährige wusste genau, dass zwei neunte Plätze in den letzten beiden Rennen in jedem Fall für den WM-Titel reichen. Da er mit Vinales, Quartararo und Dovizioso drei seiner fünf Rivalen hinter sich wusste, war es klug, nicht an das äußerste Limit zu gehen und am Ende alles zu riskieren.

Beim Finale in Portimao können nun alle MotoGP-Stars frei und ohne jeglichen Druck auftrumpfen und dieser seltsamen Saison zu einem großartigen Abschluss verhelfen. Hoffen wir das Beste!


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