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MotoGP

MotoGP: Das Jahr 2019 - Die Saison der Rekorde

Das abgelaufene MotoGP-Jahr war in vielerlei Hinsicht eine Saison der Rekorde: Siegserien gab es, ebenso wie Negativrekorde. Das Jahr 2019 im Rückspiegel.
von Michael Höller

REKORD-DOMINATOR
Die MotoGP-Saison 2019 stand ganz im Zeichen eines Mannes: Marc Marquez. Der Weltmeister holte nicht nur seinen sechsten Titel in der Königsklasse (und achten gesamt), sondern dominierte das Jahr wie selten zuvor. Zwölf Saisonsiege, sechs zweite Plätze und nur ein Ausfall (in Führung liegend) stehen in seiner Jahresbilanz. In 18 der 19 Rennen verbuchte er zumindest eine Führungsrunde (nur in Sepang nicht), insgesamt lag er 264 Runden in Führung, was rund 57 Prozent der gesamten Rennrunden des Jahres entspricht. In mehreren Kategorien stellte Marquez Rekorde auf: Zum ersten Mal holte ein Fahrer in einer Saison 18 Podestplätze, zudem pulverisierte der Spanier den alten Punkterekord von Jorge Lorenzo und stellte mit 420 Punkten eine neue Bestmarke auf. An starken Tagen war kein Kraut gegen ihn gewachsen, so holte er in Argentinien, Jerez, am Sachsenring, in Brünn, Aragon und Motegi ungefährdete Start-Ziel-Siege. An "schwachen Tagen" verpasste er den Sieg nur knapp: 0,023 Sekunden fehlten in Katar, 0,043 Sekunden in Mugello, 0,213 Sekunden in Spielberg und 0,013 in Silverstone. Nur in Assen und Sepang kämpfte Marquez nicht bis zur letzten Runde um den Sieg. Neben der Fahrer-WM gewann er damit auch die Konstrukteurs-WM im Alleingang für Honda. In der Team-Wertung steuerte er 420 der 458 von Repsol Honda erzielten Punkte bei und legte damit den Grundstein zum dritten WM-Titel des Jahres für seinen Arbeitgeber. "Das ist ohne Zweifel meine bislang beste Saison in der MotoGP. Ja, 2013 habe ich 13 Rennen gewonnen, aber damals waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Herstellern und Motorrädern ziemlich groß. Jetzt ist das Feld extrem konkurrenzfähig und du kannst mit vier Herstellern gewinnen", analysierte der Dominator nach seiner Titelverteidigung, die ihm bereits im 15. der 19 Rennen im thailändischen Buriram gelang. Dabei war er mit Handicap in die Saison gestartet, denn aufgrund der Folgen einer Schulteroperation konnte er beim Testauftakt in Sepang lediglich sechs Runden am Stück absolvieren, ehe die Schmerzen und die Erschöpfung zu groß wurden. Die Konkurrenz muss sich damit auch im kommenden Jahr warm anziehen, denn 2020 geht Marquez topfit in die neue Saison.

REKORD-JUGEND
Es war zwar eine Rekord-Saison für Marc Marquez, eine Allzeit-Bestmarke verlor er allerdings in der abgelaufenen Saison. Denn am 4. Mai fuhr Fabio Quartararo im erst vierten MotoGP-Qualifying seiner Karriere auf Pole Position. Der Franzose war damals gerade Mal 20 Jahre und 14 Tage alt und damit um 48 Tage jünger als Marquez bei seiner Rekord-Pole in Austin 2013. Immerhin: Die Rekorde als jüngster GP-Sieger und jüngster Weltmeister konnte er gegen Quartararo verteidigen, doch der Franzose war definitiv die große Überraschung des abgelaufenen MotoGP-Jahres. Er holte sechs Pole Positions und 75 Führungsrunden - in beiden Kategorien war nur Marc Marquez stärker. Quartararo erreichte mit sieben Podestplätzen nicht nur die drittmeisten aller Fahrer, sondern schnappte sich souverän die Titel als Rookie des Jahres und als bester Fahrer eines Privat-Teams. Für beides wurde er bei der großen FIM-Gala unmittelbar nach dem Finale in Valencia ausgezeichnet. Für viele ist Fabio Quartararo somit der große Gegenspieler von Marc Marquez in den kommenden Jahren. Yamaha weiß um die Qualität des Rohdiamanten, der ihnen allerdings ganz ohne Zutun in den Schoß fiel. Denn die Verpflichtung von Quartararo ging alleine auf die Kappe von Wilco Zeelenberg und Johan Stigefelt, der Doppelspitze des neuen Petronas-Teams. Yamaha dankte es dem Duo, indem man Quartararo nur fünf Motoren (anstatt sieben) zur Verfügung stellte und dem Franzosen auch noch die Drehzahl drosselte. 2020 erhält Quartararo aber gleichwertiges Material wie die Yamaha-Werkstruppe, ein Vertragsangebot für das Factory-Team sollte nicht lange auf sich warten lassen. Quartararo stieg 2019 zum Anführer einer neuen Generation auf, die in den kommenden Jahren Jagd auf Marc Marquez machen wird. Ein Blick auf das Fahrerfeld für die kommende Saison beweist, dass der einstige "junge Wilde" Marquez mit seinen 26 Jahren beinahe schon zum alten Eisen gehört: Mit Jack Miller, Francesco Bagnaia, Alex Marquez, Brad Binder, Iker Lecuona, Miguel Oliveira, Joan Mir, Alex Rins, Maverick Vinales, Fabio Quartararo und Franco Morbidelli sind elf Fahrer und somit zum ersten Mal das halbe Starterfeld jünger als Marquez.

REKORD-ROSSI
Der älteste Fahrer im Feld ist Valentino Rossi schon seit vielen Jahren. In seinem 24. Jahr in der Motorrad-WM knackte der 40-Jährige weitere atemberaubende Meilensteine. Auf Phillip Island bestritt er sein 400. Rennen in der Weltmeisterschaft und hält somit nach dem Finale in Valencia bei 402 Starts. Damit war Rossi bei 42,7 Prozent aller je ausgetragenen Rennwochenenden der Motorrad-WM im Einsatz. Seinen Rekord wird ihm in absehbarer Zeit niemand streitig machen, denn von den noch aktiven Piloten haben nur drei mehr als 250 Rennen: Andrea Dovizioso (313), Tom Lüthi (286) und Simone Corsi (273). Rossi verbesserte aber auch weitere Rekordmarken: So stellte Platz zwei in Austin den 234. Podestplatz seiner Karriere dar, der erste noch aktive Verfolger, Marc Marquez, hat exakt 100 weniger. Den Punkterekord schraubte Rossi auf 6.247 Zähler, womit er 2.613 Zähler Vorsprung auf Andrea Dovizioso hat, der unter den aktiven Piloten der zweitbeste ist. In einer Kategorie konnte sich Rossi allerdings nicht verbessern: Wie schon im Vorjahr blieb er 2019 erneut ohne Sieg. Somit hat Valentino Rossi bei keinem seiner letzten 46 Starts gewonnen - die längste Serie seiner gesamten Karriere. Zudem blieb er zuletzt 16 Mal in Folge ohne Podestplatz und egalisierte damit seinen persönlichen Negativrekord aus den Ducati-Jahren. Damals blieb er zwischen den beiden Rennen in Le Mans in den Jahren 2011 und 2012 ebenfalls für exakt 16 Events in Folge ohne Podium. In der Endabrechnung belegte Rossi den siebten Rang in der Weltmeisterschaft - so weit hinten fand er sich ansonten in der Königsklasse nur in seinem ersten Ducati-Jahr 2011 wieder. Mit 174 Zählern holte er zudem die geringste Punkteausbeute aller seiner 14 Jahre bei Yamaha. Doch in der kommenden Saison will der Altmeister noch einmal durchstarten. Er holt David Munoz aus seinem eigenen Moto2-Team als neuen Crewchief an seine Seite und will erst nach einigen Rennen entscheiden, ob 2020 tatsächlich seine letzte Saison sein soll. "Wir werden schon bei den Wintertests und in den ersten Rennen sehen, wie gut mein Speed ist. Danach werde ich eine Entscheidung treffen", sagte Rossi in Sepang.

Die MotoGP-Piloten boten den Fans 2019 viele spannende Rennen - Foto: LAT Images

REKORD-NIEDERLAGEN
Nach Dani Pedrosas Abschied im Vorjahr verließ ein weiterer großer Name 2019 das MotoGP-Fahrerlager. Jorge Lorenzo checkte in Valencia aus der Boxengasse aus, die seit Mai 2002 seine Heimat war. Ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags mit Repsol Honda verkündete er am 14. November in Valencia seinen Rückzug. Ein Abschied, der sich zuvor schon angebahnt hatte, denn seit Spätsommer 2018 eilte Lorenzo von Verletzung zu Verletzung. Von den letzten 24 Rennwochenenden seiner Karriere verpasste er acht verletzungsbedingt. Nach einer in Assen erlittenen Wirbelverletzung dachte der 32-Jährige deshalb auch zum ersten Mal über ein Karriereende nach, zu dem er sich während seiner letzten Fernost-Tour letztlich durchringen konnte. Das finale Jahr seiner 18-jährigen WM-Karriere war in vielerlei Hinsicht sein schwächstes. So beendete Lorenzo zum ersten Mal eine Saison ohne Top-10-Platzierung, Platz 19 und nur 28 WM-Punkte bedeuteten die schlechtesten Werte seit seiner Rookie-Saison 2002. Der Tiefpunkt war auf Phillip Island erreicht, als er zum ersten Mal in einem Rennen der Königsklasse mehr als eine Minute auf den Sieger verlor. Mit Lorenzo geht die Nummer drei der ewigen Bestenliste nach WM-Punkten, die Nummer vier nach Podestplätzen und die Nummer sechs nach Siegen. 2019 war aber nicht nur für Lorenzo ein Jahr der Rekord-Niederlagen. Andrea Iannone holte mit nur 43 Punkten die geringste Ausbeute seit er in der MotoGP-Klasse fährt, WM-Rang 16 bedeutet die schlechteste Platzierung seit 2007, als der Italiener noch in der 125cc-Klasse unterwegs war. Für Johann Zarco endete die Saison mit lediglich 30 Zählern und damit dem geringsten Kontostand seiner gesamten Karriere. Wie Lorenzo löste er seinen Vertrag mit KTM vorzeitig auf und wurde wenige Rennen später von seinem Arbeitgeber komplett vor die Tür gesetzt. Dem gewieften Leser fällt bei den drei in diesem Absatz genannten Namen eine große Gemeinsamkeit auf: Jorge Lorenzo, Andrea Iannone und Johann Zarco - das waren im Winter die drei spektakulärsten Transferkracher. Wie die nackten Zahlen zum Saisonende belegen darf man getrost von Transferflops sprechen.

REKORD-TEMPO
2019 haben wir die MotoGP so schnell wie nie zuvor erlebt. An sieben Wochenenden durften die Fans die schnellste Runde mitansehen, die je auf einem Motorrad auf dem entsprechenden Kurs gedreht wurde. Marc Marquez stellte in Katar, Mugello, Spielberg und Silverstone neue Bestmarken auf, in Jerez, Assen und Sepang war es Fabio Quartararo. Auch der absolute Topspeed-Rekord wurde verbessert, wobei in dieser Kategorie Ducati seine Bastion verteidigen konnte: Im dritten Training des Rennwochenendes in Mugello wurde Andrea Dovizioso mit 356,7 km/h gemessen und verbesserte damit seinen eigenen Bestwert aus dem Vorjahr um 0,2 km/h. Neue Topspeed-Bestmarken für die jeweilige Strecke gab es zudem in Katar (Marc Marquez), Aragon und Spielberg (Andrea Dovizioso) sowie Silverstone (Cal Crutchlow). Der "kleine Bruder" übertrumpfte die Königsklasse sogar noch. In der Moto2 kamen zum ersten Mal die 765cc-Dreizylinder-Motoren von Triumph zum Einsatz, die neben mehr Leistung auch mehr Elektronik in die Motorräder brachten. Das hatte zur Folge, dass die Rekorde aus der Honda-Ära nur so purzelten. An elf Wochenenden gab es neue Rundenrekorde, die Topspeed-Bestwerte wurden sogar an 15 der 19 GP-Events geknackt. In Mugello durchbrach sogar zum ersten Mal eine Moto2-Maschine die Schallmauer von 300 km/h. Den Geschwindigkeitsrekord der mittleren Klasse hält seither Nicolo Bulega, der seine Kalex auf 300,2 km/h beschleunigen konnte. Unter dem neuen Reglement ist die Moto2 der MotoGP eine Spur näher gerückt. Am deutlichsten sichtbar wurde das auf Phillip Island: Rennsieger Brad Binder absolvierte die Renndistanz dort mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 171,5 km/h. Damit fehlten ihm auf das durchschnittliche Renntempo des Letztplatzierten des MotoGP-Rennens, Jorge Lorenzo, nur 0,7 km/h. Selbst Sieger Marc Marquez war auf die volle Renndistanz nur 5,4 km/h schneller als Binder. Auch die kleinste Klasse wartete mit vielen Bestmarken auf: Zehn Topspeed- und acht Rundenrekorde fielen im Lauf der Saison, den Geschwindigkeitsrekord hält nun der Japaner Kaito Toba mit 248,1 km/h.

REKORD-KALENDER
Für die Fans vor den Fernsehbildschirmen war 2019 ebenfalls eine Rekord-Saison: Zum ersten Mal in der Geschichte konnten sie 19 Mal die volle Renn-Action von der Wohnzimmercouch aus verfolgen. 19 Rennen waren zwar bereits im Vorjahr geplant, doch damals fiel der Grand Prix von Großbritannien aufgrund der miserablen Asphaltqualität von Silverstone bei typisch britischem Wetter ins Wasser. Die neue Bestmarke soll allerdings nicht lange halten, denn die MotoGP verfolgt in den kommenden Jahren eine exzessive Expansionspolitik. 2020 kommt der brandneue KymiRing in Finnland neu hinzu, 2021 soll es zusätzlich nach Indonesien gehen und 2022 klopfen Portugal (mit dem bestehenden Algarve Circuit) sowie Brasilien und Ungarn mit noch zu errichtenden Strecken lautstark mit Vorverträgen in der Hand bei der Dorna an. In drei Jahren soll der MotoGP-Rennkalender 22 Events umfassen, wie Carmelo Ezpeleta unlängst bekanntgab. Dieser Umstand soll zur Einführung eines Rotationsprinzips der dann fünf iberischen Strecken führen. Dass aktuelle Events komplett aus dem Programm fliegen, ist freilich nicht ausgeschlossen. Brünn gilt schon lange als Wackelkandidat, der Sachsenring ist mit dem laufenden Vertrag nur bis 2021 abgesichert. Dem neuen Monster-Kalender zollen die Terminplaner der Dorna schon in der kommenden Saison Tribut: Die traditionellen Testfahrten nach dem Saisonfinale in Valencia fallen künftig weg. Ab 2021 erwischt es im Februar auch den Wintertest in Katar, was die Tür für einen früheren Saisonstart öffnet. 2020 beginnt die neue MotoGP-Saison am 8. März und somit so früh wie seit den Sechzigerjahren nicht mehr. Sehen wir also bald ein Auftaktrennen im Februar? In der ebenfalls von der Dorna geführten Superbike-WM ist das schon seit vielen Jahren üblich. Sollte sich die MotoGP am dortigen Rennformat mit drei WM-Läufen pro Wochenende orientieren, sind neuen Rekord-Jahren kaum Grenzen gesetzt. Im Paddock sollte man dann aber über die Errichtung eines Burnout-Centers neben der Clinica mobile nachdenken.

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