MotoGP

MotoGP-Analyse Aragon: So schlimm steht es um Yamaha

Marc Marquez, Andrea Dovizioso, Suzuki - alle legen in Aragon deutlich zu. Yamaha bleibt im Entwicklungsrennen völlig auf der Strecke. MotoGP-Analyse.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Der Grand Prix von Aragon bescherte den MotoGP-Fans einen spannenden Vierkampf um den Sieg. Dieser war lange Zeit von Taktik geprägt, ehe es im letzten Renndrittel ordentlich zur Sache ging. Am Ende setzte sich Marc Marquez durch, der mit seinem Reifenpoker den längeren Atem hatte und den größeren Siegeswillen an den Tag legte. Yamaha schlitterte in ein weiteres Debakel. Das Rennen in der Analyse:

MotoGP Aragon: Das Yamaha-Desaster in der Analyse: (26:38 Min.)

Marc Marquez pokert

Erst in der Startaufstellung entschied sich Marc Marquez dazu, den weichen Hinterreifen aufzuziehen. Eine Strategie, die zwischen Warmup und Startaufstellung für hitzig Debatten an der Box von Repsol Honda gesorgt hatte. Denn alle anderen fünf Honda-Fahrer entschieden sich für die Kombination aus Hart vorne und Hart hinten.

Reifen-Kombinationen beim Aragon-GP:

Front - HeckFahrer
Soft - Hard Lorenzo
Medium - Soft Iannone, Espargaro, Zarco, Syahrin, Bautista
Medium - Hard Rossi, Simeon, Torres
Hard - Soft Marquez, Rins, Redding, Abraham
Hard - Hard Dovizioso, Pedrosa, Petrucci, Miller, Vinales, Lüthi, Morbidelli, Nakagami, Crutchlow, Smith

Das war die konservativste Wahl, die insgesamt zehn der 23 Starter trafen. Neben Honda entschieden sich auch die Ducati-Asse Dovizioso, Petrucci und Miller sowie Yamahas Maverick Vinales und KTM-Fahrer Bradley Smith für diese Variante.

Den harten Hinterreifen hatten auch Lorenzo (mit Soft vorne) sowie Rossi (mit Medium vorne) aufgezogen. Auf den weichen Hinterreifen hingegen setzten neben Marquez auch Andrea Iannone und Aleix Espargaro (jeweils mit Medium vorne) und Alex Rins, der wie der spätere Sieger die Hard-Soft-Variante einsetzte. Am Ende fanden sich auf dem Podest drei verschiedene Reifenkombinationen wieder.

Ein taktisches Rennen

Hohe Asphalttemperaturen von nur knapp unter 50 Grad Celsius machten den Fahrern am Sonntag in Aragon das Leben schwer. Zu einem Sololauf bei gleichzeitiger Möglichkeit, die Reifen zu verheizen, ließ sich deshalb keiner hinreißen. Stattdessen übernahmen Marc Marquez und Andrea Dovizioso an der Spitze die Kontrolle und dosierten dort zunächst die Pace.

Nach fünf Runden lagen daher die vordersten sieben Fahrer innerhalb von nur zwei Sekunden Abstand. In Runde zehn waren es immer noch fünf innerhalb dieses Korridors und in Runde 15 die ersten vier, die bis zur vorletzten Runde auf zwei Sekunden zusammen blieben. Marc Marquez holte seinen Sieg nicht nur durch sein Überholmanöver in der ersten Kurve in der drittletzten Runde, sondern auch deshalb, weil er am Ende noch Reserven hatte.

Wie die Tabelle zeigt, war Marquez der einzige Fahrer im Spitzenfeld, dessen vorletzte Runde schneller war als sein zweiter Umlauf im Rennen. Zwar verloren die Podestfahrer allesamt über die volle Renndistanz kaum an Rundenzeit. Gegen Ende zulegen konnte aber nur Marquez.

Vergleich 2. zu vorletzte Rennrunde

Fahrer2. RundeVorletzte Runde Differenz Schnellste Runde
Marc Marquez1:49,082 1:49,024 -0,058 1:48,478
Andrea Dovizioso 1:49,085 1:49,206 +0,121 1:48,385
Andrea Iannone 1:49,144 1:49,335 +0,191 1:48,775
Alex Rins 1:49,083 1:49,608 +0,525 1:49,014
Dani Pedrosa 1:49,444 1:49,638 +0,194 1:48,904
Aleix Espargaro 1:49,409 1:50,341 +0,932 1:49,083

Vier Runden vor Schluss fuhren noch die ersten sechs Fahrer Zeiten unter 1:50 Minuten, in der vorletzten Lap nur noch fünf und im letzten Umlauf lediglich die drei Fahrer, die es auf das Podest schafften. Marquez fuhr mit 1:49,002 Minuten in der Finalrunde sogar seine drittbeste Zeit des gesamten Rennens. Das machte den entscheidenden Unterschied.

Yamaha im Nirgendwo

Beim Blick auf die Ergebnisliste fällt sofort auf, dass an der Spitze Vielfalt herrschte: Drei verschiedene Marken auf dem Podest (Honda, Ducati & Suzuki), vier innerhalb der Top-6 (Podest plus Aprilia). Neben KTM, die nach der Verletzung von Pol Espargaro nur mit einem Motorrad antraten, suchte man aber Yamaha vergeblich an der Spitze.

Valentino Rossi versuchte mit Platz acht so halbwegs die Ehre des japanischen Fabrikats zu retten, doch in der Konstrukteurs-Wertung egalisierte man damit das schlechteste Ergebnis in den letzten zehn Jahren. Nur am Sachsenring 2016 und in Motegi 2017 schrieb Yamaha in diesem Zeitraum einen 8. Platz für die Hersteller-WM an.

Die verheerende Performance zeigt sich auch deutlich im Rundenzeit-Vergleich, bei dem wir diesmal die jeweils schnellste Runde eines jeden der sechs Hersteller herangezogen haben. Von der ersten fliegenden Runde bis zu Lap 12 war die schnellste Yamaha (je 1x Vinales, Zarco & Syahrin, sonst immer Rossi) stets langsamer als das jeweils schnellst Bike von Honda, Ducati, Suzuki und Aprilia.

Auch eine massive Steigerung der Rundenzeit blieb aus. Ducati konnte dank Dovizioso auf bis zu 1:48,385 kommen, Honda dank Marquez auf 1:48,478 und Suzuki dank Iannone auf 1:48,775. Das passierte zu Mitte des Rennens, als die Spitze das Tempo zum ersten Mal so richtig anzog. Die schnellste Rundenzeit einer Yamaha blieb hingegen Valentino Rossis 1:49,256 aus der fünften Runde. Zwar legte Vinales zwischen Runde 15 und 17 einen kurzen Zwischensprint ein, doch er verpasste Rossis Marke um eine Zehntelsekunde.

Yamaha teilweise langsamer als 2017

Sorgenfalten sollte Yamaha vor allem der Vergleich mit dem Vorjahr bereiten. Denn Aragon war 2018 in allen Belangen deutlich schneller als 2017 - obwohl die äußeren Bedingungen ähnlich waren: Im Vorjahr hatte der Asphalt am Renn-Sonntag 40 Grad, diesmal 45 Grad, die Lufttemperatur unterschied schon im Vergleich lediglich um drei Grad.

Dennoch konnten beinahe alle Hersteller in allen Statistikkategorien zulegen. Andrea Dovizioso war zum Beispiel im Qualifying um ganze 1,2 Sekunden und im Rennen um 17,6 Sekunden schneller als im Vorjahr. Auch Marc Marquez drückte die Siegerzeit um mehr als zehn Sekunden und legte auch im Qualifying um eine Sekunde nach.

Vergleich der Zeiten 2017 zu 2018

Fahrer Quali-Zeit Rennzeit
Marc Marquez -1,003 -10,867
Andrea Dovizioso -1,242 -17,674
Andrea Iannone -1,120 -30,240
Alex Rins -1,496 -40,103
Dani Pedrosa -0,883 -6,472
Aleix Espargaro +0,022 -8,433
Bradley Smith -1,362 -18,342
Valentino Rossi +0,812 -1,550
Maverick Vinales +0,175 +6,334
Johann Zarco -0,350 +8,476

Bei Suzuki waren die Gewinne noch größer: Alex Rins steigerte seine Quali-Zeit um fast eineinhalb Sekunden und seine Rennzeit um 40 Sekunden. Andrea Iannone war am Samstag um 1,1 Sekunden schneller und am Sonntag um 30 Sekunden. Auch der Fortschritt von KTM ist klar belegbar: Bradley Smith legte im Qualifying um 1,3 Sekunden zu und war im Rennen um 18 Sekunden schneller - das macht beinahe acht Zehntel Zeitgewinn pro Rennrunde. Selbst Aprilia steigerte sich, sodass Aleix Espargaro als Sechster 2018 um acht Sekunden schneller war als bei seinem sechsten Platz 2017.

Yamaha hat hingegen kaum zugelegt und teilweise sogar Rückschritte gemacht: Valentino Rossi war im Qualifying um satte acht Zehntelsekunden langsamer und konnte seine Rennzeit im Vergleich zu 2017 nur um eineinhalb Sekunden drücken. Maverick Vinales hingegen war im Rennen sogar um sechs Sekunden langsamer als im Jahr davor - Johann Zarco um volle acht Sekunden.

Die MotoGP wurde dank der erhöhten Hersteller-Zahl von einer rasanten Entwicklungswelle erfasst. Wer in diesem Strudel stehen bleibt oder nicht ausreichend zulegt, der geht unter. Genau das sehen alle Motorrad-Fans aktuell bei Yamaha.


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