MotoGP

Riding Coaches: MotoGP-Stars auf der Schulbank

Immer mehr Fahrer ziehen Riding Coaches zu Rate. Selbst Rossi ist mit einem bekannten Trainer unterwegs. Darum ist Coaching inzwischen so wichtig:
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die Lacher hatte die Rossi-Fraktion beim Saisonstart in Katar wieder einmal auf ihrer Seite: Als Luca Cadalora bei der Auftakt-Pressekonferenz mit einer Baseballkappe mit der dicken Aufschrift COACH den Raum betrat, konnte sich keiner der anwesenden Journalisten und Offiziellen ein Schmunzeln verkneifen. Eine schwarze Kopfbedeckung, perfekt gebrandet mit Monster-Sponsorenlogo auf der einen und gelber 46 auf der anderen Seite. Geplant von langer Hand und letztlich doch ein Überraschungsangriff auf die Lachmuskeln der anwesenden MotoGP-Community. Ganz im Stile Valentino Rossis. Aber was hatte es mit der Kappe auf sich? Woher die Situationskomik? Und warum tritt Cadalora plötzlich als Coach auf?

So wurde Cadalora Rossis Riding Coach

Rückblende: Februar 2016, Phillip Island. Der 34-fache GP-Sieger Luca Cadalora sitzt in der Yamaha-Box und beratschlagt sich mit Valentino Rossi und dessen Crewchief Silvano Galbusera. Es wird getüftelt, es wird gestikuliert und letztlich ergeht die Order an die Yamaha-Mechaniker diese und jene Einstellungsänderung vorzunehmen. Wenige Tage später trifft Rossi eine wichtige Entscheidung für die Saison 2016: Cadalora soll ihn das gesamte Jahr begleiten und sich seiner Entourage als Riding Coach anschließen.

Das Gefühl füreinander und die Stimmung haben von Anfang an gepasst. Daher hat mich Vale gebeten, ihm die gesamte Saison zu allen MotoGP-Events zu folgen.
Luca Cadalora

"Wir haben beim Test auf Phillip Island und jenem in Katar gut zusammengearbeitet. Das Gefühl füreinander und die Stimmung haben von Anfang an gepasst. Daher hat mich Vale gebeten, ihm die gesamte Saison zu allen MotoGP-Events zu folgen", erklärt Cadalora im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. Es war Rossi selbst, der den 53-jährigen Italiener als neuen Betreuer auserwählt hatte. Nach dem ersten Test in Sepang hatte der Dottore gemerkt, dass die Saison 2016 kritisch werden könnte.

In Katar wurde Luca Cadalora als Rossis Riding Coach vorgestellt - Foto: Milagro

Neue Reifen von Michelin, die komplett anderes Fahrverhalten aufweisen als die Vorgängermodelle von Bridgestone. Der nicht mehr vorhandene Komfort einer millionenschweren hauseigenen Steuerungssoftware, stattdessen Einheitsmaterial von Magneti Marelli, das die japanischen Ingenieure erst zu bändigen erlernen müssen. Da wurde Rossi schnell klar: Ein erfahrener Berater muss her, um in diesem chaotischen Dschungel die richtigen Entscheidungen für die 18 Rennen der MotoGP-Saison treffen zu können.

So lud Rossi Cadalora zum Test auf Phillip Island ein und nahm ihn seither zu jedem seiner Einsätze mit. Cadalora selbst tritt stets in Yamaha-Uniform auf und gehört gemeinsam mit Crewchief Galbusera und Rossi-Intimus Alessio Salucci (besser bekannt als "Uccio") mittlerweile zum innersten Kreis des gelb-blauen Rossi-Hofstaats. In Katar wich Cadalora seinem Schützling kaum eine Sekunde von der Seite. Gemeinsame Rollerfahrten durch das Fahrerlager und Solo-Audienzen im Umkleide-Container inklusive.

Riding Coach: Das braucht man für diesen Job

Aber was genau ist die Aufgabe eines Riding Coaches? Immerhin hat kein Fahrer in der Geschichte mehr Rennen bestritten als Rossi selbst und nur ein einziger Fahrer konnte mehr GP-Siege einfahren. Wie man ein Motorrad zu fahren hat, weiß der 37-jährige Italiener wohl besser als jeder andere Mensch auf dem Planeten. Was genau kann Coach Cadalora seinem Schützling also beibringen? "Er ist Rossis zusätzliches Paar Augen an der Rennstrecke, der den Rennsport versteht und Dinge ohne die Emotionen eines Fahrers richtig einordnen kann. Oft fühlen Fahrer Druck, wenn sie nicht genau wissen, warum sie nicht schnell sind. Hin und wieder glauben sie auch, sie wären der einzige Fahrer, bei dem dieses oder jenes Problem auftritt. In solchen Fällen muss man beruhigend auf sie einwirken, damit sie ihre Entscheidungen rational und nicht aus einer Emotion heraus treffen können", erklärt Randy Mamola im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

Randy Mamola ist sein Jahren als Riding Coach tätig - Foto: Milagro
Als Fahrer brauchst du jemanden an der Rennstrecke, der alle Abläufe richtig analysieren kann. Diese Hilfestellung kann im hektischen Alltag der Piloten einen großen Unterschied ausmachen.
Randy Mamola

Der 13-fache GP-Sieger und vierfache Vizeweltmeister ist selbst seit 20 Jahren als Riding Coach im MotoGP-Paddock unterwegs. Aktuell kümmert er sich etwa um Bradley Smith, Cal Crutchlow oder Moto3-Champion Danny Kent. Mamola weiß also, wie dieser Job funktioniert und was ein Pilot in der modernen MotoGP-Welt benötigt. "Als Fahrer brauchst du jemanden an der Rennstrecke, der alle Abläufe richtig analysieren kann. Diese Hilfestellung kann im hektischen Alltag der Piloten einen großen Unterschied ausmachen. Um diese Aufgabe richtig zu bewältigen, braucht man aber große Erfahrung. Viele Fahrer haben Assistenten in ihrem Umfeld, die oft nicht viel mehr machen als Helm und Lederkombi durch das Fahrerlager zu tragen, weil sie selbst nie Rennfahrer waren."

Die nötige Erfahrung bringen sowohl Coach Mamola als auch Coach Cadalora mit. Letzterer verbrachte zwischen 1984 und 2000 insgesamt 17 Jahre in der Motorrad-WM, fuhr seine letzten beiden Rennen sogar noch direkt gegen seinen nunmehrigen Schützling Rossi. 34 Siege in drei Klassen, drei WM-Titel in Achtel- und Viertelliter-Kategorie, 500cc-Siege sowohl auf Yamaha als auch auf Honda und am Ende noch Experimente mit MZ und Proton. Cadalora kann auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen, von dem in der hektischen MotoGP-Saison 2016 auch Rossi profitieren soll.

Riding Coaches bringen den Crews wertvollen Input

Riding Coaches haben diese Freiheiten, auch einmal alles hautnah an der Service Road, nur wenige Meter von der Rennstrecke entfernt, genau unter die Lupe zu nehmen.
Randy Mamola

"Valentino hatte hier noch nie jemanden. Viele Leute haben sich bei ihm um verschiedene Dinge gekümmert - etwa Uccio oder lange auch Davide Brivio - aber nie war ein Rennfahrer darunter", erklärt Mamola. Die neue Hilfestellung durch das zusätzliche Paar Augen eröffne ganz neue Möglichkeiten und vor allem neue Perspektiven für den Fahrer selbst. "Als Riding Coach hörst du dir die Nachbesprechungen mit der Crew an oder nimmst dir spezielle Ingenieure zur Seite um Detailfragen zu erörtern. Du siehst dir die Bikes an der Strecke an, denn nur so kannst du etwa vergleichen ob sich eine Honda in Kurve X anders verhält als eine Yamaha. Diese Möglichkeiten haben weder Fahrer, noch Teamchefs, weil sie während der Sessions an der Box bzw. auf dem Motorrad sein müssen. Riding Coaches haben aber diese Freiheiten, auch einmal alles hautnah an der Service Road, nur wenige Meter von der Rennstrecke entfernt, genau unter die Lupe zu nehmen."

Experten-Input von außen kann für Teams und Fahrer Gold wert sein - Foto: Tobias Linke
Bestimmte Dinge kann man aber nur wissen, wenn man tatsächlich wenige Meter entfernt steht, wenn die Motorräder an dir vorbei brausen. Details sieht man auch nur, wenn man selbst Rennfahrer war und Strecken und Fahrverhalten kennt.
Randy Mamola

Eine Möglichkeit, von der Mamola an den Rennwochenenden beinahe jeden Tag Gebrauch macht. Motorsport-Magazin.com traf den US-Amerikaner im vergangenen Jahr mehrfach auf der Service Road, als er in Schlüsselpassagen hochkonzentriert Linien und Fahrverhalten der Motorräder studierte. Eine Pflichtaufgabe für Coaches, wie er meint: "Wenn sich Bradley (Smith) bei mir über irgendetwas an seiner Yamaha beschwert, kann ich ihm sagen, ob Valentino und Jorge auf der Strecke genau die gleichen Probleme haben. Oft sieht zum Beispiel Vales M1 viel unruhiger aus als jene von Bradley. Das kann man aber nur wissen, wenn man tatsächlich wenige Meter entfernt steht, wenn die Motorräder an dir vorbei brausen. Details sieht man auch nur, wenn man selbst Rennfahrer war und Strecken und Fahrverhalten kennt."

Aber auch an der Box wartet nach Ende der Trainings oder in der Vorbereitung auf die Rennen jede Menge Arbeit auf einen Riding Coach. So sah man in den ersten Rennen auch Cadalora beim Studieren des Reifenabriebs oder im Gespräch mit Technikern von Michelin, Magneti Marelli oder Yamaha selbst. "Man sagt seinem Piloten, was einem aufgefallen ist. Vor allem die Arbeit mit der Elektronik ist eine heikle Sache, denn da können die Fahrer nicht nach ihrem Gefühl entscheiden. Die Finger am Keyboard spüren ja nur Plastik. Ein Fahrer kann sich die Daten zwar ansehen, welche Auswirkungen welche Änderungen auf sein Motorrad haben, muss man ihnen aber oft erst erklären. Unser Job umfasst also auch, die Interessen des Fahrers gegenüber seinen Ingenieuren zu artikulieren und zu vertreten. Ich gebe da auch immer meine persönliche Meinung ab, worauf die Ingenieure schauen sollen."

Die Herausforderungen werden mehr, die Bedeutung größer

Das ist 2016 wichtiger denn je. Neue Elektronik, neue Reifen, Chassis mit oder ohne Winglet-Konstruktion? Die Herausforderungen sind mannigfaltig. Da kann man auch als erfahrener Pilot schnell mit seinen eigenen Entscheidungen hadern und unsicher werden. Die ersten Rennen zeigten deutlich, dass der Aufstieg from Zero to Hero ebenso schnell von statten gehen kann wie umgekehrt der Fall nach unten. Ein Setup, das auf Strecke A perfekt funktioniert, kann beim nächsten Event schon wieder völlig unbrauchbar sein und zu Stürzen am Fließband führen. Und ständig schwebt das schwarze französische Fragezeichen von Michelin über all den Köpfen.

Bei Ducati griff man 2016 ab und zu auf die Expertise von Casey Stoner zurück - Foto: Ducati

Noch nie in der Geschichte der Motorrad-WM mussten sich die Fahrer in so kurzer Zeit an so viele neue Faktoren in ihrem Sport gewöhnen. Die Sturz-Statistik speziell vom Saisonbeginn zeigt, wie schwierig diese Anpassung vielen fällt. Lorenzo, Iannone, Rossi, Pedrosa, Vinales - vom erweiterten Kreis der Titelanwärter hielt sich in den ersten drei Grands Prix der Saison einzig und allein Marc Marquez schadlos und somit ohne einen Sturz in einem Rennen. "Manche bekommen es schneller hin, andere brauchen länger. Wenn du eine Chance haben willst, musst du dich rasch anpassen. Natürlich ist das schwierig, wenn sich - wie eben 2016 - so viele Parameter auf einmal verändern. Das dürfte einzigartig in der Geschichte der Motorrad-WM sein", analysiert Mamola.

So ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Fahrer in die Obhut eines Riding Coaches begeben. Marc Marquez steht seit jeher Emilio Alzamora, aus dessen Monlau-Rennschule MM93 stammt, in umfangreicher Manager-Position bei. An der Box von Ducati sah man 2016 schon mehrfach Casey Stoner in Gespräche mit Andrea Dovizioso und Andrea Iannone vertieft. Guter Rat ist in diesem Jahr teuer, sodass selbst Weltmeister Jorge Lorenzo unmittelbar vor Saisonstart mit der Überlegung aufhorchen ließ, seinen Freund Max Biaggi als Coach zu verpflichten.

Jenen Altmeister, der Lorenzo schon nach seinem Ausfall im Regenrennen von Misano im Vorjahr in einer Pizzeria bis in die späten Nachtstunden betreute und für das Finish im letztlich erfolgreichen Titelkampf wieder aufbaute. Es wäre eine Entscheidung mit besonderer Brisanz gewesen, da Rossi und Biaggi seit jeher als Erzfeinde gelten und Biaggi von der gelben Fraktion Yamahas wohl nur schwer als Dauergast in der Box akzeptiert worden wäre. Lorenzos Überlegungen führten aber nie zu einem konkreten Ergebnis, sodass sich Biaggi ein eigenes Coach-Käppchen vorerst noch ersparte. So blieb das Duo Rossi/Cadalora das einzige Doppelgespann an der Yamaha-Box.

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