MotoGP

Ein Yamaha-Drama in drei Akten - Yamaha-Debakel: Genervt, verzockt, gestürzt

Der Titelkampf zwischen Valentino Rossi und Jorge Lorenzo bekam weiteren Zündstoff. So lähmte sich Yamaha in Misano selbst:
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Valentino Rossi vs. Jorge Lorenzo - das wird ein Kracher. Nicht nur Motorsport-Magazin.com-Kolumnist Edgar Mielke war sich dessen sicher, als die beiden Yamaha-Asse nach dem Grand Prix von Tschechien punktgleich in die letzten sieben Rennen des Jahres einbogen. Zwei dieser Rennen sind bereits geschlagen und die Vorfreude auf ein atemberaubendes Titelduell war mehr als berechtigt.

In Misano führte sowohl Lorenzo als auch Rossi das Rennen an. Am Ende landete Lorenzo im Kies und Rossi zum ersten Mal seit zum ersten Mal seit fast einem Jahr nicht mehr auf dem Podest. Yamaha lief damit in ein Debakel und holte mit nur elf Punkten die wenigsten in einem Rennen seit der Wiedervereinigung des weltmeisterlichen Dreamteams vor rund zweieinhalb Jahren.

Wir rekonstruieren, wie es zu dem Drama kommen konnte, das sich Yamaha in dieser Form nicht mehr allzu oft leisten sollte, wenn man Marc Marquez nicht schon 2015 zum Dreifachweltmeister machen will.

Akt 1: Psychospiele im Qualifying

Rossi stichelte verbal ein wenig gegen Lorenzo - Foto: Tobias Linke

Lorenzo war in den Trainings der klar stärkere der beiden Yamaha-Fahrer. Mehrfach knackte er Streckenrekorde und ging daher als klarer Favorit im Titelduell in das Qualifying. Dort packte Rossi allerdings eines seiner berühmten Spielchen aus. Im zweiten Stint blockierte er den hinter ihm fahrenden Lorenzo aus der Ideallinie, weshalb es nach Ende der Session im Parc ferme ein kleines Wortgefecht zwischen den Streithähnen gab.

"Ich habe Jorge auf der Videowall gesehen und bin bewusst auf der Ideallinie geblieben, um ihn zu blockieren", sagte Rossi in Pressekonferenz nach dem Qualifying mit einem Zwinkern, dass diese Aussage freilich nicht ganz ernst gemeint sei. Dass die Rennleitung Rossi einen Strafpunkt für die Aktion verpasste, zeigt aber, dass es sich keineswegs um ein Kavaliersdelikt handelte. Und wer Rossis Taktik der kleinen Nadelstiche kennt, wusste zu diesem Zeitpunkt, dass es am Sonntag Krieg geben würde. Wilco Zeelenbergs Worte blieben also ungehört. Der Riders Performance Analyst von Yamaha hatte gegenüber Motorsport-Magazin.com unlängst gemeint: "Wir wollen Kämpfe auf der Strecke sehen, aber Psychospiele in der Box, um sich gegenseitig auf den Sack zu gehen, werden wir sicher nicht erlauben."

Akt 2: Verzockter Reifenpoker

Rossi zögerte den Boxenstopp lange hinaus und opferte dafür den Sieg - Foto: Tobias Linke

In der Endphase der Saison zählt für beide Piloten nur noch der Titelkampf und damit in erster Linie der direkte Vergleich mit dem jeweiligen Gegenüber in der Yamaha-Box. Dieser Prämisse ordneten Rossi und Lorenzo am Sonntag in Misano sogar den Sieg unter. Unter wechselnden Bedingungen blieben beide Fahrer viel zu lange auf auftrocknender Strecke mit den Regenreifen draußen. Keiner wollte der Erste sein, der vielleicht bei wieder einsetzendem Schauer im Nachteil sein könnte.

Erst als Loris Baz (er fährt auf einer Vorjahres-Yamaha nach Open-Reglement) um über sieben Sekunden und Marquez fast zehn Sekunden pro Runde schneller war, wurde es Lorenzo in Runde 20 zu bunt und er kam an die Box. Prompt folgte Rossi eine Runde später. Aus einem soliden Vorsprung von 40 Sekunden (gerechnet auf Baz vor dessen zweiten Stopp) wurde so binnen acht Runden ein Rückstand auf den Franzosen. "Wenn man den Titel nicht immer im Hinterkopf haben muss, ist so etwas viel einfacher. Smith wäre beispielsweise nicht Zweiter, sondern vielleicht 20. geworden, wenn es weiter geregnet hätte. So etwas kann ich nicht riskieren", sagte Rossi nach dem Rennen.

Akt 3: Lorenzos Sturz

Für Jorge Lorenzo endete Misano im Tal der Tränen - Foto: Tobias Linke

Das ganz dicke Ende kam aber für Lorenzo. Vor Rossi gewechselt, konnte er diesen durch seinen Stopp virtuell überholen. Real lag er nur ganz kurz vor seinem Titelrivalen, denn in der ersten fliegenden Runde landete er mit einem heftigen Abflug im Kies. Dabei hatte er - im Hinblick auf Rossi - einen von der Teamführung schon einige Runden vorher angezeigten Boxenstopp lange hinausgezögert.

"Ich habe abgewartet und wollte sehen, was Valentino macht. Wenn wir zur gleichen Zeit an die Box gekommen wären, hätte ich die Chance gehabt, dass ich auf Slicks schneller bin", rechtfertigte sich Lorenzo. Sein Sturz auf Slicks, während Rossi gerade erst aus der Boxengasse fuhr, war Ironie des Schicksals. Lorenzo bekam die Reifen nicht auf Temperatur, pushte etwas zu hart und flog ab. "Platz zwei oder drei wäre sich noch ausgegangen", trauerte Lorenzo der verpassten Chance nach.


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