Dan Ticktum gilt als einer der streitbarsten Charaktere im heutigen Motorsport. Jetzt hat sich der Formel-E-Fahrer, dessen Karriere von Eklats und Erfolgen gleichsam durchzogen ist, eine weitere Entgleisung geleistet, die einem Profi-Rennfahrer eigentlich nicht unterlaufen sollte.
In einem Kommentator unter dem Instagram-Posting des Mediums 'Autosport' ging Ticktum mit deutlichen Worten auf seine zahlreichen Kritiker los. Der Kommentar wurde nach kurzer Zeit aus unbekannten Gründen gelöscht, Ticktum hat ihn jedoch noch einmal in seiner eigenen Instagram-Story geteilt mit den zusätzlichen Worten: "Es war so unterhaltsam, das zu schreiben, und den Verfall der modernen Gesellschaft in dieser Kommentarspalte zu erleben."
"Die fahren wie trotzig-pubertierende Kinder, das ist lächerlich"
Worum geht es? Autosport hatte nach Ticktums vorzeitigem Ausfall beim Mexiko-City ePrix einen Funkspruch des Briten an sein Team zitiert: "Einfach nur ein Haufen Arschlöcher, Alter. Die fahren wie trotzig-pubertierende Kinder, das ist lächerlich. Und dann verteilt der Rennleiter an niemanden Strafen. Ich hab's satt. Das ist keine Kategorie, in der Talent zählt." Diesen Zitat-Post hat Autosport inzwischen komplett gelöscht.
Ticktum las einige, zum Teil beleidigende, Fan-Kommentare unter dem Eintrag und fühlte sich berufen, in seiner Weise Stellung zu beziehen; auch, weil er meinte, dass das Funkspruch-Zitat aus dem Kontext gerissen worden sei. Faktisch hatte er genau diese Worte nach seinem unverschuldeten Ausfall - der zweite im zweiten Saisonrennen - aber abgesetzt. Später forderte er obendrein, dass der verantwortliche Autosport-Mitarbeiter wegen des gelöschten Kommentars gefeuert werden sollte.

Dabei ging es Ticktum unter anderem gehörig gegen den Strich, dass einige User seine einjährige Rennsperre von 2015, nachdem er einen Rivalen in der Britischen Formel 4 absichtlich während einer Safety-Car-Phase abgeräumt hatte, hervorkramten. In einem längeren, an seine 'Hater' gerichteten Kommentar schrieb Ticktum, der für das Porsche-Kundenteam Cupra-Kiro in der Elektro-Rennserie an den Start geht, Folgendes:
Dan Ticktum rechnet mit 'Hatern' und Medien ab
"So viele Leute hängen hier immer noch in der Vergangenheit fest - das ist irre. Ich war 15, als ich gesperrt wurde. Ich habe Scheiße gebaut, ich bereue es. Es war falsch. Das ist 11 Jahre her, das ist fast die Hälfte meines Lebens her. Ja, manchmal formuliere ich Dinge nicht perfekt. Dieses Zitat ist ein bisschen aus dem Kontext gerissen - wie sie alle -, extra so gemacht, damit ihr Hater alle kommentiert. Hat funktioniert. Das Hauptproblem aktuell ist der Mangel an Strafen, die vergeben werden, und ich bin der Einzige, der die Eier hat, das öffentlich anzugehen. Ich versuche, den Sport für Zuschauer und die Teilnehmer besser zu machen."
"Die meisten von euch schauen nicht mal Formel E oder fahren Rennen - ihr sitzt einfach in eurem kleinen Zimmer und wartet auf den nächsten leicht kontroversen Dan-Ticktum-Moment, damit ihr auf eurem 2010er-HP-Laptop den gespeicherten Button mit 'Weißt du noch, als Dan Ticktum absichtlich in jemanden reingefahren ist' drücken könnt. Die Fahrer in diesem Feld sind extrem talentiert; das Zitat bezog sich konkret auf die Rennen, und was ich meine, ist: Es wird zu viel Energie gespart, dadurch gibt es zu viel Strategie - und am Ende wird es zu sehr eine Frage von Glück statt von Talent. Nur damit das klar ist."
"Ich halte mich über längere Zeiträume aus Ärger raus und tue viele gute Dinge für andere Leute, aber ihr seid alle still, wenn das passiert. Wie auch immer: Schon wieder viel zu viel Energie für Loser verschwendet. Ich geh jetzt einfach meinen Ford GT fahren - genießt eure Tiefkühlhähnchen, die eure Mutter euch gerade gekocht hat."
Immer wieder Ärger um Ticktum
Derbe Worte also von Ticktum in der Öffentlichkeit, die auch der Formel E, der Rennleitung wie den Sportkommissaren, seinem Team, Sponsor Cupra und Motorenlieferant Porsche nicht entgangen sein werden...
Der 26-Jährige, der 2025 seinen vielumjubelten ersten Formel-E-Sieg in Jakarta feierte, ist seit Langem für seine oft ungebremste Wortwahl bekannt und eckt damit immer wieder an. Das sei seiner Ansicht nach einer der Gründe, warum er keinen Vertrag bei einem großen Autohersteller bekommt. Zwischenzeitlich hatte sich Ticktum medial sogar etwas gezügelt, doch jetzt verfiel er wieder in alte Muster. Die zwei vorzeitigen Ausfälle in Sao Paulo und am letzten Samstag in Mexiko, haben womöglich Spuren hinterlassen.
Es war bei Weitem nicht das erste Mal, dass Ticktum in seiner Karriere für Aufsehen sorgte. Auf der einen Seite stehen zahlreiche Erfolge in Nachwuchs-Formelserien wie zwei Siege beim Macau Grand Prix 2017 und 2018 - auf der anderen immer wieder Ärger.
Ticktums Vergangenheit: Rauswurf bei Red Bull und Williams
2015 verlor Ticktum für ein Jahr seine Lizenz, weil er in einem Rennen zur Britischen Formel-4-Meisterschaft einen Rivalen während einer Safety-Car-Phase vorsätzlich abgeschossen hatte. Die vom britischen Motorsportverband verhängte Sperre war ursprünglich sogar auf zwei Jahre angesetzt gewesen. Damit hatte Ticktum schon früh einen gewissen Ruf weg, den er nie mehr ganz loswerden sollte.
Kurz nach seiner Rückkehr in den Motorsport wurde er in das Förderprogramm von Red Bull aufgenommen. 2018 kämpfte er gegen Mick Schumacher um den Titel in der Formel-3-Europameisterschaft und machte einmal mehr mit schlechter Presse von sich reden. Ticktum hinterfragte den plötzlichen Performance-Anstieg von Schumacher und dessen Prema-Team und hinterließ den Eindruck, dass womöglich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. 2019 beendete Red Bull die Zusammenarbeit. Ticktum sei ein Charakter, der "manchmal den Mund aufmacht ohne vorher sein Gehirn zu benutzen", meinte der damalige Red-Bull-Teamchef Christian Horner.
Ende jenes Jahres kam Ticktum in der Nachwuchs-Akademie von Williams als Entwicklungsfahrer unter, doch auch diese Zusammenarbeit endete abrupt im August 2021. Über die Gründe wurden nie offizielle Angaben gemacht. Kurz vor Rauswurf hatte sich Ticktum in einem Live-Stream auf der Plattform Twitch abfällig über den damaligen Stammfahrer Nicholas Latifi geäußert. Ticktum wechselte nach zwei Jahren in der FIA Formel 2 (2021-22) in die Formel E und geht seitdem für das kleine Team NIO/ERT/Cupra-Kiro an den Start.



diese Formel E Nachricht