Verkehrte Welt im Formelsport: Während sich die Formel 1 angesichts ihrer kontroversen neuen Regeln für 2026 mit rund 50 Prozent Elektroanteil bei der Power Unit mit einer unzufriedenen Fahrerschaft herumschlagen muss, kann die einzige reine Elektroweltmeisterschaft Formel E angesichts ihrer technischen Zukunft aktuell vor Kraft kaum laufen.

Die in den vergangenen Jahren vor allem durch die Pandemie, aber teilweise auch durch Probleme mit Einheitsbauteilherstellern leidgeplagte Elektro-WM hat große Pläne für ihren vierten Regelzyklus, der in der Saison 2026/27 beginnen soll. Ein echter Heckflügel zum ersten Mal seit 2018, der schleichende Übergang zu Slicks, eine um rund 70 Prozent gesteigerte Leistung auf etwa 816 PS: Die Daten lesen sich beeindruckend.

Porsche-Teamchef Modlinger: Schritt zur Gen4 der größte bislang

“Das Gen4-Auto wird fast genauso schnell sein wie ein Formel-1-Auto, wenn nicht sogar schneller in bestimmten Bedingungen“, kündigte Formel-E-Technikdirektor Dan Cherowbrier am Rande des Rennwochenendes in Berlin sogar in einer Medienrunde an, an der auch Motorsport-Magazin.com teilnahm. „Es wird der größte Schritt sein, den wir in der Formel E bislang gesehen haben.“

Das ist durchaus eine Ansage. In der Gen1-Ära waren die Batterien noch nicht einmal in der Lage, eine volle Renndistanz zu absolvieren. Die Piloten mussten während dem Rennen an die Box kommen und in ein zweites Fahrzeug umsteigen. Dieses Problem wurde für die Gen2 beseitigt, im Gen3-Zyklus kam nach einer coronageplagten Entwicklung mit etwas Verspätung schließlich ein Allradantrieb in bestimmten Phasen des Rennens und im Qualifying hinzu.

Formel E in Monaco
In diesem Jahr bekam das Formel-E-Auto einen Allradantrieb verpasst , Foto: IMAGO/MAXPPP

Auch Porsche-Teamchef Florian Modlinger zeigte sich gegenüber Motorsport-Magazin.com in Berlin überaus positiv gestimmt und stimmte in Cherowbriers Optimismus mit ein. „Gen4 wird noch einmal ein deutlicher Schritt für mich, wenn ich mir die technischen Daten und das Konzept anschaue. Das wird größer als von Gen1 über die Gen2 bis zur Gen3, da kommt ein richtiger Schritt.“

Formel-E-CEO: Neues Auto wird Leute umhauen

Problematisch blieb für die Formel E aber immer, dass die Boliden nie über eine ausgereifte Aerodynamik verfügten, was sich in den Rundenzeiten widerspiegelte. Auch diesem Problem soll unter anderem durch den Heckflügel Einhalt geboten werden. „Das Gen4-Auto hat richtige Aerodynamik, sodass es die zusätzliche Leistung auch tatsächlich nutzen kann“, so Cherowbrier.

Auch Formel-E-CEO Jeff Dodds zeigte sich im exklusiven Interview mit Motorsport-Magazin.com euphorisch. „Es ist ein größeres Auto, es hat ganz andere aerodynamische Fähigkeiten und ein ganz anderes Abtriebslevel“, so der Brite. „Es ist einfach ein komplett anderes Biest. Wenn die Leute es sehen werden, wird es sie umhauen.“ Dodds zufolge soll dabei auch der Allradantrieb noch bedeutsamer werden.

Bridgestone-Reifen 2027: Zwischen Slicks und Intermediates

Eine wichtige Rolle bei der gesteigerten Performance sollen auch die Reifen des für die Gen4-Ära neuen Herstellers Bridgestone spielen. Die Marschroute ist klar: Der Weg soll nach jahrelanger Ablehnung durch die Formel-E-Oberen aus Nachhaltigkeitsgründen in Richtung Slicks führen. Aktuell ist die Formel E noch immer auf Allwetterreifen unterwegs, wenngleich diese 2025 mit etwas mehr Grip ausgestattet wurden.

Für den Start der Gen4-Ära wird es zwar noch keine Slicks geben, mit einer Hybridvariante werden die Boliden aber auch dann schon über deutlich mehr Grip verfügen. Der Reifen soll zwar immer noch im leicht nassen fahrbar sein und im Vergleich mit der Formel 1 in etwa zwischen Slicks und Intermediates liegen. Das verriet Modlinger. Ein Novum ist, dass zusätzlich auch noch ein Full-Wet-Reifen für besonders nasse Bedingungen zur Verfügung stehen wird.

Höhere Geschwindigkeiten: Strecke in London vor dem Aus

Einen Nachteil hat das schnellere Auto jedoch: Für einige der aktuellen Strecken im Rennkalender könnte der Gen4-Bolide schlichtweg aus Sicherheitsaspekten zu schnell werden. „Die FIA wird sich das genau anschauen mit den Streckenzertifizierungen sehen, was für die Gen4 geht und was nicht“, meint Modlinger. „Aber man sieht es schon an Strecken, die in Gen1 und Gen2 noch möglich waren. Da fahren wir mit dem Gen3 auch jetzt schon nicht mehr, wenn ich zum Beispiel an Paris denke.“

Zwischen 2016 und 2019 fuhr die Formel E in Paris, Foto: Motorsport-Magazin.com
Zwischen 2016 und 2019 fuhr die Formel E in Paris, Foto: Motorsport-Magazin.com

Zwar dürften die beliebten Strecken in Berlin und Tokio nicht zur Debatte stehen, da hier durchaus Flexibilität bezüglich des Streckenlayouts besteht, bei anderen Austragungsorten ist das jedoch anders. „In London haben wir etwa dadurch, dass wir von innen nach draußen fahren einen sehr schmalen Ausgang“, so Dodds.

Neues Formel-E-Auto: Vorstellung im April 2026

In London fährt die Formel E noch im Kongresszentrum Excel, wobei die Strecke teilweise durch das Zentrum fährt. „Dort Autos mit Allradantrieb und 600 Kilowattstunden Leistung zu haben, wird nicht funktionieren. Und wir haben nicht wirklich die Möglichkeit, die Strecke in dieser Weise zu verändern.“ Dieser Aspekt könnte jedoch auch Positives für die Zukunft bringen, glaubt Dodds: „Die Gelegenheit mit der Gen4 ist, dass wir in Zukunft vielleicht auf Strecken fahren können, die sich vorher zu groß oder zu weitläufig für diese Autos angefühlt haben.“

Auch bezüglich eines Zeitplans für die Gen4 zeigte sich Dodds in Berlin ganz offen. Demnach sollen die Teams ab September 2025 ihre Einheitsautos erhalten, anschließend beginnen die Hersteller zu testen. Im April 2026 soll das Auto schließlich der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Sein Debüt wird der neue Bolide zum Start der Saison 13 geben, der entweder im Dezember 2026 oder Januar 2027 stattfinden soll. Aktuell wird das Auto noch von der Formel E selbst getestet. So fanden in den vergangenen Wochen etwa Testfahrten auf den spanischen Strecken Calafat und Jarama statt. Auf letzterer wird die Formel E im nächsten Jahr mit dem ersten Madrid ePrix auch ihr Renndebüt geben. Die Formel-1-Strecke um das Hardrock-Stadium in Miami wird ebenso ihr Formel-E-Debüt geben, nachdem dieses Jahr auf der permanenten Rennstrecke in Miami-Homestead gefahren wurde.