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Formel E / Interview

Formel E kein Motorsport? Maro Engel: Kompletter Schwachsinn!

Kein echter Motorsport, die Autos zu lahm, kein Sound und komische Strecken? Mercedes-Pilot Maro Engel wehrt sich gegen Vorurteile gegenüber der Formel E.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Maro, gerade in Deutschland tut sich die Formel E noch schwer in Sachen Akzeptanz. Kommt die Serie bei Fans aus anderen Ländern besser an?
Maro Engel: Ich denke, dass es in Deutschland eine echte Fan-Base für die Formel E gibt. So nehme ich es wahr, auch in den sozialen Medien. In meiner subjektiven Wahrnehmung denke ich aber, dass die Formel E in anderen Ländern für größere Begeisterung sorgt als in Deutschland. Vor allem im englischsprachigen Raum. Viele Leute brauchen wohl einfach noch etwas Zeit, um sich richtig damit auseinanderzusetzen. Aber weltweit hat die Formel E schon eine richtig große Community. Ich bin sicher, dass das Interesse mit dem Einstieg weiterer Hersteller steigen wird. Das Fahrerfeld und die Teams sind jetzt schon unglaublich hochwertig und ich hoffe, dass der Formel E auch in Deutschland mehr Interesse zukommt.

Es heißt, dass die Formel E kein echter Motorsport sei. Deine Antwort darauf?
Maro Engel: Es herrscht dieses falsche Vorurteil nach dem Motto: 'Die fahren nicht mit Vollgas Rennen'. Das ist kompletter Schwachsinn. Wir fahren absolut am Limit und alles, was geht. Die Autos sind alles andere als einfach zu fahren, die Stadtkurse aufregend. Ich finde, dass die Action in den Rennen meist hoch ist. Es gibt viele Überholmanöver. Besonders, wenn man miteinbezieht, dass wir auf Stadtkursen fahren.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Autos seien zu langsam...
Maro Engel: Es heißt ja oft, die Formel E sei nicht schnell. Ich denke, dass Marrakesch ein guter Vergleich ist. Letztes Jahr waren wir da im Qualifying und auch im Rennen bei den Rundenzeiten schneller als die WTCC, die auf der gleichen Strecke fährt. Ich denke, dass wir auf Stadtkursen ungefähr auf dem Level eines GT3-Autos sind. Natürlich ist das Formel-E-Auto nicht darauf ausgelegt, etwa in Monza ewig lange Geraden zu fahren, sondern stattdessen für Stadtkurse. Aber dann zu sagen, dass die Formel-E-Autos langsam seien, trifft definitiv nicht zu.

Das ewige Thema: der Sound fehlt in der Formel E. Wie siehst du das als Fahrer, der schon so ziemlich jedes Rennauto bewegt hat?
Maro Engel: Natürlich hat die Formel E nicht die Soundkulisse zu bieten wie etwa die DTM. Aber im Gegenzug fahren wir in den größten Städten der Welt, mitten in der Innenstadt. Mit einem traditionellen Verbrennungsmotor wäre das nicht überall möglich. Wer nur wegen des Sounds zum Motorsport geht, kommt vielleicht nicht auf seine Kosten. Wobei man auch da sagen muss, dass die Formel E einen ganz spezifischen Sound hat. Man hört die Drehzahlen der Motoren und auch die unterschiedlichen Autos heraus. Es ist eben ein futuristischer Sound, der nichts mit dem traditionellen Motoren-Brüllen zu tun hat. Das ist jedem selbst überlassen.

Es gibt Vorurteile, dass das Formel-E-Auto für Rennfahrer keine echte Herausforderung sei. Wie ist es wirklich?
Maro Engel: Viele der Vorurteile sind aus meiner Sicht falsch. Die Formel E ist sehr komplex und alles andere als einfach. Dementsprechend sieht man hier und da auch Fehler. Ein kleiner Fahrfehler in einer Kurve kostet nicht nur Zeit, der kostet auch Energie. Man zahlt also eine doppelte Strafe, wenn man ein Mal quersteht. Das ist wahnsinnig anspruchsvoll und macht deshalb auch fahrerisch sehr viel Spaß. Auch, dass man quasi nur eine schnelle Qualifying-Runde hat, auf der alles passen muss und dass es zwischen Qualifying und Rennen einen beträchtlichen Leistungsunterschied gibt. Nicht zuletzt die Rekuperation von Energie über die Bremse. Das alles macht das Fahren zu einer echten Herausforderung. Das ist eine hohe Form des Motorsports.

Die Formel E fährt ausschließlich auf Stadtkursen - eigentlich beliebt bei traditionellen Motorsport-Fans. Nur in der Formel E werden sie häufig kritisiert. Zu Recht?
Maro Engel: Unter den Fahrern sehen wir das alle als einen riesigen Pluspunkt der Formel E. Das ist die purste Form von Motorsport, wenn du auf einem Stadtkurs fährst ohne Auslaufzonen und du entweder auf der Strecke oder in der Wand bist. Diskussionen über Track Limits gibt es auch nicht. Und als Fahrer weißt du, dass es keinen Auslauf gibt, wenn du dich verbremst. Es kracht ja auch relativ häufig. Selbst ein Fehler im Training kann sehr viel kosten, wenn man sich Sebastien Buemis Crash beim Finale in Montreal anschaut. Die Stadtkurse sind für mich persönlich ein wichtiger Grund, warum es so viel Spaß macht, Formel E zu fahren.

Angeblich besitzt die Formel E unter Rennfahrern noch keinen hohen Stellenwert. Wie nimmst du das auf?
Maro Engel: Ich kenne einige Fahrerkollegen, die die Formel E am Anfang nicht so ganz ernst genommen haben. Jetzt ist es ganz anders, das Gegenteil ist der Fall. Da kommen teilweise genau diese Fahrer zu mir und fragen, ob ich einen Kontakt für sie herstellen kann. Unglaublich, wie die Serie sich entwickelt hat und wie viele Fahrer schauen, wie sie in der Formel E unterkommen könnten. Es ist zweifelsohne die Serie, die aktuell den größten Boom erlebt. In der Fahrerszene kenne ich kaum noch jemanden, der die Formel E belächelt. Sie wird mehr als ernst genommen. Und es ist auch fair zu sagen, dass das Potenzial noch lange nicht erschöpft ist. Es geht jetzt erst richtig los.


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