Formel 1 / Analyse

Strafen, Unfälle & Defekte - Singapur: 10 Fragen geklärt

Singapur hatte alles zu bieten: Strafen, Fehler, Unfälle und kuriose Defekte, die sich beheben ließen. Motorsport-Magazin.com beantwortet die wichtigsten Fragen
von Stephan Heublein

1. Warum wurde Vettel bestraft?

Mit Sebastian Vettels Einfahrt zum zweiten Boxenstopp in Singapur könnten seine letzten WM-Hoffnungen zerplatzt sein. Obwohl Vettel davon überzeugt ist, dass er nicht zu schnell in die Boxengasse fuhr, bekam er von der Rennleitung eine Durchfahrtsstrafe wegen überhöhter Geschwindigkeit in der Box aufgebrummt - statt Platz 2 gab es nur Platz 4.

Sein Team verstand die Strafe nicht, auch nicht nach der Betrachtung der eigenen Daten. "Wir waren bei der Rennleitung, da unsere Daten zeigen, dass das Auto nicht schneller als 100 km/h gefahren ist", verriet Christian Horner gegenüber Motorsport-Magazin.com. Die erwünschte Klarstellung gab es von der FIA nicht wirklich. "Unsere Daten sagen, dass wir unter dem Limit waren, ihre Daten sagen, dass wir darüber waren."

Wir waren bei der Rennleitung, da unsere Daten zeigen, dass das Auto nicht schneller als 100 km/h gefahren ist.
Christian Horner

Horner kann sich das nur durch eine schiefe Anfahrt erklären. "Das Problem ist, dass Sebastian die Boxeneinfahrt leicht geschnitten hat und so wie die Zeitmessung gelegt ist, fuhr er vielleicht einen engeren Winkel, was sie als höhere Geschwindigkeit interpretierten." Bis zum nächsten Rennen soll das genau analysiert werden, um einen solchen Fehler zukünftig zu vermeiden.

2. Warum ließ Webber Glock und Alonso vorbei?

Gleich nach dem Start überholte Mark Webber den Renault von Fernando Alonso. Dabei befanden sich beide Fahrer in Kurve 7 rechts neben der Strecke - so wurde Alonso von Timo Glock überholt. "Es war ein Rennzwischenfall, aber leider wurde ihm einige Runden später gesagt, dass er Alonso wieder vorbeilassen sollte", erklärt Horner. "Da war Timo Glock aber zwischen ihnen. Deshalb musste er beide vorbeilassen und verlor viel Zeit."

3. Warum fiel Webber aus?

Selbst ein KERS-Problem konnte Hamilton nicht stoppen. - Foto: Sutton

Wie viele andere Piloten - etwa Jaime Alguersuari und die beiden Brawn-Fahrer - hatte auch Mark Webber Bremsprobleme. Während Sebastian Vettel mit seinen Bremsen so gut haushalten konnte, dass sie bis ins Ziel hielten, klappte das bei Webber nicht. Sein Bremsverschleiß stieg vor seinem zweiten Boxenstopp rapide an. Das Team holte ihn deshalb zwei Runden früher herein, konnte aber keine Schäden feststellen.

"Aus diesem Grund hat der Chefingenieur das Auto weiterfahren lassen", sagt Horner. "Aber auf der Out-Lap ging der Verschleiß wieder nach oben. Weil Mark außerhalb der Punkte lag, haben wir entschieden, ihn aus dem Rennen zu nehmen. Leider brach genau in diesem Moment die Bremsscheibe." Webber flog ab, blieb aber unverletzt.

4. Was war das Problem an Hamiltons KERS?

Bereits zu Rennbeginn bekam Lewis Hamilton per Boxenfunk mitgeteilt, dass er diverse Codes am Lenkrad eingeben und sein KERS deaktivieren sollte. "Ich hatte kein Problem mit dem KERS im Auto, aber das Team sagte, es könnte einen Fehler geben", bestätigte Hamilton, der das System jedoch weiter benutzen konnte. "Ich musste es ausschalten und neu starten. Ich musste da einige Schalter betätigen, aber danach gab es nie ein Problem." Teamchef Martin Whitmarsh ging nicht näher darauf ein. Er sagte nur: "Das Problem war eine Kühlpumpe, die die Batterien kühlt."

5. Was ging bei Barrichellos Boxenstopp schief?

Ich musste es ausschalten und neu starten. Ich musste da einige Schalter betätigen, aber danach gab es nie ein Problem.
Lewis Hamilton

Vor seinem letzten Boxenstopp lag Rubens Barrichello noch vor Jenson Button. Danach dahinter. Dazwischen lag ein verpatzter Stopp, bei dem er rund fünf Sekunden liegen ließ. Bei der Anfahrt zum Boxenstopp fiel die Drehzahl zu stark in den Keller, so dass der Gang nicht mehr raus ging. "Ich konnte nicht in den Leerlauf schalten und der Motor starb ab", erklärte Barrichello. "Das hat mich die entscheidende Zeit gekostet, die ich gebraucht hätte, um vor Jenson zu bleiben."

6. Warum wurde Rosberg bestraft?

Nico Rosberg lag auf Kurs zu Platz 2, dann kam sein erster Boxenstopp und der erste grobe Schnitzer in dieser Saison: Er rutschte bei der Boxenausfahrt über den Kerb hinaus auf die Rennstrecke und kassierte dafür eine Durchfahrtsstrafe.

"Ich wollte zu viel", gestand Rosberg. "Ich war voll am Limit hinter Lewis, wollte beim Boxenstopp keine Zeit verlieren und habe es einfach übertrieben." Sein Erklärungsversuch: "Ich habe nicht viel anders gemacht als im Training, aber im Rennen kommt man mit 100 statt 60 km/h an, du benutzt den gleichen Bremspunkt, bist aber eben schneller. So kann das passieren." Obwohl es nicht passieren sollte. "Es sind kleine Details, wo man ein bisschen vom Limit wegbleiben muss, um auf der sicheren Seite zu bleiben."

7. Was war das Besondere am Alonso-Podium?

Nick Heidfeld kam nicht ins Ziel. - Foto: Sutton

Fernando Alonso stand in Singapur zum ersten Mal in dieser Saison auf dem Podium - ein Jahr nach seinem Sieg an gleicher Stelle, ein Jahr nach dem absichtlichen Unfall seines Teamkollegen Nelsinho Piquet. "Ich widme diesen Podestplatz Flavio", sagte Alonso auf der Siegerpressekonferenz. "Er ist zuhause, aber er ist Ziel des Erfolgs von heute." In der offiziellen Pressemitteilung verschwieg Renault die Widmung seines Piloten. Mr. Briatore ist dort aktuell nicht gerade gern gesehen.

8. Warum kollidierten Heidfeld und Sutil?

"Was sollst du dazu sagen? Der fährt einfach in mich rein. Da frage ich mich, was da in dem Kopf vorgeht, um es vorsichtig auszudrücken", wetterte Nick Heidfeld nach seiner Kollision mit Adrian Sutil. Der Force India Pilot klemmte hinter Jaime Alguersuari fest, versuchte diesen zu überholen, fuhr ihm aber nur ans Hinterrad und drehte sich - genau in den Weg von Heidfeld. "Er kann ja nicht auf die Strecke fahren, wenn ich da ankomme, das ist total bescheuert."

Sutil verteidigte sich so: "Ich sah eine Lücke, versuchte es wieder, er machte die Tür zu, wir berührten uns und ich drehte mich. Dann kam Nick um die Kurve und traf meinen Vorderflügel. Es tut mir leid für ihn. Ich wollte den Motor am Laufen halten - ich sah nicht, dass da Autos kamen, weil ich direkt neben der Absperrung vor mir war, die Autos flogen um die Kurve." Die Rennleitung verwarnte Sutil und sprach eine Geldstrafe in Höhe von 20.000 Dollar aus.

9. Was war beim Boxenstopp von Alguersuari?

Er kann ja nicht auf die Strecke fahren, wenn ich da ankomme, das ist total bescheuert.
Nick Heidfeld

Es war nicht die einzige Aktion, an der Jaime Alguersuari beteiligt sein sollte. Wenig später kam er zu seinem Boxenstopp herein, fuhr jedoch zu früh los. "Er wollte losfahren, bevor der Lollipop hochging", erklärte Teamchef Franz Tost. Dabei riss er seinen Tankmann um und den Tankschlauch beinahe heraus. Die Tankanlage wurde beschädigt und gab beim folgenden Boxenstopp seines Teamkollegen Sebastien Buemi keinen Sprit ab. Er musste noch einmal hereinkommen.

10. Warum startete Heidfeld aus der Box?

Eigentlich hätte Nick Heidfeld von Platz sieben ins Rennen gehen sollen. Doch beim Wiegen nach dem Qualifying bemerkte das Team, dass man um wenige Kilogramm unter dem erwarteten Wert lag, weil nicht die korrekten Ballastgewichte montiert worden waren. Dieses Versehen zeigte das Team selbst bei der FIA an. "Es war ein Flüchtigkeitsfehler, der nicht passieren sollte, aber es passiert halt doch immer mal wieder", erklärte uns Mario Theissen. Heidfeld musste aus der Box starten, wurde aber nicht disqualifiziert. Gleichzeitig baute das Team ein neues Getriebe und einen neuen Motor ein, um für die letzten Rennen mehr Optionen zu haben.


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