Formel 1 / Hintergrund

Wenn es Nacht wird in Sao Paulo... - Die sieben S

... werden Regenwolken gezählt, Bodenwellen platt getreten und Startszenarien durchgespielt.
von Stephan Heublein

1. - S wie Startaufstellung

Es war ein Tag ganz nach dem Geschmack von Felipe Massa. Die dritte Pole beim Heimrennen in Sao Paulo und Titelrivale Lewis Hamilton nur auf Platz 4. "Ich habe auf meinem ersten Run in Q3 eine tolle Runde gefahren und dachte eigentlich gar nicht daran, noch eine zweite zu fahren", verriet der Brasilianer. "Aber man weiß ja nie, was passieren kann. Ich war der Erste, der die schwarz-weiß karierte Flagge bekam und hätte wohl dumm ausgesehen, wenn jemand meine Zeit noch verbessert hätte."

So legte er noch einmal nach, um sich letztlich vor Jarno Trulli und Teamkollege Kimi Räikkönen auf dem ersten Startplatz einzunisten. Hamilton war unterdessen, trotz Startplatz 4, nicht allzu unzufrieden. "Ich bin zufrieden", sagte er sogar. "Es wäre nett, auf Pole zu sein, sicher. Aber mit dem Paket, das wir haben, bin ich zwei ordentliche Runden gefahren."

Toyota ist keine Gefahr, Massa müssen wir nicht schlagen, wir können hinter ihm bleiben, also müssen wir nur einen Erstrundenunfall vermeiden und dann ein diszipliniertes Rennen fahren.
Ron Dennis

Teamchef Ron Dennis präzisierte: "Unser Ziel ist es, in die Top5 zu kommen." Denn das reicht Hamilton zum ersten Titelgewinn, um jüngster Weltmeister aller Zeiten zu werden. "Toyota ist keine Gefahr, Massa müssen wir nicht schlagen, wir können hinter ihm bleiben, also müssen wir nur einen Erstrundenunfall vermeiden und dann ein diszipliniertes Rennen fahren."

2. - S wie Start

Doch genau dieser Erstrundenunfall schwebt manchen Betrachtern vor. "Hamilton steht in einer kritischen Situation", meint etwa Marc Surer. "Er hat nach vorne keine Luft und nach hinten auch nicht. Wenn er das Senna S überstehen sollte, wird alles gut werden." Wenn nicht, habe sich das Team damit verspekuliert, mehr an das Rennen als an den Start gedacht zu haben. "Denn die Geschichte zeigt, dass es im Senna S praktisch jedes Jahr nach dem Start kracht."

Felipe Massa hat den ersten Teil seiner Pflicht erfüllt. - Foto: Sutton

Hamilton lässt diese Statistik kalt. "Ich habe keine Sorge wegen der ersten Kurve. Ich muss keine Risiken nehmen oder Ähnliches." Stattdessen möchte er am Start ruhig bleiben, keine Plätze verlieren und dann das Rennen nach Hause fahren. "Platz 4 ist keine schlechte Position, nicht mittendrin im Feld", unterstützt ausgerechnet Fernando Alonso diese Meinung. "So lange man nur ein Top5-Ergebnis braucht, ist es nicht allzu schwierig. Er muss sich keine Gedanken machen."

Dabei sehen viele gerade in Alonso eine Gefahr. Auch Christian Klien glaubt, dass der Spanier zuschlagen wird, sollte sich ihm am Start eine Gelegenheit bieten, an Hamilton vorbeizukommen. Alonso selbst bleibt eher pessimistisch. "Wir wissen, dass wir schlechter starten als McLaren", sagt er und verweist auf China, wo Heikki Kovalainen innerhalb von 100 Metern an ihm vorbeigezogen sei. "Ich werde mich am Start eher verteidigen müssen."

Das gleiche rät Niki Lauda auch Hamilton. "Er muss konservativ starten, lieber Plätze verlieren als unnötig crashen." Es dürfe kein zweites Fuji geben. Sobald er die erste Kurve überstanden habe, werde es ein normales Rennen geben. Unfaire Manöver, etwa von Fernando Alonso direkt hinter Hamilton, erwartet auch Lauda nicht. "Die WM-Entscheidung wird fair abgehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der eine dem anderen ins Auto fahren wird. Das wäre eine Riesensauerei." Hamilton sieht das ähnlich: "Fernando wird fahren wie ein Profi."

Ron Dennis formuliert seinen Wunsch für das Rennen so: "Ich hoffe, dass die WM nicht durch andere Fahrer entschieden wird. Alle sollen sauber und fair fahren und sie um die WM kämpfen lassen. Das gilt auch für Heikki und Kimi."

3. - S wie Schlüsselstellen

Die Strecke von Interlagos vereint gegensätzliche Extreme in sich: enge, langsame Kehren und eine der längsten Vollgaspassagen des Jahres. Der in einer Senke gelegene und für die Zuschauer daher sehr gut einsehbare Kurs ist berüchtigt für seinen welligen Asphalt. Eine 2004 aufgetragene und im vergangenen Jahr nochmals mit einer neuen Deckschicht versehene Fahrbahndecke verbesserte die Bedingungen auf dem 4,309 Kilometer langen Asphaltband etwas.

Die erste Schlüsselstelle ist, wie bereits erwähnt, die erste Kurve. "Letztes Jahr bin ich als 13, gestartet, es wird schon sehr eng dort", erinnert sich Sebastian Vettel. "Die Kurve neigt dazu, dass man sehr spät bremst, aber die sie macht dann zu und wenn innen einer spät bremst, räumt er alle auf der Außenbahn ab. Es ist eine schwierige Ecke."

Hamilton muss konservativ starten, lieber Plätze verlieren als unnötig crashen.
Niki Lauda

Ähnlich eng könnte es in der Boxengasse werden. "Die Einfahrt ist ziemlich schnell, man kommt schnell rum und muss links neben der Linie bleiben, die Kurve geht dennoch voll", erklärt Vettel. "Man muss früh genug den Anker werfen, sonst schießt man über das Ziel hinaus und riskiert eine Strafe." Das darf den WM-Kandidaten keinesfalls geschehen.

Das Überholen ist auf der Strecke am Stadtrand von Sao Paulo durchaus möglich, vor allem beim Anbremsen von Turn 1. "Das ist die beste Überholmöglichkeit", bestätigt Vettel. Man müsse aber auf der Bergaufzielgeraden eine bessere Traktion finden als der Vordermann. "Das ist schwierig, wenn man in den Verwirbelungen steckt."

4. - S wie Setup

Die gegensätzlichen Anforderungen der Strecke stellen die Ingenieure vor eine interessante Aufgabe: Der erste und dritte Sektor bestehen hauptsächlich aus schnellen Geraden, die nach gutem Topspeed und entsprechend flachen Flügeln verlangen. Der mittlere Sektor hingegen erfordert das genaue Gegenteil: viel Downforce für guten Grip beim Beschleunigen, Bremsen und Einlenken in die aufeinanderfolgenden engen Haarnadelkurven. Von der Abstimmung, die theoretisch die beste Rundenzeit ermöglicht, weichen die Renningenieure daher leicht ab. Sie opfern etwas Abtrieb, um ihren Piloten durch höhere Geschwindigkeit vor allem auf der langen Start-Ziel-Geraden mit der Anfahrt auf Turn 1 Vorteile im Zweikampf zu verschaffen. Das Abtriebsniveau ist deshalb vergleichbar mit dem von Bahrain.

Die erste Kurve wird entscheiden. - Foto: Sutton

Genau wie bei der aerodynamischen Abstimmung genießen auch bei der Mechanik bestimmte Streckenteile Priorität - wenn auch andere. Die wichtigste Kurve in Interlagos ist Turn 12, denn hier entscheidet sich die Geschwindigkeit auf der bergauf führenden Zielgeraden, auf der die Piloten mehr als 15 Sekunden lang das Gas stehen lassen. Bei der Abstimmung geht es deshalb um den optimalen Kurvenausgang an dieser Stelle - auch wenn dies in den langsamen Kurven des Mittelsektors zu Untersteuern führen kann. Ein eventueller Zeitverlust in diesen Passagen wird mehr als aufgewogen durch die höhere Endgeschwindigkeit und die Zweikampf-Vorteile auf den Geraden.

Wegen der langen Geraden kommt es in Interlagos entscheidend auf die Spitzenleistung der Triebwerke an. Die längste Volllastpassage dauert mehr als 15 Sekunden. Zudem liegt Sao Paulo rund 800 Meter über dem Meeresspiegel. Der geringere Luftdruck kostet die Motoren etwa 7 Prozent Leistung. In der Summe dieser Faktoren laufen die V8-Motoren 60 Prozent einer Runde bei voll geöffneten Drosselklappen. Umgerechnet auf einen vergleichbaren Kurs auf Meeresniveau betrüge der Vollgasanteil 56 Prozent - was etwa dem Wert von Budapest entspricht. Die Belastungen von Teilen wie den Kolben sind daher nicht übermäßig hoch, Komponenten wie die Kurbelwelle unterliegen aber immer noch beträchtlichen Kräften.

Die beiden Jungs in der ersten Reihe sind auf einer Dreistoppstrategie, so einfach ist das.
Ron Dennis

Ein wichtiger Aspekt ist die Fahrbarkeit des Motors, speziell im winkligen zweiten Streckenteil. In diesem Sektor sind die Piloten in den niedrigsten Gängen unterwegs, mit ständigen Richtungsänderungen und einem Wechselspiel von Gas und Bremse. Eine sanfte Kraftentfaltung trägt hier wesentlich zur konstanten Fahrzeugbalance bei und erlaubt es den Fahrern, in diesem wichtigen Streckenteil die optimale Linie zu halten.

5. - S wie Strategie

Ron Dennis ist sich ziemlich sicher: "Die beiden Jungs in der ersten Reihe sind auf einer Dreistoppstrategie, so einfach ist das." Der McLaren-Teamboss lässt gar keine andere Erklärung für den Zeitunterschied zwischen Massa und Hamilton zu - und bekommt dabei von einigen Seiten Recht. "Ich vermute, dass Felipe auf Drei-Stopp ist und Trulli vielleicht auch", sagt Nick Heidfeld.

Die Probleme bei einer Dreistoppstrategie beschreibt Dennis so: Regen und Safety Cars. "Man ist extrem anfällig für diese beiden Faktoren." Zudem könnte man mit einem frühen Boxenstopp hinter die schweren Autos ab Platz 10 zurückfallen und dahinter viel Zeit verlieren. "Es wird dann eine große Herausforderung, an ihnen vorbeizukommen." Zwar sei Überholen auf dieser Strecke möglich, "aber es ist ein großes Risiko".

Wie oft muss Massa an die Box? - Foto: Sutton

Die Möglichkeit einer Dreistoppstrategie an der Spitze bestätigt auch Timo Glock, der offen gesteht: "Jarno und ich sind auf ziemlich unterschiedlichen Strategien unterwegs." Allerdings bedeute das für die Spitze kein leichtes Spiel: "Wie ich Jarno kenne, wir der keinen vorbeiwinken. Das wird eine interessante Geschichte."

Fernando Alonso glaubt hingegen nicht an eine Dreistoppstrategie. "Zwei sind für alle die Wahl", glaubt er. "Ich sehe nicht viele Möglichkeiten bei der Strategie. Aber vielleicht stoppen einige früher als in den vergangenen Jahren, weil ein, zwei Runden weniger Sprit viele Startpositionen ausmachen können." Schon allein die Reifensituation mache einen langen Stint auf den weichen Reifen unwahrscheinlich. "Es werden alle Bedenken wegen der weichen Reifen haben", kündigt Alonso an. "Alle Teams werden versuchen, so wenige Runden wie möglich damit zu fahren."

6. - S wie Sonntagswetter

Seit Tagen wird viel über den Regen gesprochen. Für das gesamte Rennwochenende wurde eine extrem hohe Regenwahrscheinlichkeit vorausgesagt, die aber nur zu einigen Tropfen am Freitag führten - bislang. "Zwischen 20 und 70 Prozent Regenwahrscheinlichkeit, was auch immer das heißt", beziffert Christian Klien die Regenchancen für das Rennen.

Wenn man ihm einredet: Du musst nur Fünfter werden. Wenn ihm das plausibel ist, wird er es schaffen - locker sogar.
Marc Surer

Angeblich soll es vor allem wärmer werden, was die Gefahr von Gewittern erhöhen würde. "Dann geht es nur darum, wer das Auto auf der Strecke hält und sich von Problemen fernhält", weiß Hamilton. "Wenn es hier regnet, dann regnet es viel, also wird es schwer. Niemand ist hier an diesem Wochenende im Regen gefahren, also wird das eine weitere Herausforderung." Auf die er und McLaren verzichten könnten. "Wir werden einfach versuchen, sicher nach Hause zu kommen."

7. - S wie Spannung

Nur nach Hause kommen reicht Felipe Massa am Sonntag nicht. "Ich werde versuchen, zu gewinnen: das ist mein Ziel. Über den Rest denke ich nicht nach, denn das hängt weder an mir oder dem Team." Stattdessen hängt es von der Disziplin seines Titelrivalen und der Zuverlässigkeit von dessen Auto ab. "Wenn man ihm einredet: Du musst nur Fünfter werden. Wenn ihm das plausibel ist, wird er es schaffen - locker sogar", glaubt Marc Surer.

Um die Zuverlässigkeit zu gewährleisten, hat McLaren in den letzten Wochen alle denkbaren Szenarien durchgespielt, Teile getestet und das gesamte Auto analysiert. "Man hätte nicht mehr Einsatz reinstecken können", sagt Dennis. "Wenn das nicht reicht, dann gab es nicht mehr, was wir hätten tun können."

Niki Lauda sieht Hamilton noch immer als Favoriten. "Massa ist der Schnellste und hat die besten Voraussetzungen, um das Rennen zu gewinnen", sagt Lauda. "Es entscheiden nur die Nerven. Massa hat es dabei leichter, weil er nur vorne wegfahren muss. Er muss nur machen, was Rennfahrer immer machen: Vollgas geben und gewinnen. Das sind gute Voraussetzungen. Lewis muss aufpassen." Auch Klien ist gespannt, "ob Hamilton jetzt doch einmal Nerven zeigt, denn von Platz vier kann er sich nicht allzu viel leisten."


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