Formel 1 / Hintergrund

Wenn es Tag wird in Singapur... - Die sieben S

... wälzen sich die Fahrer noch in den Betten, grübeln die Verantwortlichen über die Boxeneinfahrt und warten alle auf Regen.
von Stephan Heublein

1. - S wie Startaufstellung

Auch unter Flutlicht ist vorne alles beim Alten geblieben: Ferrari und McLaren, Felipe Massa und Lewis Hamilton gaben im Qualifying die Pace vor, allerdings war der Brasilianer um sechs Zehntel erfolgreicher als der WM-Führende. "Ich habe eine fantastische Runde in den Asphalt gebrannt, mit einem fantastischem Auto", sagte Massa. "Das war vielleicht das beste Qualifying dieser Saison."

Die Pole Position war nicht erreichbar, aber ich bin mir sicher, wir wären Zweiter oder Dritter gewesen.
Fernando Alonso

Dafür gab es sogar Lob von Niki Lauda. "Massa ist fehlerfrei gefahren", so der Ex-Champion, der für Hamilton weniger Lob parat hatte. "Er hat sich selbst behindert, weil er im Q2 nur Zehnter wurde. Am Ende hat er mit Hängen und Würgen den 2. Platz herausgefahren." Einige Probleme gestand der McLaren-Fahrer ein. "Im letzten Sektor war ich richtig schnell, aber in den ersten beiden muss ich mich noch steigern", so Hamilton.

Auf Platz 3 lauert Kimi Räikkönen. "Natürlich hoffst du immer ganz vorne zu stehen, aber der dritte Platz ist nicht so schlecht", meinte der Finne. In diesen Regionen hätte sich auch Fernando Alonso gesehen, wenn er nicht von einem Hydraulikdefekt gestoppt worden wäre. "Die Pole Position war nicht erreichbar, aber ich bin mir sicher, wir wären Zweiter oder Dritter gewesen", glaubt der Spanier. Von Position 15 sei das Rennen bereits verloren. "Es wird nur noch ein Rundenfahren."

Lewis Hamilton hat eine gute Ausgangsposition. - Foto: McLaren

Nick Heidfeld wurde das Rundenfahren nach dem Qualifying erschwert. Er erhielt eine Strafversetzung um drei Plätze, weil er Rubens Barrichello behindert haben soll. "Ich bin schnell in die Boxeneinfahrt rein und bin nicht wie üblich bis ganz nach außen gefahren, sondern habe ihm außen ein bisschen Platz gelassen, das war alles, was ich machen konnte", so der verärgerte Heidfeld. Den Rennkommissaren reichte es nicht. Somit geht er von Rang 9 statt von Rang 6 ins Rennen.

2. - S wie Start

Als Stadtkurs kommt dem Start in Singapur eine besondere Bedeutung zu. "Die erste Runde und der Start werden entscheidend", betont Sebastian Vettel. "Überholen ist sehr schwer bis unmöglich. Deshalb ist es sehr wichtig, einen guten Start zu haben." Bis zur engen Brücke, glaubt Vettel, werden sich aber alle eingereiht haben. Eine gewisse Crashgefahr besteht allerdings immer.

Da braucht gar niemand darauf zu hoffen, dass es echte Überholmanöver zu sehen gibt. Nur bei den Boxenstopps - alles andere ist Illusion.
Fernando Alonso

Besonders auf Lewis Hamilton sieht Niki Lauda Probleme zukommen. "Von seiner Position hat er es nicht leicht, gerade, da er Kimi im Nacken hat - außer er gewinnt den Start." Das wird aber schwierig, denn Red Bull-Testfahrer Sebastien Buemi weist auf die unterschiedlichen Startseiten hin: "Man muss auch bedenken, dass die linke Seite sehr schmutzig ist und damit wird der Start für Hamilton nicht so einfach."

3. - S wie Singapur

Über die neue Strecke wurde im Laufe des Wochenendes fast alles gesagt. Obwohl es sich um einen Straßenkurs handelt, gibt es nicht nur die üblichen 90-Gradkurven, sondern auch einige für die Fahrer spannende Kurven. Nick Heidfeld ordnet Singapur sogar vor Monaco in der Liste seiner Lieblingsstrecken ein - allerdings hinter seinem absoluten Favoriten Suzuka.

Aber es ist nicht alles Gold, was in der Nacht von Singapur funkelt. "Überholmöglichkeiten gibt es hier keine", warnte Fernando Alonso schon vor dem ersten Training. "Da braucht gar niemand darauf zu hoffen, dass es echte Überholmanöver zu sehen gibt. Nur bei den Boxenstopps - alles andere ist Illusion." Eine solche wünschten sich die Fahrer auch bei den vielen Bodenwellen, die ihnen das Leben schwer machen - doch diese sind echt. Ebenso wie das künstliche Licht, das mittlerweile in allen Kurven hell genug erstrahlt, um die Piloten glücklich zu machen - und ihnen ausreichend Sicht auf die vielen Kurven und Bodenwellen zu verschaffen.

4. - S wie Setup

Die Teams mussten Setupkompromisse eingehen. - Foto: Sutton

Die Teams setzen auf viel Downforce. Das soll dem Auto neben einer guten Bremsstabilität vor allem in den schnelleren Kurven eine optimierte Straßenlage sowie maximale Traktion beim Herausbeschleunigen ermöglichen.

Der Singapur-Grand Prix stellt vor allem die Bremsen auf eine harte Probe - der Verschleiß soll im Rennen die extremen Werte des Großen Preises von Australien in Melbourne erreichen. Dabei liegt es weniger an der Härte der Verzögerung, die für die größte Belastung sorgt - vielmehr ist es die permanente Beanspruchung, die den Bremsen kaum Zeit zum Erholen und Abkühlen gewährt. Eine effiziente Belüftung der Anlage könnte einer der Schlüssel zum Erfolg sein.

Stadtkurse stellen für die V8-Motoren der Formel 1-Rennwagen eine eher geringe Herausforderung dar: Der Vollgasanteil pro Runde ist vergleichsweise niedrig. Dafür belasten die vielen Beschleunigungs-Phasen aus geringem Tempo heraus die Kraftübertragung stärker. Das Getriebe passt sich mit besonders kurzen Übersetzungen den Bedingungen an. Die Motoren-Ingenieure legen die Kennfelder für Einspritzung und Zündung so aus, dass die Achtzylinder bereits bei geringeren Drehzahlen mit viel Drehmoment ansprechen. Vorteil für den Fahrer: Das breiter nutzbare Drehzahlband erleichtert seine Arbeit im Kurven-Labyrinth und versetzt ihn in die Lage, in Kurven schon früher aufs Gas steigen zu können.

5. - S wie Strategie

Wir haben bislang gesehen, dass die Strategien der Spitzenfahrer immer relativ ähnlich waren, vielleicht zwei, drei Runden auseinander.
Sebastien Buemi

Stadtrennen erfordern immer ein gewisses Fingerspitzengefühl bei der Strategie. Von einem bis drei Stopps scheint alles möglich zu sein, auch unterschiedliche Strategien bei Teamkollegen. "Das ist sehr wohl eine Überlegung wert, weil ein Safety Car nicht unwahrscheinlich ist", stimmt Mario Theissen zu. "Dann hätte man zumindest die Chance, ein Auto auf der richtigen Strategie zu haben." Andererseits verspiele man damit Startpositionen, "da muss man sich überlegen, was wichtiger ist".

Christian Klien rechnet damit, "dass die Teams bei den Strategien sicher recht unterschiedlich unterwegs sein werden". Zwei- oder Drei-Stopp hält er für möglich. Der große Vorsprung von Massa könnte laut dem Österreicher für eine Dreistoppstrategie sprechen. "Das schätze ich zumindest einmal. Er war schon weit vorne, die 44,8 war richtig schnell."

Die Boxenstopps werden eine wichtige Rolle spielen. - Foto: Sutton

Massa dementiert jedoch: "Man könnte natürlich sagen, wenn man auf die Zeiten blickt, wir hätten mit etwas mehr Benzin fahren können", so der Brasilianer. "Ich glaube aber, dass unsere Strategie sehr gut ausgelegt ist." Christian Danner sieht Massa eher auf einer aggressiven Zweistoppstrategie. "Ob das etwas bringt, lässt sich noch schwer vorhersagen, denn die Strecke verändert sich sehr stark."

Auch Buemi glaubt nicht an drei Stopps bei Massa. "Wir haben bislang gesehen, dass die Strategien der Spitzenfahrer immer relativ ähnlich waren, vielleicht zwei, drei Runden auseinander. Ich glaube, er hat einfach alles hingekriegt und ist eine super Runde gefahren."

Ein Faktor bei der Strategie könnte das Timing werden. "Auf dieser Strecke funktioniert das GPS die meiste Zeit nicht", verrät Nick Heidfeld. Entsprechend schwierig könnten es die Strategen haben, ihre Fahrer aus dem Verkehr herauszuhalten. Und auch die Boxeneinfahrt könnte auf der Jagd nach schnellen Zeiten Probleme bereiten. "Wenn einer auf der Ideallinie vor dir fährt, ist die Runde versaut", prophezeite Heidfeld schon am Freitag - ausgerechnet er war es, der den Zorn der Rennleitung dafür zu spüren bekam.

6. - S wie Sonntagswetter

Es könnte sein, dass man hier zum Schluss mehr Fehler sieht als üblich.
Nick Heidfeld

Vor dem Rennwochenende sprachen die Wetterfrösche von 50 bis 60 Prozent Regenwahrscheinlichkeit an allen drei Tagen. Bislang regnete es nur einmal am Freitagmorgen, aber nie während einer Session. "Derzeit sagt unser Wetterbericht nein, aber die Vorhersage hat sich im Laufe des Wochenendes mehrfach geändert", erklärt Mario Theissen. "Also baue ich nicht darauf."

Aber auch ohne Regen wird das Wetter ein Schlüsselfaktor. "Es könnte sein, dass man hier zum Schluss mehr Fehler sieht als üblich", glaubt Heidfeld. Die vielen Kurven, die Bodenwellen, die hohen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit könnten die Fahrer stark fordern. "Da muss man die Konzentration ständig aufrecht erhalten können, sonst passieren kleine Fehler und die können hier teuer bestraft werden", weiß Sebastian Vettel.

7. - S wie Spannung

Wenig bis keine Überholmöglichkeiten lassen eher nicht auf ein spannendes erstes Nachtrennen schließen. "Das ist richtig", bestätigt Theissen. Die Strecke sei relativ langsam und an vielen Stellen eng. Trotzdem gibt es Hoffnung, gerade für die Fahrer, die sich von weiter hinten nach vorne bugsieren möchten.

Singapur freut sich auf die F1-Premiere unter Flutlicht. - Foto: Sutton

"Es gibt eine verhältnismäßig lange gerade nach Kurve 5", erklärt Heidfeld, "aber danach folgt eine mittelschnelle Kurve, da verlierst du Abtrieb und die Bremszone ist auch extrem wellig." Die zweite Minimöglichkeit bietet sich nach der Haarnadel von Kurve 13 zu Kurve 14. "Das könnte die beste Chance sein, weil es eine Haarnadel ist", so Heidfeld. "Da kann man nah dran bleiben, auf der anderen Seite ist die Gerade nicht wirklich lang. Wenn es gut läuft, kommst du gerade in den siebten Gang. Es wird schwer mit dem Überholen."

"Die einzige Möglichkeit ist, dem Vordermann so viel Druck zu machen, damit er einen Fehler begeht", meint Vettel. Aus eigener Kraft zu überholen, sei nahezu unmöglich. "Es gibt nur eine saubere Linie auf der Gummi liegt", verrät er. "An der besten Überholstelle am Ende der Geraden gibt es auch noch sehr viele Bodenwellen. Wenn man dann den optimalen Weg verlässt, gibt es harte Schläge und man wird ganz abrupt geweckt." Demnach müsse man auf Fehler des Vordermanns spekulieren und dann da sein, um diese zu ausnutzen. "Die Strategie lautet Vollgas, etwas anderes steht nicht zur Debatte."

Doch es könnte auch ganz anders kommen. "Safety Car-Phasen sind möglich und es werden auf jeden Fall ein, zwei kommen", prophezeit Niki Lauda, der mit Drehern und Konzentrationsfehlern rechnet. "Die Fahrer werden konditionell irrsinnig belastet, sie können sich auf keinem Streckenteil ausruhen. Sie fahren den ganzen Grand Prix voll belastet, das wird zu Fehlern führen."

Im Kampf um den Sieg sieht Lauda Massa im Vorteil. "Ich würde auf Massa tippen, aber warten wir es ab. Kimi wird im Rennen immer stärker und irgendwie vorne mitfahren. Allerdings bin ich kein Hellseher." Das ist Theissen auch nicht, aber auch er sieht McLaren und Ferrari vorne. "Wir müssen sehen, was wir aus der Warteposition machen können."


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