Formel 1 / Analyse

Befreiungsschlag - Italien GP

In die Ecke gedrängt, von allen als Prügelknabe missbraucht und als Schummler denunziert - in Monza setzte McLaren den ersten Befreiungsschlag.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1-Saison 2007 ist wie ein Boxkampf. In der roten Ecke teilt der Herausforderer einen Schlag nach dem anderen aus, genau getimt, immer perfekt gezielt, manchmal sogar unter der Gürtellinie - alles unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit. In der silbernen Ecke kauern gleich zwei Kämpfer aus dem gleichen Stall - ein Weltmeister, ein aufstrebender Neuling, die auch schon mal gegenseitig auf sich eingeschlagen haben, trotzdem aber noch den Gürtel des Spitzenreiters tragen dürfen. Doch selbst ihr Coach hängt schon verdächtig angeschlagen in den Seilen.

Wir genießen den Moment.
Martin Whitmarsh

Immer neue Anschuldigungen, immer neue angebliche Beweise, Justizbesuch direkt vor dem Qualifying, immer wieder Fragen zum Streit zwischen den Fahrern, der Spionageaffäre, der anstehenden Verhandlung und vielen, vielen Dingen, die ein Team schon alleine aus dem Tritt bringen können, geschweige denn alle auf einmal. Der Druck auf McLaren Mercedes ist enorm, die Nerven sind auch nach dem Sieg in Monza noch immer angespannt.

Umso schöner war die Genugtuung, Ferrari im eigenen Land geschlagen zu haben - erst mit einer Doppel-Pole, dann mit einem unumstrittenen Doppel-Sieg; egal ob Räikkönen kurz an Hamilton vorbei kam. "Es war ein perfektes Wochenende", schwärmte Fernando Alonso - zurecht. "Manchmal spielt einem eben alles in die Hände. Man fühlt sich gut und holt das Maximum heraus." Martin Whitmarsh hielt deswegen kurz inne: "Wir genießen den Moment." Viel Zeit bleibt dafür nicht, am nächsten Wochenende geht es schon weiter in Spa-Francorchamps und dazwischen stehen die nächsten Störfeuer in Paris an - Tiefschläge inbegriffen.

Fernando setzte den Treffer. - Foto: Sutton

In Monza teilten einmal andere aus, musste die Scuderia einstecken, und zwar kräftig. "Das war eine gehörige Watschen für Ferrari", betont Christian Danner. "Eine solche Überlegenheit hat McLaren selbst nicht erwartet, aber Ferrari hat sicher auch nie gedacht, dass es so schlecht laufen würde." Die Gründe lassen sich nicht ganz so einfach benennen. "Das Lowdownforce-Paket von McLaren war dramatisch besser als das von Ferrari", glaubt Danner. "So wie in Kanada, wobei hier noch weniger Abtrieb gefragt ist als in Montreal."

Das musste auch Jean Todt zähneknirschend eingestehen. "Wir waren dieses Jahr definitiv nicht konkurrenzfähig auf Kursen, auf denen wir viel mechanischen Grip benötigen und auf denen es wichtig ist, über die Kerbs zu fahren." Dazu gehören Monaco, Kanada, Budapest und eben Monza. Niki Lauda glaubt noch einen anderen Grund für die rote Niederlage zu kennen. "McLaren war klar schneller", lobte Lauda. "Alonso fährt in Höchstform. Er war von Freitag bis Sonntag unschlagbar."

Sie mögen Ferrari-Fans sein, aber sie lieben auch die Formel 1.
Fernando Alonso

Ein Befreiungsschlag genau zur richtigen Zeit. Ein Sieg, der im Ferrari-Land nicht süßer schmecken könnte. "Vielleicht sind es alles Ferrari-Fans auf den Tribünen, aber über allem sind sie Formel 1-Fans und sehr emotional - sie lieben die Formel 1 in Italien, deswegen ist es toll, hier zu gewinnen," kostete Alonso seinen Triumph aus. Auch in der silbernen Ecke weiß man, wie man dieses Spiel spielt.

Die fünf Fragezeichen

Warum kam Räikkönen an Hamilton vorbei?
Zunächst die Voraussetzungen: Räikkönen war auf einem Stopp, Hamilton auf deren zwei. Doch wurde der zweite Stint des Briten verkürzt. "Lewis hatte Vibrationen", verriet Martin Whitmarsh, "also sind wir bei ihm konservativ herangegangen und holten ihn beim zweiten Stopp etwas eher rein." Man wollte keinen Reifenschaden wie in Istanbul riskieren. Zu diesem Zeitpunkt war dem Team bereits klar, dass es schwierig würde, vor Räikkönen zu bleiben beziehungsweise ihn zu überholen. "Ich wusste, ich hatte maximal zwei Runden, bevor die Reifen nachlassen würden", so Hamilton. "Er war auf den harten Reifen, also habe ich ein paar sehr gute Runden geliefert; die Reifen und das Auto waren großartig. Ich hatte eine Gelegenheit, stellte sicher, dass es passt und habe es geschafft."

Felipe Massa war nicht lange dabei. - Foto: Sutton

Dafür gab es Lob von allen Seiten. Mario Theissen empfand das Manöver als "hart, aber fair - so etwas wollen wir sehen." Nicht viele hätten mit diesem Manöver gerechnet, ganz besonders nicht Kimi. "Aber Lewis hat Kimi brillant überholt", lobte Whitmarsh. "Wir kennen Kimi sehr gut, es ist nicht einfach, ihn zu überholen. Das war ein fantastisches Überholmanöver." Das musste selbst Räikkönen zugeben: "Er war definitiv stärker als ich."

Warum fiel Massa aus?
Es war der zweite Ausfall und der einzige technische Defekt des Rennens. So richtig rausrücken mit der Wahrheit wollte Ferrari nach Felipe Massas Ausscheiden aber nicht. "Felipe musste bereits früh aufgeben, weil es ein mechanisches Problem mit der hinteren Aufhängung gab", sagte Jean Todt in der typisch verklausulierten Teamsprache. Mittlerweile habe man das Problem verstanden und die Ursache gefunden. In dieser Form sei es zum ersten Mal aufgetreten - was auch immer es genau war. "Irgendetwas hat bei der hinteren Aufhängung nicht funktioniert", brachte Massa auch nicht viel mehr Licht ins Dunkel. "In die Ascari hinein konnte ich beim Bremsen ein Problem spüren und kam in die Box, weil ich dachte, es könnte ein Plattfuß sein. Nachdem die Reifen gewechselt waren, war es immer noch unfahrbar und ich musste aufgeben."

Beim Boxenstopp bin ich nicht ganz gerade zum Stehen gekommen, deshalb ist das Auto vom Wagenheber gefallen.
Robert Kubica

Was ging bei Kubicas Boxenstopp schief?
Zum zweiten Mal in dieser Saison sah die Boxencrew von BMW Sauber nicht perfekt aus. Dabei waren die Mechaniker gar nicht Schuld. "Beim Boxenstopp bin ich nicht ganz gerade zum Stehen gekommen, deshalb ist das Auto vom Wagenheber gefallen, als die Jungs die Räder gewechselt haben", nahm Kubica die Schuld auf sich. Sein Motorsportdirektor bestätigte: "Er hat nicht ganz die Position getroffen, stand etwas schräg und weiter vorne", beschrieb Mario Theissen. "Deswegen ist der Wagenheber abgerutscht und der Reifenwechsel hat deutlich länger gedauert." Den Fehler habe Kubica danach aber auf der Strecke wieder wettgemacht.

Da half auch Davids Erfahrung nichts mehr... - Foto: Sutton

Wieso flog Coulthard ab?
Es war ein heftiger Einschlag und Gott sei Dank der einzige des Rennens. Die Ursache für den Abflug von David Coulthard lag aber schon vorher. "In der ersten Schikane habe ich das Heck von Fisichellas Auto getroffen", verriet der Schotte. "Er traf mich hinten und beschädigte meine linke Heckflügelendplatte", bestätigte Giancarlo Fisichella den Schlag. Bei Coulthard brach der Frontflügel. "Als ich beschleunigt habe, hat der Abtrieb den Flügel unter die Vorderseite des Autos gedrückt und die Steuerung gebrochen. Ich bin geradeaus abgeflogen und in die Reifen." Eine Schuldzuweisung wollte Coulthard nicht machen. "Das war ein unglücklicher Zwischenfall."

Was ist bei Vettel passiert?
Abseits der Kameras war Sebastian Vettel schon nach der ersten Runde an der Box. Wie kam es dazu? "Alle verhielten sich in der ersten Kurve gut", analysierte Anthony Davidson, "aber Vettel berührte mein Heck und beschädigte dabei meinen Diffuser." Vettel selbst schilderte die Aktion, bei der er sich seinen Frontflügel beschädigte so: "Mein Start war okay, dann sah ich David [Coulthard] rechts neben mir, dadurch musste ich auf die Außenseite und dann lief ich leider auf Davidson auf. Es war teilweise mein Fehler."


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