Formel 1 / Analyse

USA 2006: Auferstehung oder Zwischenhoch?

Kann Ferrari die Form von Indy nach Europa mitnehmen? Die Reifen-Fakten sprechen eher dagegen...
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Besser kann ein Wochenende gar nicht laufen. Nicht nur Michael Schumacher brachte dies in der Sieger-Pressekonferenz des US Grand Prix mit genau diesen Worten zum Ausdruck. Auch eine sms von Nationalspieler Lukas Podolski an den siebenfachen Champion besagte das gleiche - zumindest in Deutschland war nach dem Halbfinal-Einzug der Kicker und dem Doppelsieg der Scuderia Schumacher alles schwarz-ROT-gold.

"Wir waren lange nicht mehr in einer so starken Position", strahlte Teamchef Jean Todt über das gute Abschneiden im Nudeltopf von Indianapolis. Wenn wir das schwarze Wochenende von Indianapolis 2005 außen vor lassen, gelang den Italienern an Ort und Stelle der erste Doppelsieg seit Monza 2004. Nach den Wochen der Schadensbegrenzung tat dies der Scuderia sichtlich gut.

Gerade nachdem der erste Versuch die Aufholjagd auf Fernando Alonso zu starten, eine Woche zuvor in Montreal nach hinten losgegangen war. Schon vor dem Kanada GP hatte man verkündet die erste Saisonhälfte mit einem Sieg abschließen zu wollen. Nun gelang es immerhin die zweite Halbzeit mit einem Sieg zu eröffnen. Die große Frage ist nur: War Indy wirklich die rote Wiederauferstehung oder nur ein rotes Zwischenhoch?

2005 schimpften sie, diesmal jubelten sie. - Foto: Sutton

"Wir können jetzt nur hoffen, dass wir ein bisschen von unserem Vorsprung mitnehmen können", blieb selbst Optimist Schumacher etwas skeptisch. Tatsächlich waren die Rollen in Indy vertauscht: Der Verfolger Michael Schumacher feuerte als Zweckoptimist Durchhalteparolen ab und der WM-Spitzenreiter Fernando Alonso stapelte als Zweckpessimist tief. Am Ende sollten beide Recht behalten. Renault konnte aufgrund der konservativen Reifenwahl von Michelin nicht mit Ferrari mithalten.

Fantastische Teamplayer

Genauso wenig konnte Alonso die Pace seines Teamkollegen Giancarlo Fisichella mitgehen. Der Italiener war das gesamte Wochenende schneller; eine Tatsache, die für Verwunderung sorgte, schließlich kommt das nicht gerade häufig vor. Die Erklärung, dass Fisichella mit der neuen Motorenausbaustufe gefahren sei und Alonso sein älteres Aggregat im zweiten Rennen etwas mehr schonen musste, scheint nur die halbe Wahrheit zu sein. Möglicherweise wusste Fernando schon vor Indy, dass an seinem Auto etwas nicht stimmte, was seine pessimistischen Aussagen erklären würde. Als ihn Fisichella im Rennen überholte, machte er jedenfalls keine Anstalten sich zu wehren, und das obwohl Flavio Briatore ja immer betont, dass seine Fahrer frei gegeneinander fahren dürfen.

Alles lief nach Plan.
Ross Brawn

Bei Ferrari gibt es eine solche Regel nicht. Somit war es nicht überraschend, dass Felipe Massa seine am Start gewonnene Führung beim ersten Boxenstopp einbüßte. "Ich hatte einen tollen Start und konnte Michael überholen. Danach folgte ein sehr starker erster Stint, aber er konnte mich leider beim ersten Boxenstopp überholen, bei dem mich ein Kupplungsproblem einbremste."

So etwas soll bekanntlich vorkommen. Kimi Räikkönen verlor durch ein solches Problem in Kanada sogar bei beiden Boxenstopps wertvolle Sekunden. Bei Felipe trat das Problem jedoch nur beim ersten Stopp auf - danach war Michael Schumacher ja wie geplant in Führung. "Die Kupplung ist etwas gerutscht", meinte Todt lapidar. Ross Brawn brachte es besser auf den Punkt: "Alles lief nach Plan", sagte er nach dem Rennen über den ersten Ferrari-Doppelsieg der Saison.

Auf die Frage danach, ob Massa und Schumacher wirklich frei kämpfen durften, antwortete Todt nur indirekt. "Sie arbeiten beide für Ferrari und werden von Ferrari bezahlt. Daher ist es ihr Job, das Beste für die Firma zu tun." Und das ist ganz offensichtlich die Unterstützung von Michael Schumacher.

Rennanalyse: Immer etwas los

Wenige Sekunden später war das Feld stark dezimiert. - Foto: Sutton

In Indianapolis ist immer etwas los: Im letzten Jahr traf dies auf die Diskussionen vor dem Start zu, in diesem Jahr traf es direkt auf den Start zu. Kaum waren die Boliden losgebraust, waren auch schon sieben Fahrer ausgeschieden. Mittendrin war erneut der Action-Man von Kanada: Juan Pablo Montoya schob seinen Teamkollegen Kimi Räikkönen an und schickte in Folge einer Pendelreaktion Nick Heidfeld in die Luft.

Nach der doppelten Startkollision war das Rennen schnell entschieden; die Ferrari wechselten ihre Positionen beim ersten Boxenstopp und die Konkurrenz konnte nicht mit ihnen mithalten. Nur in den Punkterängen gab es noch etwas Bewegung, wobei vor allem Jarno Trulli durch seine Fahrt auf Rang 4 zu überzeugen wusste.

Insgesamt ist die Wiedergutmachung für das Vorjahresrennen geglückt. Die Formel 1 bot im Jahr 1 nach dem Indy-Fiasko ein für ihre modernen Verhältnisse gutes Rennen, das vor allem von der Startkollision, der hohen Ausfallquote und anderen Gesichtern in den Punkterängen lebte.

Teamanalyse: Rotes Leuchten

Fernando betrieb Schadensbegrenzung. - Foto: Sutton

Renault So schnell kann sich das Blatt wenden: In den letzten Wochen sprachen immer die Roten von Schadensbegrenzung, diesmal waren es die Gelb-Blauen, die sich über einen minimierten Schaden freuten. Dennoch ist das Bild von Indianapolis verzerrt. Die konservative Reifenwahl von Michelin gab Ferrari und Michael Schumacher die Zügel in die Hand. Beim nächsten Rennen in Magny Cours könnte es schon wieder genau andersherum sein, besonders da Renault bei seinem Heimrennen alle Kräfte mobilisieren wird, um seinen Fans einen Doppelsieg zu schenken.

Ferrari Bis Ferrari und Bridgestone in Frankreich das Gegenteil beweisen können, muss Indianapolis als Eintagsreifen angesehen werden. Denn am Auto konnte Ferrari zwischen Kanada und USA nichts verändern - die 1,5 Sekunden Vorsprung wurden durch die Reifen herausgeholt, wobei Bridgestone keinesfalls mit einem Wunderreifen aufkreuzte, sondern Michelin mit seinen Pneus auf Nummer sicher ging. Trotzdem dürfte der Doppelerfolg den Italienern Auftrieb für die zweite Saisonhälfte geben - ob es zu mehr als einer abwechslungeriechen zweiten Halbzeit reichen wird, bleibt abzuwarten.

McLaren Seit Monaco befand sich McLaren Mercedes auf dem aufsteigenden Ast, in Indy wurde dieser Aufwärtstrend jäh gestoppt; und zwar nicht erst durch die Silberpfeil-Kollision zwischen Kurve 1 und 2. Schon am Samstag waren die Chrompfeile nicht schnell genug. Juan Pablo Montoya fiel derweil erneut durch den produzierten Schrott auf.

Honda ließ seine Formkurve leicht ansteigen.. - Foto: Sutton

Honda Rubens Barrichello bescherte den Japanern ein versöhnliches Ende der ansonsten enttäuschenden Nordamerika-Tournee. Jetzt setzen sie ihre Hoffnungen auf neue Aerodynamikteile, die in dieser Woche in Jerez gestet werden. Damit soll es ab Magny Cours wieder bergauf gehen. Mit BMW Sauber und Toyota hängen ihnen schließlich gleich zwei Verfolger im Getriebe.

BMW Sauber Für BMW wäre in Indy sehr viel drin gewesen: Jacques Villeneuve lag bis zu seinem Motorschaden auf Punktekurs und ohne Nick Heidfelds unverschuldete Flugeinlage wäre sicherlich eine doppelte Punkteankunft möglich gewesen. So verlor man etwas Boden auf Honda und rückte Toyota in der Team-WM etwas näher an die Hinwiler heran.

Toyota Ein Jahr nach seiner Pole Position sicherte sich Jarno Trulli die wohl verdienten WM-Punkte. Der Italiener war mit Rang 4 sogar unzufrieden, da er gerne noch vor Giancarlo Fisichella gelandet wäre. Der späte Ausfall von Ralf Schumacher dürfte nicht nur Toyota geärgert haben, auch bei Ferrari werden einige ob des zusätzlichen Punktgewinns von Fernando Alonso enttäuscht gewesen sein. Toyota konnte immerhin seinen Aufwärtstrend bestätigen und reist nun mit noch mehr Zuversicht zu den nächsten Rennen.

Frühes Aus für Christian Klien. - Foto: Sutton

Red Bull Endlich gab es wieder Punkte für Red Bull Racing. Hauptgarant dafür waren die beiden Startunfälle, in die allerdings auch Christian Klien verwickelt war. David Coulthard bedankte sich trotzdem artig bei seinem Spezialfreund: "Danke Juan!", sagte er zum Kolumbianer, dem er noch vor einigen Wochen einen "fürchterlichen Fahrstil" nachgesagt hatte. Ohne die Massenkollision am Start hätten die Bullen höchstwahrscheinlich keine Chance auf Punkte gehabt.

Williams Die Mitternachtsblauen legen derzeit eine der schlechtesten Serien ihrer Teamgeschichte hin. Auch in Indy gab es keine WM-Zähler für Nico Rosberg und Mark Webber. Der Australier schied bereits am Start aus und Rosberg verlor seinen Punkteplatz an David Coulthard. Bei den Mitternachtsblauen muss sich schleunigst etwas tun, wenn man in der WM-Wertung nicht die viertletzte Kraft bleiben möchte.

Toro Rosso Es ist vollbracht: Die Scuderia Toro Rosso hat ihren ersten WM-Punkte eingefahren - und diesmal darf sie ihn auch behalten! Nachdem Scott Speed seinen Punkt von Melbourne nachträglich zurückgeben musste, schaffte es diesmal Tonio Liuzzi einen STR1 in die Punkteränge zu steuern. Das Team setzte seine gute Form der Vorwochen fort und blieb stets in der Nähe des Schwesterteams.

Midland MF1 Racing bestätigte die Leistung von Silverstone und war bis zum Rennen weiter vorne als gewohnt anzutreffen. Das Rennen war jedoch schnell gelaufen. Tiago Monteiro kollidierte mit Takuma Sato und Christijan Albers schied mit Getriebeproblemen aus. Damit war die Chance dahin, die hohe Ausfallquote in ein gutes Ergebnis umzumünzen.

War dies da Abschiedsrennen für Franck Montagny? - Foto: Sutton

Super Aguri Die beste Nachricht für Super Aguri gab es schon vor dem Rennen: Der neue SA06 soll nun endgültig in Hockenheim debütieren; allerdings wurde das auch schon über den Frankreich GP gesagt... Auf der Rennstrecke konnten die Weißen die Gelegenheit auf ein kleines Wunder nicht ergreifen. Beide Fahrer wurden in Kollisionen verwickelt und schieden aus.

WM-Ausblick: Trotzdem alles schon gelaufen?

"Es sind noch 8 Rennen zu fahren und das ist eine Menge", rechnet Michael Schumacher vor und macht sich und seinem Team gleichzeitig Mut. "Es gibt noch 80 Punkte zu holen und mir fehlen gerade einmal 19 - es ist nicht unmöglich. Wir haben es drin."

An Aufgabe denkt der Ex-Champion nicht. Im Gegenteil: Man werde jetzt noch einmal Vollgas geben. Dennoch bremst Teamchef Jean Todt die Euphorie. "Man fühlt sich nur bis zum nächsten Rennen stark, wenn man so ein Rennen hinter sich hat. Das hilft aber nur für den Rückflug, und morgen arbeiten wir weiter", sagte Todt. "Wir sind aber immer noch hinten sowohl in der Fahrer- als auch in der Konstrukteurs-WM, daher sind wir eigentlich nicht in der Position, uns stark zu fühlen."

Es ist noch alles drin.
Michael Schumacher

Während sich also die Gewinner des Indy-Wochenendes in keiner starken Position sehen, fühlt sich der 'Verlierer' sehr wohl. "Ich denke, wir werden in Frankreich zu unserer bekannten Stärke zurückfinden", sagte Fernando Alonso. "Auch wenn wir die Ferrari auf dieser Strecke nicht angreifen konnten: In den zehn bisherigen Saisonläufen haben wir neun Mal dank Michelin den Vorteil der besseren Reifen genossen, die Scuderia profitierte bislang nur hier. Wenn diese Balance so bestehen bleibt, mache ich mir keine Sorgen."

19 WM-Punkte seien immer noch ein komfortabler Vorsprung. "Im vergangenen Jahr nahm ich exakt null Punkte aus Kanada und den USA mit. Dieses Mal waren es immerhin 14 Zähler, meine Führung in der WM ist weiterhin respektabel", so der Spanier. "Michael Schumacher konnte seinen Rückstand zwar ein wenig verkürzen, doch der Abstand ist weiterhin groß."


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