Die drei Rennen lange Formel-1-Pause scheint Isack Hadjar richtig gut getan zu haben. Kaum ist er wieder im Cockpit, fährt er schon aufs Podest. Damit erzielt er sein insgesamt drittes Top-3-Ergebnis. Red Bull darf sich mit Max Verstappen auf Platz zwei über das erste Doppel-Podium seit China 2024 freuen. Im Rennen zeigte er eine sehr zahme und fügsame Version seiner selbst.
Das Wichtigste nach dem Rennen: Auch nach 51 Runden ergo 306,153 Kilometern am Baku City Circuit geht es seinem Handgelenk gut. "Es ist etwas taub", meinte er noch in Park fermé, geschmerzt habe es aber nicht. "Ich habe das Gefühl, dass ich zum richtigen Zeitpunkt zurückgekommen bin."
Damit bezieht er sich nicht nur auf seine Verletzung, sondern auch auf die Leistung des upgedateten RB22, der in Baku mit Abstand das zweitschnellste Auto war. Dass die Charakteristika des Straßenkurses wie maßgeschneidert für den Red Bull waren, trug auch zum starken Ergebnis bei. Verstappen fehlten an der Ziellinie nur 0,196 Sekunden zum Sieg. Auf seinem Weg zur Beinahe-Sensation hielt er anfangs tatsächlich einen schnelleren Hadjar auf.
Schnellerer Hadjar lässt Verstappen vorbei - und will dann keine Teamorder
Die Ausgangslage: Verstappen startete nach einem Motorproblem im Qualifying auf Platz acht, pflügte sich schnell durchs Feld und lief schon in Runde zwei auf Hadjar auf. Im Tandemflug ließen sie Lando Norris sowie Charles Leclerc hinter sich und schlossen auf den Zweitplatzierten Oscar Piastri auf.
Auf der Anfahrt zur Ziellinie in Runde sieben kam der erste Funkspruch: "Verstappen ist das Auto hinter dir. Denk dran, Rennzeit ist unsere Priorität." Ein verblümter Ausdruck für: Mach Platz und kämpfe nicht. Hadjar fügte sich, Verstappen ging vorbei und führte das Duo hinter Piastri an. "Lasst sie uns jetzt zusammen schnappen", kündigte der vierfache Weltmeister daraufhin an.
Der Plan war also klar: Verstappen würde Hadjar im Overtake-Fenster mitziehen. Doch schnell zeigte sich die Schwachstelle in der Taktik. Hadjar war auf dem besseren Soft-Reifen schneller als Verstappen auf dem schwächeren Medium-Pneu. Piastri war ebenfalls auf der weichsten Mischung unterwegs und konnte seine Position verteidigen. Verstappen fiel aus dem Overtake-Fenster, wodurch Hadjar, der dank des Overtake-Modes von Verstappen auch noch mehr Energie zur Verfügung hatte, auch langsamer machen musste.

Eine Teamorder, um das offensichtlich schnellere Auto vorbeizuwinken, gab es aber nicht – das lehnte Hadjar sogar ab. "Wenn du freie Fahrt hättest, wie viel schneller könntest du sein?", kam die Frage seines Renningenieurs Richard Wood in Runde 17. "Nur zwei oder drei Zehntel, aber ich bin glücklich dort, wo ich bin, ehrlich gesagt. Sonst verlieren wir nur Zeit", so ein überraschend ruhiger Hadjar. Der junge Franzose ist eigentlich eher für seine Wutausbrüche am Funk bekannt.
Lange hielt die Ruhe aber nicht an. Je länger sich die Piastri-Verfolgung hinzog und je langsamer Verstappen wurde, desto dünner wurde Hadjars Geduldsfaden. "Sag ihm, dass er anziehen soll", folgte die Aufforderung an Verstappen wenige Runden später. "Hat er Probleme mit den Reifen? Ich habe Pace, nur für den Notfall", funkte er kurz danach. Auf der Start-Ziel-Geraden kamen sich die beiden ein paar Mal so nahe, dass Verstappen schon anfing, die Verteidigungslinie zu fahren. Erinnerungen an Baku 2018 wurden wach.
Warum gab es keine Red-Bull-Teamorder in Baku? Mekies erklärt
Die Diskussion erübrigte sich, als in Runde 31 das Safety Car auf die Strecke kam. Verstappen und Hadjar kamen hintereinander zum Reifenwechsel. Hadjar verlangsamte sogar bewusst, damit er beim Doppel-Boxenstopp nicht hinter Verstappen warten musste. Er bekam den unvorteilhafteren Medium-Reifen drauf und konnte daraufhin nicht mehr mit seinem Teamkollegen mithalten. Dass Piastri unter seinem Druck brach und sich in Kurve eins gehörig verbremste, beförderte ihn auf Platz drei.
"Es war eine hohe Safety-Car-Wahrscheinlichkeit", verteidigt Red Bulls Teamchef Laurent Mekies die Entscheidung, auf die Teamorder zu verzichten. "Wir dachten, es wäre das Beste, die Autos in dieser Reihenfolge so nah wie möglich zusammenzuhalten." Dass Verstappen das letzte Mal, als man ihn bat, für einen Teamkollegen Platz zu machen, den Vorschlag vehement ablehnte, sprach er nicht an.
Stattdessen lobte der Teamchef seinen jungen Piloten für seine "clevere" Fahrweise in Baku: "Er ist sehr schlau mit Max umgegangen und war diszipliniert mit seinen Reifen. Das hat es ermöglicht, dass die beiden gut als Team arbeiten konnten, was zum bestmöglichen Resultat führte. Seine Auffassungsgabe im Cockpit entwickelt sich stetig und die Kontrolle über seine Emotionen verbessert sich genauso schnell wie sein Speed."
Hadjar holt zweites Red-Bull-Podium: Fühlt sich an wie das erste!
"Ein besseres Comeback als das gibt es eigentlich nicht", freut sich Hadjar über sein zweites Red-Bull-Podium, das er als sein erstes ansieht. "In Monaco war ich auf dem Podium, aber nicht wegen reiner Pace oder weil ich mich in den Top 3 qualifiziert habe. Deshalb fühlt sich das hier wie das echte erste Mal mit dem Team an. Ich hatte ein sehr sauberes Wochenende und habe mich aufs Podest gekämpft."

Das sorgt für Selbstbewusstsein beim 21-Jährigen, der vor dem Aserbaidschan-GP eine Vertragsverlängerung bekam. Red Bull ist nach dem Rennen aber nicht nur mit seiner Fügsamkeit sehr zufrieden. "Die Rennpace, die er auf dem Medium und dem Soft gezeigt hat, haben wir zuvor noch nicht gesehen", zeigt sich Mekies begeistert. "An seinem Comeback-Wochenende hat er wieder die Messlatte angehoben, wie so oft in diesem Jahr. Seine Lernkurve hat uns sehr beeindruckt, seit er beim Team ist. Das ist vielversprechend für die Zukunft."



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