0,196 Sekunden. Diese Zeit entspricht gerade einmal etwa einem halben Wimpernschlag. Und doch waren es genau diese knapp zwei Zehntel, die Max Verstappen auf seinen ersten Sieg in der laufenden Formel-1-Saison fehlten. In den letzten Runden setzte er George Russell konstant unter Druck und ließ ihn nie abreißen, die entscheidende Überholmöglichkeit kam aber nie.

Eine wirkliche Siegchance hatte er sich allerdings nie ausgerechnet. "Selbst wenn ich als Zweiter gestartet wäre, hatte George zu viel Pace, um überholt zu werden", ist Verstappen sicher. Er startete den Aserbaidschan-GP trotz eines starken Wochenendes von Platz acht, weil im Qualifying ein Problem mit seiner Power Unit auftrat, das ihn mehrere Zehntel auf der Geraden kostete.

Ohne diese Einschränkung wäre er wahrscheinlich aus der ersten Reihe gestartet. Einen großen Unterschied hätte das für ihn aber nicht gemacht: "Vielleicht hätte ich ihm [Russell, Anm. d. Red.] besser folgen können. Es hätte meinen ersten Stint leichter gemacht, weil ich dann nicht so viele Autos hätte überholen müssen. Aber dann hätten wir direkt hintereinander geboxt. Wir wären praktisch das gleiche Rennen gefahren und hätten uns bis zum Ende gegenseitig gepusht."

Verstappens erster Stint bringt Hadjar zur Verzweiflung

Über Nacht tauschte Red Bull Verstappens Verbrennungsmotor – seinen letzten aus dem erlaubten Kontingent –, was ihm die Leistung aus den Trainings und mehr zurückgab. Schon in Runde sieben hatte er sich auf Platz drei vorgearbeitet. Das gelang auch mit der Hilfe seines Teamkollegen Isack Hadjar, der brav den Nummer-zwei-Fahrer spielte und Verstappen ohne Beschwerden vorbeiließ.

Doch damit hörte die Leichtigkeit auf. Es wurde schnell klar, dass der Medium-Reifen dem Soft-Pneu unterlegen war. 24 Runden mühte sich Verstappen hinter Oscar Piastri mit der weicheren Mischung ab, konnte zwar über einen Großteil der Zeit im Overtake-Fenster bleiben, aber nie überholen. Hadjar, der auf Platz vier mit dem Soft-Reifen mühelos die Pace seines Teamkollegen halten konnte, wurde mit jedem Umlauf ungeduldiger.

Offen drängte er nie auf eine Teamorder, wies das Angebot sogar einmal zurück, aber die Temperatur in Hadjars Cockpit wurde immer höher, denn langsam holte auch der Ferrari von Charles Leclerc wieder auf.

"Die ersten paar Runden waren stark, aber dann haben die Reifen einfach nicht funktioniert", weiß Verstappen. "Es ging im ersten Stint dann nur ums Überleben und darum, so lange draußen zu bleiben wie möglich. Das Safety Car kam dann zum perfekten Zeitpunkt." In Runde 31 wurde nach einem Crash von Alex Albon endlich das von allen heiß ersehnte Safety Car ausgerufen. Verstappen wechselte auf Soft, ging beim Restart in Kurve eins an Piastri vorbei und machte Jagd auf George Russell.

Russell vs. Verstappen in Baku: Größter Spaß, den ich je hatte!

Nach der zweiten Safety-Car-Unterbrechung waren die beiden Lieblingsrivalen in Baku in einer eigenen Liga. Zusammen ließen sie das Feld hinter sich und lieferten sich über die finalen 13 Runden ein Katz-und-Maus-Spiel. Verstappen holte auf der langen Gerade ständig auf, Russell vergrößerte den Abstand wieder im langsamen Mittelsektor.

"Ich muss sagen, dass die letzten Runden echt lustig waren", überraschte Verstappens Fazit zum Duell mit dem Mercedes. "Wir haben gar nicht mehr auf Reifenverschleiß geachtet, wir haben nur gepusht. Wir waren nie weiter als eine Sekunde auseinander. Das war cool. Ich habe die Wand ein paar Mal geküsst, ich musste ja meine Spuren hier in Baku hinterlassen", scherzt er.

Max Verstappen und George Russell in Baku
Nach dem Rennen war die Stimmung zwischen Russell und Verstappen gut, Foto: IMAGO / Every Second Media

Auch für den Zweiten im Bunde war der Schlusssprint vergnüglich. "Der letzte Stint war vielleicht der größte Spaß, an den ich mich in einem Rennen erinnern kann", meint Russell. "Die Reifen haben sich toll angefühlt, es war jedes Mal wie eine Qualifying-Runde. Es hat sich wie die Geschichten von älteren Fahrern aus der Mitte der 2000er-Jahre angefühlt, in denen es kein Reifenmanagement gab. Es war unglaublich lustig."

Kann Red Bull 2026 noch gewinnen? Diese Stolpersteine gibt es

Nie war der Abstand zwischen Verstappen und Russell geringer als bei der Zielflagge. Auf der letzten Runde löste Valtteri Bottas eine gelbe Flagge aus. Der Mercedes verlangsamte daher in Kurve 15, verlor den Turboantrieb und eine ganze Sekunde Zeit. Doch zum Sieg reichte es für Verstappen nicht. "Es hat knapper ausgesehen, als es war. Ohne diesen Boost-Verzug war ich eine Sekunde hinten, dort wären wir eigentlich gewesen", ist Verstappen mit dem Ergebnis abgeklärt.

So nah war er dem Sieg in diesem Jahr noch nie. In Österreich fehlten ihm 1,611 Sekunden auf den ersten Platz. Für Red Bull sprang mit Hadjar auf P3 sogar das erste Doppelpodium seit China 2024 heraus. Kann Verstappen dieses Jahr noch einmal ganz oben stehen? "Das Auto hat sich das ganze Wochenende gut angefühlt. Es ist kohärenter und die Balance ist besser", fällt das Fazit des Red-Bull-Fahrers zum upgedateten RB22 positiv aus.

Doch es gibt immer noch Stolpersteine auf seinem Weg zum obersten Podestplatz. "Das Auto hat immer noch Einschränkungen, die wir in diesem Jahr nicht reparieren können. Das kostet uns viel Rundenzeit. Wir haben also noch viel Arbeit vor uns", so Verstappen. Und die Konkurrenz schläft nicht: Mercedes wird schon nächstes Wochenende in Malaysia ein Update-Paket bringen. "Wenn diese Teile funktionieren und Mercedes damit einen Schritt nach vorn macht, dann wird es noch schwieriger für uns, zu gewinnen. Wir werden es aber jedes Wochenende versuchen. Wenn sich die Möglichkeit anbietet, werden wir sie ergreifen."

Worst-Case-Szenario für Alpine in Baku: Franco Colapinto räumt beim Restart Teamkollege Pierre Gasly ab. Eine Großchance auf Punkte wurde zerstört. F1-Weltmeister Lando Norris ist außer sich. Alles dazu erfahrt ihr im folgenden Artikel: