Warum war George Russell in der Ground-Effect-Ära der Formel 1 mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht sogar besser als Lewis Hamilton und Kimi Antonelli, nur um nach dem Regelumbruch 2026 fast an jedem Wochenende die zweite Geige mehrere Zehntel hinter Antonelli zu spielen? Russell hat sich in den letzten Wochen auf das Thema Fahrstil versteift. Seine Logik stößt jedoch auf Widerstand bei jenen, die sie betrifft, und die er nennt.
Nachdem Russell am Donnerstag vor dem nächsten Rennen in Madrid aber erst einmal eingestehen muss, dass er in Monza wohl die bessere Strategie hatte, und trotzdem von Kimi Antonelli geschlagen wurde: "Wir sagten vorab, dass es am schnellsten wäre, das Rennen auf dem Hard zu starten und ohne Stopp durchzufahren." Was ihm effektiv durch die rote Flagge ermöglicht wurde.
Antonelli musste auch beim Restart von deutlich weiter hinten losfahren, zwischendurch mit der auf dem Papier schlechteren Strategie stoppen und wieder 10 Sekunden herschenken, und gewann trotzdem. "Die Realität ist, dass er aktuell besser abliefert als ich", akzeptiert Russell. "Wenn ich stoppe und er draußenbleibt, gewinnt er vielleicht immer noch das Rennen. Vielleicht auch nicht, aber daran muss ich weiter arbeiten."
Russell deutet auf Leclerc, Piastri, Verstappen: Uns passt diese Formel 1 nicht
Für Russell ist das alles eine Fahrstil-Nummer: "Es ist eine komische, seltsame Saison, wenn du dir Piastri gegen Lando letztes Jahr anschaust, Charles gegen Lewis, und selbst die Dominanz von Max gegen alle seine Teamkollegen in der letzten Ära." 2026 aber leiden Oscar Piastri und Charles Leclerc. Besonders Piastri liegt teilweise weit hinter Lando Norris zurück. Max Verstappens Teamkollegen sind meist innerhalb von drei Zehnteln des vierfachen Weltmeisters.
"Und ich denke, wir haben alle sehr ähnliche Fahrstile", vergleicht sich Russell mit Piastri, Leclerc und Verstappen. Die auf der anderen Seite erfolgreichen Fahrer der neuen Ära lassen sich für ihn in eine andere Fahrstil-Gruppe stecken: "Kimi, Lewis und Lando haben auch recht ähnliche Fahrstile. Für mich ist es mit diesem Auto also recht klar, mit diesen Reifen, was ich tun muss. Und die Trends sind da, mit den Fahrern, die ich gerade erwähnt habe."
So eine Umstellung ist in der Formel 1 nicht einfach. Der Simulator ist keine perfekte Antwort, da er Grip-Verhältnisse und Details und natürlich das absolute Speed-Gefühl nicht ganz abbilden kann. Das sind alles Faktoren, welche das Vertrauen eines Fahrers massiv beeinflussen. Deshalb muss er auf eine echte Strecke. Da in der modernen F1 Testfahrten streng reguliert sind, zwingt das Russell, seine Fahrstil-Experimente während der Wochenenden zu machen.
"Es ist schwierig, die Trainings als Chance zum Austesten herzunehmen, sogar in den Rennen muss man was probieren und an den Techniken arbeiten", so Russell zu Motorsport-Magazin.com. "Als ob du im Fußball mit was Probleme hast, aber sie sagen dir, du darfst erst am Tag vor dem Spiel trainieren und kriegst nur zwei Stunden."
Lando Norris zweifelt an Russell-Logik: Gute Formel-1-Fahrer passen sich an
Der von Russell in der Gruppe der gut mit 2026 zurechtkommenden Fahrern genannte Lando Norris wurde kurz darauf in seiner Presserunde darauf angesprochen. Und teilte Russells Meinung nicht: "Ich glaube nicht, dass ich so fahre wie Kimi, oder Lewis, aber ich hatte die natürlich nie als Teamkollegen, also weiß ich es nicht."
"Ich glaube nicht, dass er mit Wissen darüber sprechen kann", meint Norris und überrascht - trotz seiner dieses Jahr äußerst starken Leistungen, besonders im internen Vergleich mit Oscar Piastri: "Mein Fahrstil passt nicht zu diesem Auto. Meine Anpassungsfähigkeit erlaubt es mir, das Auto zu fahren, das ich habe. Meine Stärke ist diese Anpassung an unterschiedliche Fahrstile."
"Letztes Jahr hatte ich zu Beginn nicht unbedingt das, was ich brauchte", vergleicht es Norris mit der ersten Saisonhälfte von 2025, als er mit einer zu stumpfen Vorderachse haderte und im Qualifying-Trimm zu viele Fehler machte. "Und mit meiner Stärke der Anpassung konnte ich dann endlich verstehen, wie ich es besser fahren konnte. Daher hatte ich eine bessere zweite Saisonhälfte." Mit der er sich seinen WM-Titel holte.
"Und dieses Jahr ist es dasselbe, du kannst dieses Auto nicht einmal ansatzweise so fahren, nicht einmal ein Prozent aus dem Vorjahr übernehmen", meint Norris. Es ist eine andere mechanische Balance, die Reifen sind anders, die Reifentemperaturfenster ebenfalls, das Abtriebslevel, und natürlich das Energiemanagement. "Daran musst du dich anpassen." Und bei der geringen Fahrtzeit auf der Strecke sind Fahrer, welche die Folgen davon schneller erfassen, dann im Vorteil.
George Russell zu langsam mit Umstellung seines Formel-1-Fahrstils?
Irgendwo scheint sich Russell zumindest dem Aspekt der zeitnahen Anpassung selbst bewusst. "Ich habe eine Antwort, und ich arbeite daran, und es hat sich denke ich stark verbessert. Also bin ich zufrieden mit dem Schritt. Fundamental den Fahrstil zu ändern, das können denke ich schon viele Fahrer, aber es schnell zu schaffen ist ein anderes Thema."
"Ich denke, meine Leistung seit der Sommerpause - ich war in drei Qualifying-Sessions vor ihm und meine Rennpace war in diesen zwei Rennen auf seinem Niveau", will Russell glauben. Obwohl er in Monza im Rennen eben von Antonelli auf einer anderen, potenziell schlechteren, Strategie eingeholt wurde. Und im Qualifying Antonelli aufgrund seiner Motorstrafe keine Q3-Runde mit Windschatten zugestanden bekam und seine echte Pace nie zeigen konnte.
Auch Verstappen dürfte Russells Logik nicht teilen. Der Niederländer ist seinerseits fest davon überzeugt, dass der Grund für seinen geschmolzenen Vorsprung woanders zu suchen ist. Nämlich darin, dass das Energie-Management die Unterschiede zwischen Fahrern abflacht, und dass Top-Fahrer am Limit keinen so großen Unterschied mehr machen und stattdessen das Ausbalancieren des Energiemanagements der Schlüssel ist.
Russell versteift sich aber auf die relativen Erfolge, erst recht nach dem desaströsen Frühsommer: "Vor der Pause konnte ich das nicht sagen. Ich bin auf jeden Fall zufrieden mit dem Fortschritt. Mal schauen, was der Rest der Saison bringt."



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