Bislang kennen die Formel-1-Piloten den brandneuen Madring größtenteils nur aus dem Simulator – mit einer Ausnahme: den Ferrari-Piloten. Fernando Alonso konnte sich in der offiziellen FIA-Pressekonferenz daher eine kleine Spitze bezüglich des umstrittenen Ferrari-Filmtags vor zwei Monaten nicht verkneifen. "Ich bin den Kurs nur im Simulator gefahren. Vielleicht stellst du die Frage besser an die Ferrari-Jungs", schmunzelte der Lokalmatador auf die Frage nach seinem ersten Eindruck vom Stadtkurs.

Als erste Orientierung diente der zweitägige Formel-3-Test im August, bei dem sage und schreibe 19 Mal die rote Flagge geschwenkt werden musste. "Die Strecke ist nicht einfach, das hat die Formel 3 klar bestätigt", so Alonso. Pierre Gasly würde sogar Geld darauf wetten, dass auch die Formel 1 an diesem Wochenende mehrfach "Rot" sehen wird. "Es wird extrem anspruchsvoll, besonders was die Streckenentwicklung angeht – da wird sich im Laufe des Wochenendes vermutlich sehr viel tun. Die Anbremszonen sind gewöhnungsbedürftig, da sie nicht komplett gerade sind, sondern leicht geschlängelt verlaufen", meinte der Alpine-Pilot, der vor einer Woche in Monza seine erste Pole Position holte.

Steilkurve La Monumental Madring
Die am meisten diskutierte Passage auf dem Madring ist die Steilkurve La Monumental, Foto: IMAGO/HochZwei
Track Walk der Fahrer am Madring
Die Piloten nahmen die Passage beim Track Walk unter die Lupe, Foto: IMAGO/PsnewZ
Impressionen vom Madring
Der Madring bietet laut den Fahrern jede Art von Kurve, Foto: IMAGO/HochZwei
Eindrücke vom Madring
Die Start-Ziel-Gerade ist 523 m lang, der Weg von Pole zur T1 252m, Foto: IMAGO/DeFodi Images

Monaco, Jeddah oder Singapur? F1-Piloten vergleichen Madring

Mit einem ähnlichen Erfolg rechnet er in Madrid nicht, jedoch glaubt er, dass gerade auf dem Madring der Fahrer einen Unterschied machen kann. "Die Strecke ähnelt Monaco: Wenn man hier auch nur einen kleinen Fehler macht, hat das sofort Konsequenzen", so Pierre Gasly. Während er Parallelen zu Monaco zieht, vergleichen andere Piloten das Layout mit dem Jeddah Corniche Circuit, wo seit 2021 der Große Preis von Saudi-Arabien ausgetragen wird. "Der Kurs ist ein bisschen beängstigend. Er erinnert mich etwas an Jeddah", sagte Sergio Pérez.

Ferrari-Pilot Charles Leclerc feierte den neuen Stadtkurs, besonders eine Kurve hat es ihm angetan. Mehr dazu gibt's hier:

Auch Kimi Antonelli stuft den Madring als "den risikoreichsten Kurs des gesamten Kalenders" ein. "Man hat extrem schnelle Kurven wie in Jeddah, die Mauern stehen sehr nah. Es gibt keinerlei Raum für Fehler," analysiert Antonelli. "Aus einer Highspeed-Passage geht es direkt in eine langsame Anbremszone, in der man gleichzeitig bremsen und einlenken muss. Stehende Räder sind vorprogrammiert – und wer hier blockiert, rauscht direkt in die Mauer." Besonders die Rechtskurve T17 gilt als kritischer Punkt, da nach einem schnellen Linksschwung hart verzögert werden muss. Auch die Schikane der Kurven 5 und 6 stellte sich beim F3-Test als Nadelöhr heraus.

F1-Premiere: Brenzlige Situationen vorprogrammiert?

Viele blinde Scheitelpunkte verlangen ein Einlenken nach Gefühl. "Man lenkt gewissermaßen aus einem blinden Fleck heraus ein und muss versuchen, einen imaginären Punkt zu treffen", erklärte Alex Albon. "Das erfordert viel Wiederholung und Muskelgedächtnis, nur um das Timing hinzubekommen. Weil man den Scheitelpunkt nicht sieht, verlässt man sich komplett auf seine innere Uhr." Wie in Jeddah könnten die blinden Kurven im Qualifying für brenzlige Situationen sorgen, wenn Fahrer auf schnellen Runden rasch auf Fahrzeuge auflaufen, die sich auf einer Aufwärm- oder Auslaufrunde befinden.

Die Anforderungen des Madring werden wohl auch die Unterschiede zwischen den Fahrzeugen verstärken, da Autos mit effizienterem Abtrieb eine bessere Leistung der elektrischen Komponenten ihrer Power Unit nutzen können. Auf das Energiemanagement an diesem Wochenende angesprochen, tat sich Sergio Perez schwer mit einer Aussage. "Im Simulator kann ich das Thema Energiemanagement natürlich nicht wirklich austesten. Ich glaube, das Überholen wird hart werden. In meinen Augen ist die Strecke eher mit Singapur vergleichbar."

Zusätzlich verschärft das Höhenprofil die Dynamik: Der höchste Punkt liegt bei Kurve 7 auf knapp 700 Metern über dem Meeresspiegel. Der dorthin führende Abschnitt, der bei Kurve 6 beginnt, weist eine Steigung von 8 % und einen Höhenunterschied von 10 Metern auf. Der niedrigste Punkt der Strecke befindet sich bei Kurve 2, mit einem Höhenunterschied von 26 Metern im Vergleich zu Kurve 7. Die zweite Schikane führt jedoch direkt in einen Anstieg, sodass die Fahrer so viel Schwung wie möglich mitnehmen müssen – allerdings steht am Ausgang eine Mauer, und die Anfahrtslinie wird durch steile Kerbs erschwert.

Max Verstappens erste Runde am Madring verlief nicht so gut:

Den extremen Herausforderungen begegnete George Russell mit britischem Humor: "Als ich von den vielen roten Flaggen im F3-Test gehört habe, war ich etwas überrascht. Nachdem ich selbst im Simulator gefahren bin, war ich überrascht, dass es nur 19 rote Flaggen waren – es ist eine absolut verrückte Strecke." Esteban Ocon sieht in den Tücken der Strecke jedoch auch die größte Chance. "Die Strecke belohnt diejenigen, die das höchste Risiko eingehen. Es gibt sehr viele Unbekannte, und das ist gut – denn das bietet hoffentlich Gelegenheiten für die Autos im Mittelfeld."

Hülkenberg über Madrid: Keine Sicherheitsbedenken

Die am meisten diskutierte Passage auf dem Madring ist die Steilkurve "La Monumental“. Was diese Passage so außergewöhnlich macht, ist nicht nur ihre schiere Länge, sondern vor allem ihre extreme Dynamik. Die Kurve setzt sich aus insgesamt sechs verschiedenen Radien zusammen (von engen 96 Metern bis hin zu weiten 341 Metern), was den Fahrern über mehrere Sekunden hinweg absolute Millimeterarbeit am Lenkrad abverlangt. Zusätzlich verändert sich die Querneigung im Verlauf der Kurve kontinuierlich und gipfelt in einer spektakulären Steilkurve mit bis zu 24 Prozent Steigung.

Hier könnte es durchaus zu Zwischenfällen kommen, wenn die Fahrer die Grenzen einer Kurve austesten, in der sie mehr als vier Sekunden lang voll – oder nahezu voll – auf dem Gas stehen werden. Sicherheitsbedenken gibt es unter den Piloten nicht. "Die Strecke verzeiht nichts, aber ich glaube, dass wir ein sehr gutes Streckenposten-System installiert haben, falls etwas passiert. Zusätzlich haben wir auch das Mirroring-System: Wenn weiter vorne etwas passiert, gibt es bereits zwei oder drei Anzeigenfelder davor eine Warnung. In dieser Hinsicht sind wir also bestens abgesichert. Aber es ist definitiv ein Kurs, der extrem anspruchsvoll werden wird", stellte Nico Hülkenberg klar.

So entsteht ein neuer F1-Kurs: Der Bau des Madring im Zeitraffer (01:09 Min.)