"Vier Sekunden über seinem Delta." Das hatte George Russell direkt nach dem Rennen in Monza im Cooldown-Raum gegenüber Max Verstappen gleich einmal loswerden müssen. Beim Virtuellen Safety Car war Russell in Runde 29 hinter einem bizarr langsamen Cadillac steckengeblieben. Sergio Perez erklärt jetzt die Hintergründe.

Bei einer Neutralisierung eines Formel-1-Rennens mit dem Virtuellen Safety Car gilt bekanntlich für alle Fahrer kein km/h-Limit, sondern sie müssen in den einzelnen Mikrosektoren der Strecke eine Minimalzeit fahren. So wird sichergestellt, dass jeder langsam fährt, und zugleich haben die Fahrer etwas Spielraum, um etwa mit Beschleunigen und Bremsen ihre Reifen auf Temperatur zu halten.

Sergio Perez erklärt: Darum fuhr ich vor Russell so langsam

Russell hatte unter dem VSC geführt. Sergio Perez war schon nahe der Überrundung, und wurde dann auch von seinem Team zum Boxenstopp gerufen. Es war ein langsamer Stopp, Perez verbremste sich beim Einfahren und fuhr über die Standmarkierungen hinaus. Der Reifenwechsel dauerte über sechs Sekunden. Dadurch kam Perez nur Meter vor Russell bei noch aktivem VSC auf die Strecke.

Nun nahm Perez raus aus der ersten Schikane erst einmal Gas weg. Das war noch nachvollziehbar, denn gerade wurde der Restart angekündigt. "Du versuchst immer ein bisschen Spielraum zum VSC zu erzeugen, damit du das Timing hinbekommst und schon voll am Gas stehst, wenn Grün kommt, um so wenig Zeit wie möglich zu verlieren", erklärt Perez ein paar Tage später am Donnerstag in Madrid.

Doch als Perez dann in der Curva Grande aufs Gas stieg, kam nichts: "Meine Batterie war leer. Aus irgendeinem Grund hatte ich keine Leistung, also konnte ich mein Delta nicht aufholen. Dann habe ich Zeit verloren, und dadurch hat George Zeit verloren." Die Telemetriedaten der Runde zeigen, dass Perez tatsächlich voll am Gas stand. Russell dahinter muss durch Curva Grande mehrmals fast komplett vom Gas, weil das VSC noch aktiv war und er nicht überholen durfte.

Spielte Sergio Perez im Kampf um den Monza-Sieg eine Rolle?

Russell verlor das Rennen um 3,857 Sekunden gegen Kimi Antonelli, der nach einem Boxenstopp unter dem VSC eine große Aufholjagd hinlegte und Russell vier Runden vor Schluss erlegte. Hätte Antonelli Russell nun ohne Perez also erst in der letzten Runde eingeholt und womöglich keine Attacke mehr setzen können?

So exakt lässt sich das rückblickend leider nicht feststellen. Russells Delta auf dem Lenkrad mag ihm an einem Punkt vier Sekunden angezeigt haben, worauf er sich später im Cooldown-Raum bezog. Aber der tatsächliche Netto-Zeitverlust scheint geringer. Wichtig ist hier festzuhalten, dass nicht nur Verkehr, sondern auch Position auf der Strecke eine Rolle spielen können.

Kimi-Antonelli-Ära eingeläutet? Danner: George Russell ist definitiv angebrochen! (36:12 Min.)

Verlässlich lässt sich am einfachsten Russells relative Lücke zu Oscar Piastri, Lewis Hamilton und Lando Norris vergleichen, jene drei Fahrer, die wie Russell beim VSC auf der Strecke blieben. Relativ zu Piastri und Hamilton verlor Russell ungefähr zwei Sekunden, relativ zu Norris eineinhalb.

Eine exakte Wissenschaft werden diese VSC-Lücken nie sein. Aber zwei verlorenen Sekunden würden lediglich bedeuten, dass Antonelli in etwa zwei Runden länger gebraucht hätte, um zu Russell aufzuschließen. Dann hätte er immer noch fünf Runden Zeit gehabt. Länger als er in der Realität brauchte, um - selbst mit dem gescheiterten ersten Versuch und Kiesbett-Ausritt in der ersten Kurve - die Führung zu erkämpfen.

Perez hat vor Madrid viel größere Sorgen. Kaum gute Vorbereitung im Simulator plagen ihn und auch andere Ferrari-Kunden. Denn die Werksmannschaften liefern stets erst sehr spät gute Daten zum Energiemanagement. Mehr dazu hier: