Mit dem Urteil des Internationalen Berufungsgerichts der FIA hat der Monaco-GP endlich ein finales Ergebnis. Oder? Denn knappe zwei Stunden nachdem das Urteil verkündet wurde, erlebt die Formel 1 in der Pressekonferenz einen Eklat. Alpine-Chefberater Flavio Briatore beschuldigt einen der Richter im Prozess der Befangenheit zugunsten von McLaren.
McLaren hatte zusammen mit Red Bull den Prozess ursprünglich angestoßen. Nachdem die Stewards von Monaco nachträglich zwei Zeitstrafen gegen Pierre Gasly für das Übertreten des Tempolimits in der Boxengasse wieder aufgehoben hatten. Das Berufungsgericht gab der McLaren-Argumentation recht, dass die Aufhebung nicht rechtens war, und setzte die Strafen wieder ein. Gasly wurde von P3 zurück auf P7 gestuft. Mehr zur Argumentation dahinter gibt es hier:
Kurz darauf trafen sich Briatore und McLaren-Teamchef Andrea Stella in Monza in der schon davor angesetzten Pressekonferenz. Es dauerte keine Minute, bis Briatore - der mit einem Blatt Papier aufgetaucht war - für einen Eklat sorgte: "Wir akzeptieren die Entscheidung. Aber was seltsam ist: Es waren vier Richter, einer von ihnen verhielt sich wie ein Ankläger. Das ist an und für sich kein Problem. Das Problem ist, dass er sehr eng mit dem McLaren-Unternehmen verbunden ist."
Flavio Briatore findet Fotos von Berufungsrichter bei McLaren-Event
Briatore geht es um die Anwesenheit des Richters Filippo Marchino bei einem Event von McLaren Special Operations im Jahr 2018. MSO ist die Personalisierungs-Abteilung des Straßenwagen-Arms des Konzerns. Marchino ist ein erfahrener US-italienischer Anwalt und Gründer der kalifornischen X-Law Group, außerdem Amateur-Rallyefahrer, und eben einer der 36 Richter des Internationalen Berufungsgerichtes.

Diese Richter sind prinzipiell von der FIA unabhängig. Sie werden lediglich von der FIA-Generalversammlung für eine Amtszeit gewählt. Jeder Prozess des Gerichtes wird von einer Auswahl übersehen. Im Monaco-Prozess war Marchino unter einer Gruppe von vier Richtern. Den Vorsitz führte Michael Grech aus Malta. Der Rechtskodex der FIA verlangt, dass ein Richter jede potenzielle Befangenheit sofort meldet und sich bei einer direkten Verbindung zu einer der beteiligten Parteien vom Prozess zurückzieht.
Briatores Meinung ist unmissverständlich: "Wir haben ein nettes Bild von dem Typen bei McLaren 2018 bei MSO Beverly Hills. Er hat eine Stiftung, One Drop Foundation, und McLaren hat zwei oder drei Autos hergegeben. Das war ziemlich unfair, einer der Richter in Verbindung mit einem Team, das gegen uns vorgeht."
Bei der One Drop Foundation handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die in verarmten Regionen der Welt nachhaltigen Zugang zu Wasser und sanitäre Einrichtungen schaffen will. Marchino sitzt im Aufsichtsrat.
Abgesehen von Marchinos einmaligem Auftreten bei dem MSO-Event 2018 in Beverly Hills liefert Briatore keine Beweise für eine Befangenheit. Trotzdem lässt er nicht locker: "Wir hatten keine Idee, dass er mit McLaren zusammenhängt. Wir gehen zur Anhörung, und es war sehr witzig, der Richter war kein Richter, er war ein Strafanwalt gegen uns, gegen die FIA, gegen die FOM. Nach der Anhörung, oder kurz davor, finden wir dann heraus, dass er mit McLaren zusammenhängt. Ziemlich unfair."
McLaren-Teamchef platzt der Kragen: Das ist beleidigend
Der während Briatores Tirade auf der anderen Seite der Couch sitzende McLaren-Teamchef Andrea Stella wurde im Verlauf der Pressekonferenz zunehmend ungehalten. Bei der ersten Nachfrage wollte er auf die Anschuldigungen noch nicht eingehen, lobte lediglich das Urteil und die Auslegung von Paragraf 1.1.1 des Internationalen Sportkodex der FIA, in dem es um die einheitliche und berechenbare Anwendung von regulativen Prozessen geht.
Briatore kommentierte das bloß mit: "Der Richter sollte unabhängig sein, nicht jemand, der eine Ansprache für McLaren hält, der ein McLaren-Auto bei einer Charity nutzt. Das ist der Punkt. Der Punkt 1.1... 3.2.4.5... ist mir egal. Ich bin sehr überrascht, dass dieser Typ mit McLaren zusammenhängt."

Schließlich platzte Stella der Kragen: "Ich finde, diese Konferenz geht in eine ziemlich beleidigende Richtung für McLaren. Für die Reputation eines Teams, das viel Respekt verdient. Wenn jemand solche Anschuldigungen macht, die sehr ernst scheinen, dann wird er die Verantwortung schultern müssen, das in einem öffentlichen Forum zu tun."
"Die Anhörung, das ganze Internationale Berufungsgericht, das war der höchste Standard", garantiert Stella. "Wir sollten diesen Raum nicht so anzweifeln, wie das hier geschieht." Vonseiten der FIA gab es am Freitag zu Briatores Ansagen keine weitere Äußerung.
Briatore sprach zwar wiederholt davon, man würde das Ergebnis des Prozesses akzeptieren. Trotzdem will sich Alpine laut ihm weitere Schritte vorbehalten: "Wir denken darüber nach. Nach dem Wochenende, danach denken wir. Vorerst weiß ich es nicht."



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