Die Formel 1 musste aufgrund der anhaltenden Krise im Nahen Osten ihre beiden Frühjahrs-Rennen in der Region bis auf weiteres aussetzen. Offiziell gilt die Absage der GPs in Bahrain und Saudi-Arabien nur für den April, alles andere ließ die Königsklasse offen. Doch jeder, der die Logistik der Königsklasse kennt und den Rennkalender sieht, weiß: In diesem Jahr noch eines der beiden Rennen unterzubringen, das wird schwierig.

Denn im Sommer ist aufgrund der extrem hohen Temperaturen in den beiden Golfstaaten ohnehin ein Rennen unmöglich und im Herbst platzt der Rennkalender aus allen Nähten. Schwierig ist es also allemal, da noch irgendwie Platz für Bahrain oder Jeddah zu finden. Aber unmöglich muss es nicht sein.

Formel-1-Kalender: Folgt man dem Vorbild der MotoGP?

Es gibt durchaus Szenarien, um die Rennen doch noch irgendwie durchzubekommen. Die realistischste Variante wäre etwa jene nach dem Vorbild der MotoGP. Diese verschob das Saisonfinale in Valencia um eine Woche nach hinten, um Platz für Katar zu schaffen. Das Rennen auf dem Lusail International Circuit war aus denselben Gründen abgesagt worden wie die beiden Formel-1-GPs.

Im Unterschied zur Vierrad-Königsklasse beendet die MotoGP aber ihre Saison schon im November. Das Finale der Formel 1 ist hingegen auf den 6. Dezember terminiert und bildet noch dazu den Abschluss eines Tripleheaders.

Dennoch soll es Überlegungen geben, das Problem nach demselben Prinzip zu lösen. Wie Ex-Formel-1-Fahrer Robert Doornbos in einem Podcast von Ziggo Sport erklärte, würde im Moment das Szenario ausgelotet, das Finale auf dem Yas Marina Circuit um eine Woche nach hinten zu verschieben, um auf dem originalen Abu-Dhabi-Termin stattdessen den Saudi-Arabien-GP abzuhalten.

Doornbos, der nach seiner aktiven Rennfahrer-Karriere eine Laufbahn als Unternehmer einschlug, und in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässig ist, tritt als Botschafter für den Abu-Dhabi-GP auf und ist deshalb im Umfeld des Finalrennens gut vernetzt. Wie akut die Verschiebungsideen sind, ist unklar. Fest steht nur, dass eine Ansetzung von Jeddah nach dem Rennen auf dem Yas Marina Circuit vertraglich nicht umsetzbar wäre. Denn dem Grand Prix in den Emiraten wird das Finalrennen per Vertrag zugesichert.

Quadruple-Header und FIA-Terminkollision: Das spricht gegen den Plan

Zwangsläufig würde das Szenario aber ergeben, dass die letzten vier Grands Prix direkt aufeinander folgen. Das wäre ein Novum in der Formel 1, das bei den Teams und deren im Herbst ohnehin schon stark belastetem Personal mit Sicherheit auf viel Widerstand stoßen würde, genauso wie die Verlängerung der Saison um eine Woche. Die Königsklasse könnte sich aber auf eine Ausnahme-Situation berufen. Auch dieses Vorgehen wäre nicht ohne Präzedenzfall. Vor 2020 galten etwa Tripleheader als rotes Tuch für die F1-Teams. In der Corona-Krise wurden diese zu einer Notwendigkeit.

Eine Verschiebung des Saisonfinales würde die FIA vor ein Planungsproblem stellen. Denn für den 12. Dezember ist eigentlich die FIA-Gala in Shanghai anberaumt. Der zentrale Punkt dieser Gala ist die Preisverleihung für sämtliche Weltmeisterschaften im Automobil- und Kartsport. Also auch der Formel 1.

Die Frage ist, wie unbedingt die Königsklasse noch mindestens einen der beiden gestrichenen Grands Prix durchbringen will. Alleine die Antrittsgebühren in Jeddah oder Bahrain bringen ihr jeweils mittlere zweistellige Millionensummen ein, mit allen weiteren Einnahmen rund um einen Grand Prix kann man mit einem Umsatz in Sphären von bis zu 100 Millionen Euro rechnen. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 vermeldete Liberty Media einen Gesamtumsatz durch die Formel 1 von ungefähr 3,3 Milliarden Euro und einen Gewinn von über 500 Millionen.

Saudi-Arabien ist über den staatlichen Ölkonzern Aramco ein zentraler Sponsor der Königsklasse. Dass Jeddah sich zudem geografisch weiter entfernt vom Persischen Golf befindet als etwa Bahrain und ferner von den Epizentren der Raketenangriffe aus der jüngeren Vergangenheit liegt, spricht zusätzlich dafür, dass eine Abhaltung von Saudi-Arabien realistischer ist als eine von Bahrain.

Bahrain und Saudi-Arabien im Herbst: Beinahe unmöglich

Für beide Golfstaaten ist die Formel 1 ein bedeutendes Prestigeobjekt und Teil ihrer Strategie, das Ansehen des eigenen Staates und den Tourismus zu fördern, um die auf den Rohstoff-Abbau zentrierte eigene Wirtschaft zu diversifizieren. Saudi-Arabien konnte bislang seit dem Debüt 2021 alle Rennen abhalten, auch wenn im zweiten Jahr ein Raketenalarm das Rennen ins Wackeln gebracht hatte. Bahrain hingegen ist das 'dienstälteste' Nahost-Rennen und befindet sich seit 2004 im Kalender. Es musste 2011 schon einmal abgesagt werden. Warum, das könnt ihr hier nachlesen:

Sowohl Bahrain als auch Jeddah noch im Rennkalender unterzubringen, das erscheint wie eine unmögliche Aufgabe, die nur mit reichlich Fantasie denkbar ist, beziehungsweise indem man den Formel-1-Teams im Herbst überhaupt keine Verschnaufpause mehr gönnt. Denn die einzigen beiden freien Termine sind der 18. Oktober und der 15. November. In beiden Fällen ist in der darauffolgenden Woche ein Rennen in Amerika geplant und es würden Monster-Kalender mit fünf oder mehr aufeinanderfolgenden Grands Prix entstehen.

So sieht der aktuelle Formel-1-Rennkalender aus:

Falls ein Rennen nachgeholt wird, wird es wohl der Saudi-Arabien-GP sein, aber selbst das ist zum jetzigen Zeitpunkt alles andere als sicher. Mit einer schnellen Entscheidung ist ohnehin nicht zu rechnen, solange die Lage im Nahen Osten zwischen den Konfliktparteien nach wie vor angespannt bleibt und von einem brüchigen Waffenstillstand abhängt.