"Ganz ehrlich, ich kann dieses Qualifying nicht ausstehen. Es ist ein verdammter Witz!", echauffierte sich Charles Leclerc am Funk während des Qualifyings in Japan. Der Hintergrund: "Ich bin in den Kurven schneller, trete früher aufs Gas und verliere wieder alles auf den Geraden!"

Für Leclerc sollte es trotz guter Runde daher nur für Platz vier reichen. Knapp vor dem McLaren von Lando Norris. Lewis Hamilton sortierte sich auf Platz sechs ein. Ist Ferraris Position als zweite Kraft der Formel 1 in Gefahr?

Charles Leclerc: Ferrari ist auf Geraden weit hinter Mercedes

Mercedes scheint mit der eigenen Power Unit noch immer deutlich besser als McLaren umgehen zu können. Ferrari kann als Werksteam, ähnlich wie die Silberpfeile, aus den Vollen schöpfen, muss sich nicht mit einem Kundenmotor herumschlagen. Dennoch ist die Scuderia mit ihrem Motor noch weit davon entfernt, das Niveau der Stuttgarter zu erreichen. Das wird besonders Ende Sektor zwei und in Sektor drei deutlich.

"Um ehrlich zu sein, was die Geschwindigkeit auf der Geraden angeht, waren wir einfach nicht schnell genug. Wir haben in diesen beiden Runden in Q3 auf der Geraden ziemlich viel verloren", sagt Charles Leclerc.

Das zeigen auch die Daten. Beide Versuche von Leclerc als auch Hamiltons schnellste Runde sind im ersten Sektor schneller als Antonellis Bestzeit. Hier hat der Ferrari noch genügend Energie. Bis Kurve zwölf liegen sowohl Leclerc als auch Hamilton vor Pole-Setter Antonelli. Dessen Teamkollege George Russell lag aufgrund von Setup-Problemen deutlich hinter dem Italiener. Doch ab da gibt der Mercedes den Ton an - und zwar deutlich. Das Energiemanagement ist in der neuen Formel-1-Ära entscheidend.

Bis zur Spoon-Kurve liegt Leclerc noch gleichauf. Danach wird es für Ferrari verheerend. Von Ausgang Spoon bis zur Ziellinie verliert Leclerc sechs Zehntel. Hamilton tut es dem Monegassen gleich. Selbst mit Leclercs theoretischer Bestzeit würde er noch drei Zehntel auf diesem Abschnitt verlieren. In der Spitze fehlen ihm im zweiten Versuch 10 Km/h. Ein Unterschied, der sich über die gesamte Gerade zieht.

Genauer aufgedröselt werden die Ferrari-Probleme am Kurvenausgang deutlich. Auf den wenigen Metern von Kurve 17 bis zum Ziel verliert Leclerc auf seinem letzten Versuch und mit seiner theoretischen Bestzeit mindestens eine Zehntel. Damit dürfte es auch im Rennen schwierig werden, Positionen gegen Mercedes zu halten – selbst mit einem Wunder-Start wie an den ersten beiden Rennwochenenden.

In Leclercs erstem Versuch ist er auf der Geraden hin zu Kurve 16 übrigens schneller. Dafür war er in der Kurve langsamer. Sein Zeitgewinn dort hat ihn also letztendlich nur Zeit auf der Geraden gekostet und ihn insgesamt im Vergleich gerade einmal drei Hundertstel nach vorne gespült. Daher auch sein Frust im Teamfunk.

Lewis Hamilton: Ich war nicht da, wo ich sein wollte

Lewis Hamilton fehlten knapp zwei Zehntel auf den eigenen Teamkollegen. "Das war okay. Ich war nicht da, wo ich sein wollte, aber das Auto hat sich teilweise solide angefühlt", so der Rekordweltmeister.

Die Probleme bei ihm sind dieselben wie bei Leclerc, nur ein bis zwei Zehntel weiter nach hinten verschoben. "Rein leistungsmäßig liegen wir weit hinter dem Mercedes-Motor zurück. Was das ist, weiß ich nicht, vielleicht ein größerer Turbo oder mehr Kurbelwellenleistung oder etwas anderes", mutmaßt Hamilton.

Doch das Energie-Problem kostet Ferrari nicht nur Rundenzeit, sondern Hamilton auch den Spaß. Besonders in Suzuka. "Sobald man in Kurve sechs kommt, kann man nicht mehr ganz am Limit fahren. Man muss Batterieleistung sparen. In dieser Hinsicht ist es definitiv eines der am wenigsten spaßigen Qualifyings", sagt Hamilton.

Ferrari: Wird McLaren am Sonntag der Gegner?

Mercedes scheint damit vorerst enteilt. Nur ein Raketenstart würde Ferrari zumindest die kleine Chance im Kampf um den Sieg geben. Schließlich lief der Ferrari im Rennen bisher immer besser als im Qualifying. Der realistischere Gegner ist aber McLaren. Das deutete sich schon am Freitag an. Die Papayas stehen jeweils genau vor den beiden Ferrari-Piloten, die könnten dank des Start-Vorteils aber bis Kurve eins vorbeigezogen sein.

"Im Rennen sind wir meiner Meinung nach einen kleinen Schritt voraus, aber ich möchte mich nicht zu früh festlegen. Ich glaube, McLaren hat an diesem Wochenende einen großen Sprung nach vorne gemacht", sagt Leclerc.

Auch Teamchef Frederic Vasseur setzt bei Sky auf den Renn-Ferrari. "Bisher waren wir im Rennen immer besser. Aber das ist nicht gesetzt. Wir brauchen erstmal einen guten Start. Denn es wird nicht einfach in Suzuka zu überholen."

Ist Suzuka noch eine Mutstrecke? Wir haben darüber in unserem neuen Video gesprochen. Klickt euch rein!

McLaren-Pace gibt Rätsel auf - Was ist mit Ferrari los? (14:57 Min.)