Es erscheint unglaublich simpel, Ferrari für das erste Rennen der Formel-1-Saison 2026 zu verteufeln. Charles Leclerc lag in Führung, verteidigte sich sensationell gegen den vermeintlich übermächtigen Mercedes, und dann verschenkten seine Strategen alles. Die Renn-Analyse von Motorsport-Magazin.com versucht, Chancen und Hintergründe zu verstehen.
Leclerc hatte sich am Start mit dem seit den Testfahrten patentierten Ferrari-Raketenstart von Platz 4 auf Platz 1 katapultiert. In den darauffolgenden 12 Runden wurde er zum Albtraum von Polesetter George Russell, der sich ein ums andere Mal an Leclercs Defensiv-Manöver und auch an seinem Batterie-Management die Zähne ausbiss.
Dann kam in Runde 12 das erste Virtuelle Safety Car, und Ferrari ließ Leclerc sowie den auf Platz drei liegenden Lewis Hamilton draußen, während Mercedes Russell und den auf Platz vier liegenden Kimi Antonelli zum Stopp rief.
Logisch schien für Ferrari eine andere Strategie. Ein Split, wie ihn Hamilton später schon am Funk gerne gehabt hätte. Wäre Leclerc reingekommen, so wäre er vor den Mercedes geblieben, die er schon fast für ein Fünftel des Rennens im Griff gehabt hätte. Hamilton hätte man dafür draußen lassen können, um sich gegen Eventualitäten abzusichern.
Warum bei VSC nicht stoppen? Die Ferrari-Logik dahinter
"An diesem Punkt im Rennen erwartete niemand, mit einer 1-Stopp zu jenem Zeitpunkt durchzukommen", verteidigt Ferrari-Teamchef Fred Vasseur danach. Das waren gerade gängige Zweifel, wie Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin später einräumt: "Wir waren uns nicht ganz sicher, ob wir mit einem so frühen Stopp durchkommen."
Tatsächlich begann bei George Russell auf halbem Weg in seinem 46-Runden-Stint auch Graining der Vorderreifen. Doch er konnte diese Gummi-Verunreinigung ohne allzu schlimmen Pace-Einbruch über mehrere Runden hinweg wieder loswerden. Andere, wie McLaren und Red Bull, hatten damit deutlich größere Probleme. Die Ferrari-Angst war also nicht völlig abwegig.
Weiters war die Konstellation der Autos an der Boxeneinfahrt ungünstig. Mercedes wartete bis zur letzten Sekunde, um Russell die Stopp-Order zu erteilen. Der Faktor war für Ferrari daher nicht berechenbar. Wäre Leclerc abgebogen, hätte Russell reagieren und draußenbleiben können. Dann hätte Leclerc zwar dank VSC mehrere Sekunden gespart, wäre aber im strategischen Niemandsland, zu früh für eine lockere 1-Stopp-Strategie, während Russell nun in freier Fahrt die wahre Pace des Mercedes hätte ausspielen können.
Wie stark war der Mercedes in Australien wirklich?
Denn was Ferrari auch strategisch bedrängte, war die wohl doch deutlich bessere wahre Pace des Mercedes. Russell zeigte das, sobald er nach dem Stopp freie Fahrt hatte. In 10 Runden machte er auf neuen Hard-Reifen 10 Sekunden auf Leclerc gut, obwohl er da wusste, dass er für eine mögliche 1-Stopp-Strategie die Reifen vorsichtig anfahren musste. Beim nächsten VSC in Runde 18 war er boxenstoppbereinigt schon locker in Führung.
Hätte Ferrari also da stoppen dürfen - durfte man nicht, weil die Boxeneinfahrt wegen des dort liegengebliebenen Valtteri Bottas geschlossen wurde -, dann wären man ohne nennenswerten Vorteil hinter Russell zurückgefallen. Leclerc stoppte in der Praxis erst in Runde 25, hatte also einen viel kürzeren Weg und weniger Reifen-Management vor sich, doch auf den neuen Reifen gewann er in den nächsten Runden nicht einmal drei Sekunden. Dann stabilisierte sich die Lücke schließlich bei 15 Sekunden. So auffällig, dass man versucht ist, Russell Absicht zu unterstellen.
Die letzten 20 Runden lassen sich leicht wie folgt interpretieren: Mercedes hatte einen signifikanten Pace-Vorteil. So signifikant, dass man sich einen sehr frühen Stopp leisten konnte, im Wissen, dass Russell so viel in der Hinterhand hatte, dass er sofort die VSC-Lücke zufahren konnte, und später dann den Vorsprung trotzdem verwalten konnte. 15 Sekunden ist schließlich eine schöne Lücke. Wohl kaum durch Zufall genau groß genug, um bei einer weiteren Neutralisierung durch Safety Car oder VSC gefahrlos zu stoppen und in Führung zu bleiben.
Hätte Charles Leclerc George Russell bis ins Ziel halten können?
Das sind aber andererseits auch nur weitere Argumente für Ferrari, aggressiv einen frühen Stopp unter VSC zu riskieren. Schließlich hatte Leclerc eben schon 11 Runden lang Russell erfolgreich hinter sich gehalten. Denn auch wenn die Action der ersten Runden vielleicht einen anderen Eindruck hinterlassen haben mag, so war Überholen in Australien 2026 in Wahrheit immer noch schwierig und verlangte nach einem geschätzten Pace-Vorteil von etwas weniger als einer Sekunde.
Man sah es auch an Max Verstappen und Lando Norris, die sich gegen Ende in recht ähnlichen Autos trafen. Verstappen kam nicht einmal in eine realistische Angriffsposition. Dass Russell 11 Runden lang hinter Leclerc so viel Druck machte, ist ein weiteres Argument für einen deutlichen Mercedes-Vorteil. Nicht die nötigen sieben bis neun Zehntel, die es für ein Überholmanöver braucht, aber doch signifikant.
Das lässt zweifeln, wie lange Leclerc Russell nach dem Stopp bei einem 48-Runden-Schluss-Stint hinter sich halten hätte können. Selbst bei späterem Stopp konnte er nämlich keine konstante Pace fahren. Seine Zeiten rutschten hintenraus langsam, aber doch merklich ab, während Russell seine 15-Sekunden-Lücke scheinbar genau auf Leclercs Pace auszurichten schien. Trotzdem - einen Versuch wäre es wert gewesen für Ferrari. Zu verlieren hatte man nichts.



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