Vor etwas mehr als einem Jahr sorgte das Motorsport-Magazin mit Print-Ausgabe #98 für etwas Verstimmung in Ingolstadt. Farben und das Motiv gefielen, war schließlich das 2022er Showcar in der damaligen Audi-Lackierung zu sehen. Allerdings stand darüber dick und in großen Lettern geschrieben: KAPITALER AUDI FEHLSTART. Im November 2025 sieht die Welt - nicht nur wegen des Design-Launches - etwas anders aus.

Audi hatte zuvor das gesamte F1-Projekt umgekrempelt. Andreas Seidl und Oliver Hoffmann mussten gehen, Mattia Binotto wurde der neue starke Mann. Seither hat sich eine ganze Menge getan. In Ingolstadt, in Neuburg und in Hinwil. Audi hat aus dem Fehlstart nur noch ein Turboloch gemacht.

Maßgeblich ist dafür das Commitment von Audi-Boss Gernot Döllner. Als er im September 2023 von Markus Duesmann als Vorstandsvorsitzender der Audi AG übernahm, erbte er das Formel-1-Projekt von ihm. Duesmann war großer Motorsport-Fan, der Formel-1-Einstieg sein Traum.

Das Cover von Print-Ausgabe #98 sorgte für Diskussionen, Foto: Motorsport-Magazin
Das Cover von Print-Ausgabe #98 sorgte für Diskussionen, Foto: Motorsport-Magazin

Für die Marke Audi gab es aber in den letzten Jahren wichtigere Themen als Formel 1. Deshalb war die Königklasse bei Döllner nicht höchste Priorität. Er wollte eine Neubeurteilung des Projekts. Das kostete aber Zeit. Auch wenn er mir hier widerspricht: "Ich würde nicht sagen, dass wir Zeit verloren haben. Ein Projekt wie dieses, geht immer durch Phasen."

Halbgas kostet Audi Zeit

Warum ich anderer Meinung bin? Audi entschied sich schon mit Verspätung, in die Formel 1 einzusteigen. Von Tag 1 war man im Hintertreffen. Man war noch mit dem Aufbau der Infrastruktur der Motorenfabrik in Neuburg beschäftigt, als die Konkurrenz schon längst am 2026er Motor entwickelte.

Motorsport-Magazin.com-Redakteur Christian Menath schaut sich das Audi R26 Concept für die Formel-1-Saison 2026 an
Christian hat sich bei Audi ganz genau umgesehen, Foto: Audi

Dazu kam das zögerliche Investment in Hinwil. Das Team musste umgekrempelt und aufgestockt werden. Doch die Mittel dafür wurden in Ingolstadt nicht so freigegeben, wie man sich das erhofft hatte. Inzwischen ist es anders.

"Es gibt zwei Wege, Formel 1 zu machen", sagte Döllner bei der Präsentation des R26 Concepts. "Richtig oder gar nicht." Audi und Döllner haben sich für richtig entschieden, aber etwas spät eben.

Zuvor hatte man Strukturen geschaffen, die nicht funktionieren konnten. Die Ernennung von Entwicklungsvorstand Oliver Hoffmann zum Generalbevollmächtigten des F1-Projekts war wohl der größte Fehler. Wenn ein Formel-1-Team Konzern-Strukturen bekommt, ist es zum Scheitern verurteilt.

Die Formel 1 braucht dynamische Strukturen und vor allem Expertise. Die hatte man eigentlich mit Andreas Seidl. Es war von Anfang an klar, dass diese Doppelspitze so nicht funktionieren würde.

Seidl wurde so verheizt. Wie einige andere auch. Vom ursprünglichen Führungsteam, das seit Stunde 0 mit dem Projekt vertraut war, sind nur noch Motoren-Chef Stefan Dreyer und Chef-Berater Allan McNish geblieben.

Binotto, Katar & Sauber-Übernahme: Audi stellt Weichen

Mit Mattia Binotto hat man einen guten Nachfolger für Seidl gefunden. Er weiß, was ein Top-Team braucht und er kennt alle drei Seiten: Rennteam, Chassis-Abteilung und Motorenfabrik. Dass man ihn - mit etwas Verzögerung - nun auch zur klaren Nummer 1 gemacht hat, war richtig und wichtig. Mit Jonathan Wheatley hat man einen weiteren Top-Mann verpflichtet. Wie die Arbeitsteilung auf Dauer funktioniert, bleibt abzuwarten.

Dazu hat man mit dem Investment von QIA, dem katarischen Staatsfond, einen wichtigen Partner. Nicht nur Geld kommt aus Katar, auch Ruhe. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das Formel-1-Projekt für Audi kommunikativ intern eine schwierige Angelegenheit. Auch wenn die Budgetobergrenze dafür sorgt, dass der laufende Betrieb zumindest auf Team-Seite Kosten-neutral sein sollte. Der Einstieg der Kataris war ein wichtiges Signal.

Entscheidend war auch die beschleunigte, vollständige Übernahme des Sauber-Teams. Das Projekt bekam das Tempo, das von Tag 1 an nötig gewesen wäre. "Es ist kein Geheimnis, dass wir viele Fragen gestellt haben, aber wir haben einen stärkeren Plan gemacht", meint Döllner. Hier stimme ich ihm zu. Audi hat am Start verloren, aber jetzt steht man auf dem Gas.

Audis Start in der Formel 1 wird schwierig

2026 wird eine schwierige Saison. Weil Sauber noch nicht so weit ist, ein Top-Team zu sein. Und weil der Motor ein riesengroßes Fragezeichen ist. Wenn der Audi-V6 von Tag eins an konkurrenzfähig wäre, hätten Mercedes, Ferrari und Honda etwas falsch gemacht. Sie haben nicht nur den Vorteil der bestehenden Infrastruktur samt hochspezialisierten Ingenieuren, sondern auch unzählige Referenzdaten. Denn bei aller Technik-Revolution: Der Basis-Motor bleibt fast identisch.

Audi will 2030 um den Titel kämpfen. Der Anfang wird - da macht man sich auch in Ingolstadt keine Illusionen - hart. Aber zumindest weiß man, worauf man sich einlässt. Wunder erwartet am Anfang niemand. Das ist gut so. Gut ist auch, wie man jetzt auf dem Gas steht. Eine Garantie gibt es in der Formel 1 nie, aber die Marschrichtung und vor allem das Tempo stimmen nun.

Bei der Präsentation des R26 Concepts hat Audi Statements gemacht. Warum Design, Ziele und Event Ansagen sind, erzählt euch Christian im Video:

Audi enthüllt Formel-1-Design 2026: Provokation gegen Mercedes? (09:24 Min.)