"Aussie-Iceman, der eiskalte Vollstrecker aus Melbourne." "Der neue Eisblock der Formel 1." Nachdem Oscar Piastri in Saudi-Arabien die WM-Führung an sich gerissen hatte, überschlugen sich die Schlagzeilen über den McLaren-Piloten. Immerhin war er der erste Australier seit Mark Webber 2010, der die Fahrerwertung anführte.
Seit dem Mexiko GP ist er die WM-Führung los und die Vergleiche mit dem Iceman Kimi Räikkönen schmelzen dahin. Dabei hinkte der Vergleich mit dem Finnen, der "in Ruhe gelassen werden will, weil er weiß, was er tut" [Anspielung auf Funkspruch Abu Dhabi 2012; Anm. der Redaktion], von Anfang an. Schon klar: Die Formel 1 lebt von echten Typen, die eben nicht das übliche PR-Gequassel von sich geben und da kommt Oscar Piastri gerade recht.
Iceman-Klischee passt nicht
Während sein Teamkollege Lando Norris sein Herz auf der Zunge trägt und sowohl seine Gefühle als auch seine Selbstzweifel nicht zu verbergen versucht, lässt sich Piastri nichts anmerken. Ob er einen Fehler macht und sich dreht, die Pole Position mit einer halben Sekunde Vorsprung erobert, Teamorder zugunsten seines Teamkollegen befolgt oder eine Siegesserie einfährt - seine Reaktion ist fast immer dieselbe.
Bis zu einem gewissen Grad liegt ihm diese gelassene Art als Australier wohl im Blut, doch Piastri gibt offen zu, dass auch viel bewusste Anstrengung dahintersteckt. "Das Funkgerät hat einen Knopf, und den benutzt man, wenn man denkt, dass es angebracht ist. Da gibt es sicher mehr, was man unter dem Helm nicht sieht." Das macht den McLaren-Piloten vermutlich zu einem guten Pokerspieler, aber nicht zu einem Iceman 2.0.
Diesen Spitznamen bekam Kimi Räikkönen einst von Ron Dennis verpasst. Was Räikkönen in seiner fast 20-jährigen F1-Karriere ausmachte, war, dass er auf das ganze Tamtam in der Formel 1 keinen Bock hatte und das offen kommunizierte. "Schön an meinem Beruf waren immer das Fahren, der Kampf Mann gegen Mann, die Arbeit mit meinem Team – aber sicher nicht, in Pressekonferenzen zu hocken", sagte der Finne in seiner unverblümten Art.
Piastri geht methodisch vor
Als Journalist wusste man schon im Vorfeld, Räikkönen nach seinem Qualifying zu fragen, würde nur einen der üblichen Drei-Wort-Sätze ("Es war schwierig." "Das wird ein langes Rennen." "Das Rennen ist morgen.") hervorholen. Räikkönen war es immer egal, was andere über ihn dachten oder was von einem F1-Fahrer erwartet wurde. Er war ein Typ – und genau das war der Grund für seine riesige Popularität. Piastri geht hingegen sehr methodisch und vorausschauend vor.
Selbst sein Manager Mark Webber beschreibt ihn als einen Menschen, der in dem, was er tut, sehr chirurgisch vorgeht. So jemand würde nie in einem Affen-Kostüm an einem Schnellbootrennen teilnehmen. Und das muss er auch nicht. Piastri ist Piastri. Er hat für sich einen Weg im F1-Zirkus gefunden. Wenn er am Funk doch einmal seinen Emotionen freien Lauf lässt wie in Singapur, dann ist das einfach nur ehrlich – und zumindest das hat er mit Räikkönen gemein.
Die GPs in Austin und Mexiko wurden für Oscar Piastri zu einer mittleren Katastrophe. Wie schlecht ist Piastri auf den beiden F1-Strecken wirklich? Und wie gut liegt ihm der restliche Kalender? Das erfährst du hier:



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