Red Bull überraschte im Rennen der Formel 1 von Mexiko alle. Mit einem Start auf Medium fuhr Max Verstappen eine konträre Strategie, und damit schon fast überraschend an allen vorbei auf das Podium. Aber - wie eigentlich? Die Renn-Analyse hinterfragt, ob nicht die Strategen von McLaren und Mercedes eine viel wichtigere Rolle dabei spielten als jene von Red Bull.

Verstappen war schließlich zu Beginn immer weiter von einem potenziellen Podium abgefallen. In wenigen Runden demonstrierte er, dass der Medium in Mexiko kein guter Reifen war. Sich zum späten Stopp retten war also die Devise. Opportunistisch suchte Verstappen in Runde 6 mit Kontakt da gleich das Duell mit Lewis Hamilton. Der Ferrari hielt im Kampf um Platz 3 hart dagegen, beide kürzten aufeinanderfolgende Kurven ab, Hamilton blieb vorn und wurde mit 10 Sekunden Strafe belohnt.

Verstappen seinerseits wurde auf dreckigen Reifen von Oliver Bearman aus dem Weg geboxt. Das öffnete auch die Tür für Kimi Antonelli, da George Russell dem Trubel ausweichen hatte müssen. Mit Einbezug der Hamilton-Strafe war nun der Kampf um den dritten Platz erst einmal sortiert: Bearman hielt ihn vor Verstappen, Antonelli, Russell und dem von hinten drängelnden Oscar Piastri.

Piastri lässt erstes Mercedes-Zögern beim ersten Stopp unbestraft

Die Situation beruhigte sich erst einmal hin zum ersten Boxenstopp, da alle mit vollen Tanks Probleme in der Dirty Air hatten. Verstappen riss von Bearman ab, Antonelli schaffte es nicht in Verstappens DRS. In Runde 22 holte Mercedes Antonelli zu einem überraschend aggressiven frühen Stopp. Vielleicht, um sicherzugehen, dass man von der Hamilton-Strafe profitieren würde, aber Hamiltons Pace war da schon nicht gut genug, um sich eine schützende Lücke aufzufahren.

Antonelli löste erwartbare Reaktionen aus. In Runde 24 kam Bearman. Und mit ihm Piastri. Der jetzt die Undercut-Karte gegen Russell zog, der trotz des Stopps seines Teamkollegen draußen geblieben war. Plötzlich war er massiv exponiert gegen McLaren - doch daraus wurde nichts. Der übliche Pleiten-Stopp von McLaren kostete Piastri eine Sekunde, vier Zehntel verlor er auf einer schlechten Inlap, und fünf Zehntel auf der Outlap, weil er im Stadion hinter einem auf Hard herumrollenden Alex Albon steckenblieb. Russell kam nach seinem Stopp 6 Zehntel vor Piastri wieder raus.

Bearman hatte seinen dritten Platz aber behauptet. Das ließ nun die Gemüter der hinter ihm Feststeckenden heiß laufen. Russell forderte laut Teamorder, um von Antonelli vorbeigelassen zu werden und sein Glück beim Haas zu versuchen. Mercedes zögerte es mehrere Runden lang hinaus. "Letztendlich zu lang, dann war es unnötig", ärgert sich Russell über den erst in Runde 41 erfolgten Tausch. "Entweder sofort oder gar nicht."

Warum stoppen Piastri & Mercedes ein zweites Mal?

Jetzt stockte die Angelegenheit. Die überhitzenden Mercedes hatten auch in gestürzter Reihenfolge keine Chance gegen Bearman. Piastri steckte aber hinter den Mercedes. Einer der gefürchteten DRS-Züge hatte sich gebildet. Piastri schätzte auf Team-Nachfrage, er könnte mindestens eine halbe Sekunde schneller. Aber da Antonelli vor ihm DRS in Verwendung hatte, war an Überholen nicht zu denken. Dann braucht es in Mexiko aufwärts von einer Sekunde Pace-Vorteil.

Verstappen bewegte sich nur am Rande dieser Angelegenheit. Er hatte in Runde 38 den Medium abgegeben und jetzt auf Soft einen Reifenvorteil. Konstant war er eine Sekunde schneller als der Viererzug. Der war trotzdem mit sich selbst beschäftigt. Bei Piastri wurden die Diskussionen um einen zweiten Stopp konkreter. "Wir wollten ihn in freie Luft bekommen, damit er die Pace des Autos nutzen kann", bestätigt McLaren-Teamchef Andrea Stella später.

McLaren war sich unsicher. In Runde 46 verlor der nach seinem frühen Stopp in immer größere Schieflage geratene Antonelli Russells DRS. McLaren empfahl Piastri "box to overtake". Das heißt eigentlich nur stoppen, wenn der Vordermann weiterfährt. Sonst bleibt man draußen. McLaren schränkte aber zusätzlich ein: Piastri könne weiterfahren, sofern er glaube, dass er Antonelli in Runde 47 überholen könnte. Piastri blieb draußen, Antonelli verteidigte sich erfolgreich. Damit hatte McLaren die Konkurrenz-Strategen nun erst recht aufgeweckt.

Mercedes entschied auf Antonelli-Stopp in Runde 48. McLaren erneuerte "box to overtake", wechselte vier Kurven vor der Einfahrt auf "just box - box to overtake" - was auch immer man genau wollte, Piastri bog jedenfalls hinter Antonelli in die Boxengasse ab. Ein Blitz-Stopp machte die Konfusion vergessen, dank nur 2,1 Sekunden Standzeit ging er kampflos an Antonelli (4,46 Sekunden) vorbei. Da ihre Zugkameraden weg waren, deckten Bearman und Russell in der nächsten Runde ab. "In unserer Position wäre das gefährlich gewesen", meint Bearman später. "Aufs Podium zu gehen, nur um womöglich auf P6 oder P7 zu landen."

McLaren und Mercedes öffnen Verstappen mit nächsten Stopps Tür und Tor

Der Viererzug war weg. Und Verstappen? Hatte unerwartet 13 Sekunden frische Luft, um nicht nur Platz drei abzusichern, sondern sogar noch einen (letztlich erfolglosen) Angriff in Richtung des auf Medium hadernden Zweiten Charles Leclerc zu wagen. Die Angelegenheit wirkt rückblickend wie ein Geschenk monumentalen Ausmaßes. Hätten Antonelli und Piastri die zweite Stopp-Welle nicht losgetreten, so war die Gefahr eines siebten Platzes sehr real.

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Noch einmal zum schwierigen Überholen in Mexiko: "Wenn du nicht in der ersten Runde mit einem Überholmanöver Erfolg hast, dann ist es sehr schwierig", meint etwa Ferrari-Teamchef Fred Vasseur. Denn dann beginnt alles sofort zu überhitzen. "Sogar mit sechs, sieben Zehnteln Vorteil." Und viel schlimmer wird es, wenn das Auto vor einem ebenfalls DRS hat. Genau das blühte Verstappen. Er wäre auf Piastri aufgelaufen, der mit einem viel schnelleren Auto im Getriebe von Antonelli feststeckte.

Piastri hatte nach dem zweiten Stopp in drei Runden freier Luft kurz gezeigt, dass er gut acht Zehntel schneller war als Russell, dem er schließlich noch Platz 5 abnahm. Aber Russell hatte da kein DRS mehr. Und der McLaren war in Mexiko unglaublich gut darin, im Verkehr nicht zu überhitzen. Verstappen war gut eine Sekunde schneller als die DRS-Gruppe gewesen, als er vor deren Stopps zu ihnen aufschloss. Sein erstes Ziel wäre jedoch auf alternden Reifen ein mit DRS im Antonelli-Windschatten hängender Piastri gewesen.

Das wäre es dann wohl gewesen mit Verstappens Rennen - ein Überholmanöver ginge nur mit maximalem Risiko. Was brachten die zweiten Stopps also? Piastri halfen sie zu P5 statt P6. Aber Verstappen womöglich zu P3 statt P7.